Betrachtung der Wesensglieder unter fünf Aspekten

Unter welchen Aspekten lassen sich die Wesensglieder betrachten?

Was ist der Schwerpunkt des jeweiligen Aspektes?

Welchen Bereich erschließt er uns jeweils?

Allgemeine Gesichtspunkte

Die Wesensglieder können in Anlehnung an die Kategorien des Aristoteles unter fünf Aspekten betrachtet werden (vgl. Wesensglieder: Grundlegendes zum Thema Wesensglieder):

  • Kategorie des Raumes als physischer Aspekt
  • Kategorie der Zeit als ätherischer Aspekt
  • Kategorie der Relation als astraler Aspekt
  • Kategorie der Substanz als Wesens- bzw. Ich-Aspekt.

Das zu wissen hilft, die unterschiedlichen Aspekte richtig einordnen zu können. Die Wesensglieder betreffen Ärzte, Therapeuten und Pädagogen gleichermaßen, doch hat Rudolf Steiner sie den beiden beruflichen Ausrichtungen unter verschiedenen Blickwinkeln nahegebracht (vgl. Anthroposophische Menschenkunde: Denken, Fühlen und Wollen und Leib, Seele und Geist). Das lag an der damaligen Zeit. Man muss bedenken, dass der 1. Ärztekurs1, der sehr stark auf der funktionellen Dreigliederung aufbaut, zu einer Zeit gehalten wurde, als Rudolf Steiner noch nicht in der Lage war, so zu sprechen, wie er es später konnte. Er sagt das auch an einer Stelle, wo er darum ringt, das Wort „Ätherleib“ bei den damaligen Zuhörern gebrauchen zu dürfen. Es schildert deshalb alles sehr aus Sicht der funktionellen Dreigliederung (vgl. Anthroposophische Menschenkunde: Zur funktionellen Dreigliederung des menschlichen Organismus)

  • des Nervensinnessystems (NSS)
  • des rhythmischen Systems (RS)
  • und des Stoffwechselgliedmaßensystems (StGS).

Doch arbeitete er konsequent darauf hin, die Wesensglieder in der heutigen Begrifflichkeit einzuführen – was er im Laufe des Kurses dann auch ausführlich macht. Er geht aber zunächst von der funktionellen Dreigliederung aus. Später sagte er sinngemäß:

  • Die Lehrer müssten lernen, die Vier in der Drei zu handhaben.
  • Wir Ärzte müssten lernen, die Drei in der Vier zu handhaben.

a) Physischer Aspekt: Die Wesensglieder im Raum

In „Grundlegendes…“1, dem Buch, das er gemeinsam mit Ita Wegmann geschrieben hat, schildert Rudolf Steiner das Prinzip der Viergliederung, der Blick auf die Wesensglieder im Raum (vgl. Wesensglieder: Wesensgliedertätigkeit im Raum), durchgängig als dasjenige Bild des Menschen, das der Medizin, aber auch jeder anderen wissenschaftlichen Anschauung des Menschen zugrunde liegt (vgl. Anthroposophische Menschenkunde: Die fünf Ebenen des anthroposophischen Menschenbildes). Unter diesem Aspekt umfasst

  • der physische Leib als individualisierter Gesetzeszusammenhang alle Gesetze der Festkörpermechanik

  • der Ätherleib alle Gesetzmäßigkeiten des Flüssigen

  • der Astralleib alle Gesetzmäßigkeiten des Luftigen

  • die Ich-Organisation alle Gesetzmäßigkeiten der Wärme

Und auch wenn man den Eindruck hat, uns Ärzten sollte diese Viergliederung in Fleisch und Blut übergehen, so ist es uns selbstverständlich nicht verboten, auch von der funktionellen Dreigliederung auszugehen.

b) Ätherischer Aspekt: Die Wesensglieder in der Zeit

Die Lehrer bekamen vorzugsweise den zeitlichen Aspekt der drei Geburten nach den Jahrsiebten geschildert (vgl. Wesensglieder: Wesensgliedertätigkeit in der Zeit):

  • mit 7 Jahren wird der Ätherleib,
  • mit 14 im Durchschnitt der Astralleib,
  • mit 21 wird die Ich-Organisation geboren.

