Waldorfpädagogik als Erziehung zur Freiheit

Was sind die physiologisch-konstitutionellen Voraussetzungen für Freiheit?

Inwiefern ist Waldorfpädagogik Erziehung zur Freiheit?

Alle Säugetiere haben, wenn sie noch klein sind, dieselben Formen und Anlagen wie wir Menschen. Diese gehen jedoch im Laufe der Entwicklung verloren. Was sagt uns das? Je spezialisierter die Gliedmaßen und Körperteile werden, umso weniger frei kann das Lebewesen sie handhaben. Das kann man gut an der Art sehen, wie sich die Tiere vom Menschen weg entwickeln, indem sie sich spezialisieren (vgl. Anthroposophische Menschenkunde: Zwischen Tier und Mensch unterscheiden).

Nehmen wir zum Beispiel das Fluggelenk in seiner Anlage im Vergleich von Mensch und Tier:

  • Es entwickelt sich aus der Armanlage, ist hoch spezialisiert und ermöglicht es den Vögeln zu fliegen.

  • Der Mensch dagegen kann mit seinen Armen zwar nicht fliegen, aber wir können mit unseren Armen und Händen Musik machen, zeichnen, malen, können jemanden streicheln – wir sind frei zu wählen, wofür wir unsere Arme – Organe der Freiheit, der Möglichkeit zu vielem – einsetzen wollen.

Waldorfpädagogik will Erziehung zur Freiheit sein. Das bedeutet konsequenterweise, in der frühen Kindheit bis hin zu den ersten Schuljahren, weitestgehend auf Spezialisierung zu verzichten. Je mehr das Kind die Möglichkeit bekommt, als „allgemein-menschliches Instrument“ ein breites Spektrum an Fähigkeiten zu veranlagen, umso menschlicher, umso weniger „tierisch“ im besten Sinn des Wortes, wird dann der erwachsene Mensch sein.

Entwicklungs- und Schicksalsexperten werden

In diesem Sinne sollten wir uns bemühen, Experten des physischen Leibes und der physischen Entwicklung zu werden und die Schritte der Ich-Werdung ernst nehmen (vgl. Waldorfpädagogik: Entwicklungsphasen und Pädagogik im Schulalter), sollten wir uns immer wieder neu das Mysterium der Inkarnation erarbeiten. Denn alle Kinder, alle Menschen tragen die Weltgesetze als angeborene Kompetenz in sich: die Bildungsgesetze, die Schicksalsgesetze, aber auch die Gesetze eines höheren Wesenhaften, das mit anderen höheren Wesen immer in Verbindung ist und mit ihnen kommuniziert. Das kann sehr unterschiedlich aussehen. Deshalb haben wir es mit so unterschiedlichen Kindern zu tun, deren Selbstbewusstsein sich auf so unterschiedliche Art entwickelt.

Wir dürfen aber auch zu Schicksalsexperten werden (vgl. Schicksal und Karma: Ich-Erleben und Schicksalsgestaltung). Ich empfehle immer, dass man in der Lehrer- bzw. Erzieher-Konferenz Passagen aus Vorträgen über Inkarnation und Karma liest, auch aus Steiners „Karmavorträgen“1 und den wunderbaren „Vorträgen über das Leben zwischen Tod und neuer Geburt“1 – und wenn es nur 10-15 Minuten sind. Denn das ist die Welt, der die Ich-Werdung entspringt. Dort entscheidet sich ein Menschenwesen in der Weltenmitternachtsstunde des Daseins wieder auf die Erde zu kommen (vgl. Nachtodliches und vorgeburtliches Leben: Zwischen Tod und neuer Geburt ). Das ist die Welt, in der Wesen sich mit anderen Wesen verständigen: Unser Ich ist nicht nur mit den Menschen verbunden, denen wir im Leben begegnen, unser Ich ist auch mit den Verstorbenen, den Elementarwesen, den Engelhierarchien, der Gottheit und der Trinität verbunden, die unseren Leib trinitarisch bildet nach ihrem Abbild (vgl. Engel: Engelhierarchien und Schöpfungsprozess).

Wir sind dem Wesen nach Abbilder der Gottheit. Wenn wir die wunderbaren Schicksalsgesetze studieren, begreifen wir schnell, dass das, was wir in einem Leben aufwenden an seelischer Mühe, Liebe, Freiheit, Wahrhaftigkeit, an Überwindung von Hass, Neid, Angst und Eitelkeit, sich im nächsten Leben niederschlägt in einem gesünderen Körperbau und einem harmonischeren Schicksalsumfeld (vgl. Schicksal und Karma: Schicksal und Wesensglieder). Wir dürfen Wesens- und Schicksalsexperten werden, wir dürfen bewusst Bürger zweier Welten werden und den Kindern geistig, seelisch, und physisch ein Zuhause bieten, egal, wo sie herkommen, egal, wo sie hingehen.

Vgl. Vortrag auf der Welterziehertagung, Dornach 2012

  1. Rudolf Steiner, Esoterische Betrachtungen karmischer Zusammenhänge aus dem Jahre 1924. GA 235-238.
  2. Rudolf Steiner, Okkulte Betrachtungen über das Leben zwischen Tod und neuer Geburt. GA 140.