Die Metamorphose der Wesensglieder in leibfreies Denken, Fühlen und Wollen

Rudolf Steiner gab den vier Gesetzeszusammenhängen des Physischen, Lebendigen, Beseelten und Durchgeistigten, sofern sie in der menschlichen Natur erscheinen, den Namen „Wesensglieder des Menschen“, verwendet dafür aber auch den Ausdruck „Organismus“ bzw. „Leib“, da die vier Gesetzeszusammenhänge in Mineral, Pflanze, Tier und Mensch in jeweils individualisierter Form vorliegen und damit auch individuell organisiert und geformt sind.

Schon 1907 hat Rudolf Steiner in seiner Schrift „Die Erziehung des Kindes vom Gesichtspunkte der Geisteswissenschaft“1 darauf hingewiesen, dass sich diese Wesensglieder nicht zeitgleich im Menschen entwickeln. Er spricht von vier sogenannten Geburten. Durch den Ausdruck „Geburt“ wird verdeutlicht, dass hier ein Zutage-Treten und Eigenständig-Werden vor sich geht von etwas, was zuvor noch nicht emanzipiert im Gesamtlebenszusammenhang des menschlichen Organismus tätig war.

1. Geburt des physischen Leibes

Ab dem Moment, in dem der physische Leib des Kindes geboren und vom mütterlichen Organismus abgenabelt ist, muss er lernen, sich selbst zu erhalten. Die am stärksten an die physische Umwelt angeschlossenen Organe – die Sinnesorgane und Verdauungswerkzeuge – treten nun in einen intensiven Anpassungs- und Entwicklungsprozess ein.

2. Geburt des Ätherleibes – Denken

Mit der Ausreifung die Schmelzkronen der zweiten Zähne im sechsten bis achten Lebensjahr vollzieht sich die Geburt des Ätherleibes: Diejenigen Kräfte, die Wachstum und Durchformung der verschiedenen Organsysteme bis hin zur Bildung der bleibenden Zähne bewirkt haben, werden nun leibfrei.2 So wie das Freiwerden des physischen Leibes vom mütterlichen Organismus das Kind in die Lage versetzt, mit Hilfe der Sinneswerkzeuge mit der physischen Umwelt individuell zu kommunizieren, so bilden die freiwerdenden ätherischen Kräfte die Grundlage für ein in sich geschlossenes „Gedankenleben“ (vgl. Doppelnatur des Ätherischen: Wachstums- und Gedankenkraft). Eigenständige Gedankentätigkeit in Form willkürlich abrufbarer Erinnerungen und abstrakter Denktätigkeit werden jetzt möglich.

3. Geburt des Astralleibes – Fühlen

Mit dem Auftreten der sekundären Geschlechtsmerkmale bereitet sich die Geburt des Astralleibes vor, die zwischen dem 12. und 16. Lebensjahr stattfindet (in der Pubertät). Sie ist von der Emanzipation des zuvor noch stark an den Körper gebundenen und von diesem abhängigen Gefühlslebens gekennzeichnet. Das Gefühls- und Empfindungsleben wird eigenständig und schließt sich jetzt zunehmend an das Denken an. Dadurch können sich Jugendliche in ganz anderer Weise in ihre eigene Seelenwelt zurückziehen, als das Kindern möglich ist.

4. Geburt der Ich-Organisation – Wollen

Zwischen 18 und 24 Jahren, wenn der physische Organismus ganz ausgewachsen ist, wird als letztes die Ich-Organisation geboren. Damit werden vom Körper befreite, rein geistige Willenskräfte für die eigene schöpferische Gedankentätigkeit frei. Die Ich-Organisation ist, wie das Menschen-Ich selbst, willenshafter, intentionaler Natur. Die Geburt der Ich-Organisation geht einher mit der „Willensreife“ und kennzeichnet damit den Beginn der Verantwortlichkeit des jungen Erwachsenen für sein Tun.

Vgl. „Begabungen und Behinderungen“, 4. Kapitel, Verlag Freies Geistesleben, Stuttgart 2004**

  1. Rudolf Steiner, Die Erziehung des Kindes vom Gesichtspunkte der Geisteswissenschaft in: Luzifer-Gnosis. GA 34. Dornach 1987; ferner verschiedene Einzelausgaben.
    Vgl. auch Stefan Leber, Die Menschenkunde der Waldorfpädagogik. Stuttgart 1994.
  2. Armin J. Husemann, Der Zahnwechsel des Kindes. Stuttgart 1996.