Im Alter lösen sich die Wesensglieder entsprechend wieder aus dem Körper heraus (vgl. Entwicklung: Stadien der menschlichen Entwicklung). In dem Vortragszyklus – „Die gesunde Entwicklung des Menschenwesens“3 – stellt Rudolf Steiner die Geburten der Wesensglieder ausführlich als kontinuierlichen Prozess dar. Wenn man diesen Zyklus studiert, begreift man plötzlich, dass das Schema der drei Geburten extrem vereinfacht dargestellt ist, wenn nicht jedes Jahrsiebt wiederum gedrittelt wird. So ergeben sich als zusätzliche markante Meilensteine:

  • 2 ein Drittel
  • 4 zwei Drittel
  • 7 Jahre
  • 9 ein Drittel
  • 11 zwei Drittel
  • 14 Jahre
  • 16 ein Drittel
  • 18 zwei Drittel
  • 21 Jahre

c) Astraler Aspekt: Durchdringungsaspekt der Wesensglieder

Hier werden die Wesensglieder unter dem Gesichtspunkt der inneren Durchdringung angesehen (vgl. Wesensglieder: Wechselwirkungen der Wesensglieder aufeinander ). Dieser Beziehungsaspekt bringt die Relation der Gesetzeszusammenhänge auf wunderbare Art in Bewegung, wenn man sich fragt, wie ein Wesensglied sich im anderen betätigt. Oder wie Goethe es ausdrückt, „wie alles sich zum Ganzen webt, eins in dem andern wirkt und lebt.“ Rudolf Steiner erstellte dazu ein Schema,3 das auf einen Blick zeigt, was z.B. die Ich-Organisation im Ätherischen macht, oder der Ätherleib im Astralischen usw:

Der Ichleib gibtim Physischen:die Form
im Ätherischen:innere Bewegung
im Astralischen:inneres Leben
im Geistigen:Beseelung
Der Astralleib gibtim Physischen:Bewegung
im Ätherischen:Begehrung
im Astralischen:Gefühl
im Geistigen:Denken
Der Ätherleib gibtim Physischen:Selbsterlebnis
im Ätherischen:Selbsterkenntnis
im Astralischen:inneres Leben
im Geistigen:Beseelung
Der physische Leib gibtim Physischen:Egoität = Insichsein
im Ätherischen:Vorstellung
im Astralischen:Empfindung, Gefühl
im Geistigen:Wahrnehmung

d) Aspekt der Ich-Organisation: Wesensbezug der Wesensglieder

Der Wesensaspekt der Wesensglieder, der „Integrationsaspekt“, hilft uns den Bezug zu den geistigen Wesen herzustellen, indem wir Aufschluss darüber bekommen, welcher Hierarchie wir das jeweilige Wesensglied verdanken (vgl. Nachtodliches und vorgeburtliches Leben: Verbindung mit den Hierarchien auf Erden und im Nachtodlichen):

  • Die Ich-Organisation ist ein Geschenk der Wesensopferkraft der Geister der Form.

  • Der Astralleib ist ein Geschenk der Wesensopferkraft der Geister der Bewegung.

  • Der Ätherleib ist ein Geschenk der Geister der Weisheit.

  • Der physische Leib ist ein Geschenk der ersten Hierarchie der Throne.

Dieser ursprüngliche Wesensbezug, die Art, wie unsere Wesensglieder – und damit unser menschliches Wesen – mit den Hierarchien zusammenhängen, aber auch der trinitarische Hintergrund, dass wir Geschöpfe der zweiten und ersten Hierarchie sind und dass die dritte Hierarchie uns hilft, unsere Göttlichkeit hier auf Erden wiederzufinden, öffnet uns die Augen für die Gottebenbildlichkeit des Wesensgliederwirkens und lässt uns erkennen, welches Instrument uns da zur Verfügung steht.

Vgl. Vortrag über Wesensglieder auf der Schulärztetagung 2016

  1. Rudolf Steiner, Geisteswissenschaft und Medizin, Zwanzig Vorträge für Ärzte und Medizinstudierende, Dornach 21. März bis 9. April 1920.
  2. Rudolf Steiner, Ita Wegman, Grundlegendes für eine Erweiterung der Heilkunst nach geisteswissenschaftlichen Erkenntnissen. GA 27. Rudolf Steiner Verlag, Dornach 1991.
  3. Rudolf Steiner, Die gesunde Entwickelung des Menschenwesens. Eine Einführung in die anthroposophische Pädagogik und Didaktik (Weihnachtskurs für Lehrer), 16 Vorträge, Dornach, 23. Dezember 1921 bis 7. Januar 1922.
  4. Beiträge zur Rudolf Steiner Gesamtausgabe, Nr. 34. Rudolf Steiner Verlag, Dornach 1971, S. 23.