Die Aufgabe des Vaters im ersten Jahrsiebt der kindlichen Entwicklung

Was ist die Rolle des Väterlichen beim kleinen Kind?

Vatersein ist ein biologisches, seelisches und geistiges Phänomen. Diese drei Aspekte des Väterlichen fallen nicht immer zusammen – weder zeitlich noch räumlich. Es gibt Väter, bei denen sich die Rolle des Väterlichen im Biologischen erschöpft. Andere wiederum haben mit dem Biologischen gar nichts zu tun, weil sie nicht die leiblichen Väter sind, und sie erfüllen trotzdem voll die Aufgabe der seelischen Vaterschaft. Darüber hinaus gibt es eine geistige Dimension, von der man zwar heute noch den Eindruck hat, dass sie eine geringe Rolle spielt, die aber dennoch eine wesentliche Komponente des Vaterseins ist.

Es sei jetzt einmal davon ausgegangen, dass sich diese drei Möglichkeiten in einer Person vereinigen, was voraussetzt, dass eine verbindliche Beziehung gegenseitiger Zuneigung zwischen Vater und Mutter besteht, in der beide sich auf ein Kind freuen und es auch bekommen.

Wahrnehmende Anteilnahme des Vaters

In den ersten Jahren ist die Bedeutung des Vaterseins noch stark mit seiner biologischen Rolle verbunden. In biologischer Hinsicht ist der Väter zwar derjenige, der den Anstoß zur Schwangerschaft gibt, diese jedoch nicht auszutragen hat. Durch die Tatsache, dass er weder zum Austragen des Kindes noch zur Milchbildung befähigt ist, ist er körperlich ungebunden und frei, an diesem ganzen Prozess mehr von außen Anteil zu nehmen. Eine entscheidende Voraussetzung für das Gedeihen der Familie, liegt in dem bewussten Aufgreifen seiner Möglichkeiten als Vater in Form von liebevoller Anteilnahme und Wahrnehmung von Mutter und Kind. Die Mutter spürt, ob der Vater sie im Bewusstsein trägt oder nicht und ob er innerlich Anteil nimmt oder nicht. Das Kind bekommt seine Haltung durch seine enge Beziehung zur Mutter ebenfalls mit. Dabei spielt der Beruf keine große Rolle: Der Vater kann als Diplomat beispielsweise monatelang von zu Hause fort sein, er kann als Vertreter in der Wirtschaft ein reiner „Wochenend-Papa“ sein, er kann in einem Restaurant tätig sein und morgens lange ausschlafen, um am Spätvormittag schon wieder zu verschwinden – ganz unabhängig von der Dauer und Häufigkeit seiner An- oder Abwesenheit spürt die Mutter den Grad seiner inneren Beteiligung an ihr und dem Kind. Hier kommt es nicht auf viele Worte an, sondern darauf, ob er seiner Freude und Anteilnahme an dem Kind Ausdruck verleihen kann oder nicht.

Dieses wahrnehmende Anteilnehmen ist im Grunde die wichtigste Aufgabe des Vaters in der ersten Zeit. Darüber wird in vielen großen Biographien rückblickend mit Dankbarkeit gesprochen. Besonders schön ist die Schilderung von Jacques Lusseyran in seiner Autobiographie.1 Was er als das Glück seiner Kindheit empfand, war das Gefühl des Getragen-Werdens vom elterlichen Bewusstsein: „Meine Eltern – das war Schutz, Ver-trauen, Wärme. Wenn ich an meine Kindheit denke, spüre ich noch heute das Gefühl der Wärme über mir, hinter mir und um mich, dieses wunderbare Gefühl, noch nicht auf eigene Rechnung zu leben, sondern sich ganz, mit Leib und Seele, auf andere zu stützen, welche einem die Last abnehmen.“ Dieses Empfinden in der Wärme zu leben, nährt sich aus dem Erlebnis der Anwesenheit eines liebevoll wahrnehmenden Bewusstseins.

Was hat ein Kind von einem Vater, der fast nie da ist, den es nur hin und wieder sieht?

In dem Fall ist es entscheidend, wie stark die Mutter innerlich mit dem Vater verbunden ist. Wenn die Mutter spürt, dass der Vater sie wahrnimmt und innerlich mitnimmt, fühlt sich das Kind von Harmonie und Dankbarkeit umhüllt. Erwähnt die Mutter gegenüber ihrem Säugling oder Kleinkind im Laufe des Tages immer wieder auch den Vater, indem sie ihn in den Ablauf des Tages mit einbezieht, so ist er für das Kind anwesend, auch wenn er als Person abwesend ist. Das Kind empfindet trotzdem seine Nähe. Auch wenn die Mutter mit dem schon etwas älteren Kind viel vom Vater spricht – „Weißt du, was der Papa jetzt macht? Weiß du, wo der Papa jetzt ist? Jetzt kaufen wir dies für den Papa, jetzt machen wir für den Papa das Bett“ – erlebt das Kind, dass der Vater in alles mit einbezogen ist.

Eine Frau erzählte mir einmal eine entsprechende Kindheitserinnerung. Ihr Vater war Lehrer und in verschiedenen sozialen Zusammenhängen sehr engagiert und selten zu Hause. Morgens und abends sahen die Kinder ihn selten, zum Mittagessen jedoch häufiger. Sie waren mehrere Geschwister und sie erinnerte sich noch genau daran, dass ihre Mutter, wenn sie wusste, dass der Vater zum Mittagessen nach Hause kommen würde und schon spät dran war, die Kinder ausschickte, um zu schauen, ob sie ihn schon sehen könnten. Wenn er sich dann in der Ferne zeigte, rannte die kleine Mannschaft ihm entgegen. Das laute „Er kommt!“, mit dem die Kinder das Haus verließen, signalisierte der Mutter, dass es nun an der Zeit war, das Essen nochmals warm zu machen.

Die Mutter hätte ja auch sauer sein können, weil der Ehemann schon wieder zu spät dran war, wo er ohnehin fast nie da war und sich viel zu wenig für die Kinder interessierte und am Familienleben kaum noch teilnahm… Wie anders war das Nachhause-Kommen für die ganze Familie, das stattdessen ein gemeinsames Essen in freudiger Atmosphäre stattfand, bei dem die Eltern sich gegenseitig die Vorkommnisse des Tages erzählten, wichtige Mitteilungen machten über dieses und jenes und noch verabredeten, wie der Abend und der morgige Tag sich gestalten würde. Nichts ist für Kinder wichtiger, als das Interesse der Eltern aneinander zu erleben. Diese Art der Vaterschaft, die das Kind über die Verbindung der Mutter mit ihm erlebt – wie sie sein Leben akzeptiert und mitträgt und ihn dabei liebhat – bleibt etwa bis zum ersten Schulalter bestehen. Auch wenn er davor schon eine starke Beziehung zu seinem Kind hatte – die Hauptfigur in der frühen Kindheit war doch die Mutter (vgl. Muttersein: Muttersein als Beruf).

Auszug aus dem Kapitel „Der Vater in der Erziehung“, Elternsprechstunde, Verlag Urachhaus, Stuttgart

  1. Lusseyran, Jaques; Das wiedergefundene Licht