Die Aufgabe der Eltern nach der Pubertät

Welche Rolle spielen die Eltern nach der Pubertät?

Nach der Pubertät verändert sich die Beziehung des Jugendlichen zu seinen Eltern. Mit der spezifisch väterlichen und mütterlichen Rollenverteilung ist es vorbei. Die Jugendlichen brauchen zwar immer noch Geborgenheit, Nahrung und ein einigermaßen harmonisches Familienklima, aber sie sind nicht mehr so abhängig davon für die eigene Entwicklung. Sie erwarten auch nicht mehr so viel von den Eltern, deren Grenzen und Schwächen sie so nach und nach kennengelernt haben. Der Jugendliche erwartet nun mehr von sich selbst, von Freunden, von Lehrern, folgt eigenen Zielen und Vorbildern. Natürlich braucht er auch noch in gewissem Ausmaß Hilfe und Führung, aber er ist zunehmend in der Lage, die Dinge selbst in die Hand zu nehmen (vgl. Erziehung: Entwicklungsphasen und Pädagogik).

Vater und Mutter haben nun dieselbe Aufgabe: Gesprächspartner zu sein, wenn Fragen aufkommen – auch dann, wenn die Jugendlichen sie nicht recht formulieren können. Eine große Bereicherung und Hilfe ist es, wenn sie bei wichtigen Gesprächen unter Erwachsenen zugegen sein und zuhören dürfen. Wenn sie erleben, dass die Erwachsenen auch nicht so leicht mit Problemen fertig werden, dass die Eltern auch Fragen haben und um Antworten ringen. Entscheidend ist, dass der Jugendliche erlebt, dass sich seine Eltern gegenseitig ernst nehmen, einander zuhören und auch ihm gegenüber eine offene und fragende Haltung einnehmen.

In dieser nachpubertären Zeit wird die soziale Grundeinstellung und damit einhergehend ein feines moralisches Empfinden für menschliche Beziehungen ausgebildet. Jugendliche bekommen sehr genau mit, was sich zwischen Mutter und Vater, aber auch überhaupt zwischen Erwachsenen abspielt.

Es ist wichtig für die Jugendlichen zu erleben, dass Eltern trotz offener Fragen im Leben ihre Orientierung gefunden haben und wissen, was sie wollen und was sie für richtig halten – und dass sie auch darüber sprechen. Erleben Jugendliche auf der einen Seite Entschiedenheit und auf der anderen Seite Offenheit für andere Entscheidungen und Ansichten, fühlen sie sich ernst genommen und unterstützt. Durch Gespräche, in denen es nicht darum geht, recht zu haben oder recht zu behalten, sondern in denen Themen gemeinsam bewegt und mit Interesse verfolgt werden, erwirbt der Jugendliche geistige Selbständigkeit.

Jugendliche sehnen sich nach der Pubertät danach, ihre Eltern auch als Menschen kennenzulernen. Ebenso wie sie auf der Suche nach sich selbst sind, sind sie auch auf der Suche nach der eigentlichen Persönlichkeit ihrer Eltern. Deshalb ist es wichtig, dass sie die Meinung der Eltern zu hören bekommen, ohne dem Zwang ausgesetzt zu sein, sich dieser Meinung anschließen zu müssen. Sie halten der Ansicht der Eltern gern ihre eigene entgegen – im Sinne des gegenseitigen Kennenlernens. Entsteht daraus ein Meinungsstreit, ist der Jugendliche enttäuscht und zieht früher oder später die Konsequenz, dass man „mit den Alten nicht vernünftig reden kann“. Lernen Eltern und Jugendliche sich bei diesem Meinungsaustausch gegenseitig besser kennen und anerkennen, so sind die „Alten schwer in Ordnung“.

Vgl. Kapitel „Der Vater in der Erziehung“, Elternsprechstunde, Verlag Urachhaus, Stuttgart**