Strafe und Belohnung

Wie lernt man als Erzieher, sich in dem Spannungsfeld von Strafe und Belohnung zum Wohl des Kindes zu bewegen?

Trifft der Wille des Kindes auf eine von den Eltern gezogene Grenze, bäumt er sich auf und erlebt sich schmerzhaft in Opposition. Schauen wir jedoch dem kindlichen Tätigkeitsdrang zu oder erlauben etwas, was sonst verboten ist, so kann er sich frei entfalten und die Kinder sind zufrieden, da sie „ihren Willen" bekommen haben. Nachgeben und Widerstand bieten, versprechen, bitten, ablenken und drohen – wie vieles spielt sich zwischen diesen Extremen ab! Eins ist klar: Prinzipien helfen hier nicht weiter – vielmehr geht es um die Kunst situationsgerechten Verhaltens (vgl. Wille(nsschulung): Strafen und Belohnen - Beispiele).

Überall im Leben, unter Kindern und Erwachsenen, stoßen unterschiedliche Intentionen aufeinander.

Wer hat wem etwas zu sagen?

Wer muss sich nach wem richten?

Wer hat „die Macht"?

Letztere ist eine der sensibelsten Fragen des modernen Lebens überhaupt, da im Zeitalter der Gleichberechtigung und Mitbestimmung das Bedürfnis nach Freiheit und nach dem Recht auf Selbstbestimmung wächst.1 Und dennoch: Das Leben ist voll von Grenzen, Aufgaben, Notwendigkeiten. Hier aber spielt das Vorbild des Erwachsenen eine entscheidende Rolle.

Wenn der Erwachsene selbst gerne arbeitet und das Kind teilhaben lässt an der eigenen Freude, wenn er Dankbarkeit und Anerkennung spürbar zum Ausdruck bringt – nicht demonstrativ, sondern dem Wert der Arbeit angemessen – handelt er aus Liebe zur Handlung (vgl. Freude: Freude am Tun und Freiwilligkeit). Diese Haltung übernimmt das Kind dann aus Liebe zum Erwachsenen.

Welchen Schaden richtet unsachgemäßes Belohnen bzw. Strafen an?

Sowohl beim Loben als auch beim Strafen sollten bestimmte Kriterien wie das Alter und die Erfordernisse der aktuellen Situation berücksichtigt werden (vgl. Entwicklung: Entwicklungsphasen und Pädagogik). Unsachgemäßes Belohnen führt zu einer selbstbezogenen Lebenseinstellung. Kinder tun die Dinge dann nicht mehr um ihrer selbst willen, sondern in erster Linie, weil sie Anerkennung, Ehre oder finanziellen Gewinn davon haben.

Unsachgemäße Bestrafung führt zu der Einstellung, dass Fehlverhalten und Fehler als solche schlecht bzw. „böse" sind, dass man normalerweise „lieb zu sein hat" und keine Fehler machen darf. Aus Erfahrung zu lernen, an Fehlern und Unvollkommenheiten zu arbeiten, ja Fehler machen zu dürfen, wird dann nicht als spezifisch menschlich erlebt. Das Kind oder der Jugendliche ist bestrebt, einen Schein von Unfehlbarkeit und moralischer Vollkommenheit um sich herum aufzubauen, der zur Fassade werden muss, da Lernen und Menschwerdung ohne Fehler, Versagen, Irrtümer nicht möglich ist (vgl. Kindsein heute: Medienmündigkeit und Technik).

Über Willenserziehung nachzudenken und sie als gleichrangig mit Intelligenzförderung zu handhaben, ist heute mehr denn je Aufgabe von Elternhaus und Schule.

Vgl. „Willensschulung – eine Notwendigkeit in Pädagogik und Selbsterziehung“, Kapitel: „Motivation und Willenserziehung im Kindes- und Jugendalter“, gesundheit aktiv

  1. vgl. auch M. Glöckler, Macht in der zwischenmenschlichen Beziehung. Grundlagen einer Erziehung zur Konfliktbewältigung, 3. Aufl., Stuttgart 2008, J. Mayer Verlag.