Alterungsprozess in Bezug zur Entwicklung in Kindheit und Jugend

Welche großen Entwicklungsabschnitte gibt es im menschlichen Leben?

Wie hängen Evolution und Involution miteinander zusammen?

Welche Auswirkungen hat die Entwicklung in der Jugend auf den Alterungsprozess?

Altwerden ist keine Krankheit, genauso wenig wie Schwanger-Sein. In beiden Fällen kann es jedoch sein, dass Komplikationen und Schwierigkeiten auftreten, die dann behandelt werden müssen.

Rudolf Steiner sagt: Die Involutionsphasen im Alter spiegeln die Evolutionsphasen von Kindheit und Jugend:1 Was zuletzt herangereift ist, bildet sich zuerst zurück, der Abbau der Organsysteme vollzieht sich spiegelbildlich zu ihrer Entwicklung.

1. Evolution im 3. Jahrsiebt und Involution zwischen 40 und 50 Jahren

  • Evolution im Zuge der Inkarnation

Zwischen vierzehn und einundzwanzig Jahren reift das Stoffwechsel-Gliedmaßensystem aus. Skelett und Stoffwechsel brauchen also am längsten, bis sie vollkommen ausgereift sind und eine Stabilisierung des Hormonhaushaltes erreicht wird. Das dauert manchmal bis zum 23. Lebensjahr. Vom spirituellen Gesichtspunkt her würden wir sagen: Es dauert 21 bis 23 Jahre bis der Mensch „vollständig inkarniert“ ist und sein Ich den Leib vollkommen ergriffen hat. Im 3. Jahrsiebt erwacht dank der aus der Ich-Organisation freiwerdenden Kräfte auch das eigenständige Denken am Umkreis (vgl. Denken: Entwicklung der Organsysteme und Denken). Jetzt geht es darum, dass der Jugendliche lernt, Idealismus zu entwickeln und zu lernen, sich geistig eigenständig ganz neu zu orientieren, sich aufzurichten, beweglich zu werden, das Instrument des Leibes von innen bewusst zu ergreifen. Wem das nicht gelingt, der ist prädisponiert für Erkrankungen, die die Erdenschwere und -belastung spürbar machen.

  • Involution im Zuge der Exkarnation

Das zuletzt herangereifte Stoffwechsel-Gliedmaßensystem sowie das hormonelle System bilden sich zwischen 40 und 50 als Erstes wieder zurück: Das Klimakterium setzt ein und führt zur Menopause, die eine totale hormonelle Umschaltung bei der Frau bedeutet. Beginnend beim Knochenbau und Hormonhaushalt devitalisiert sich der Organismus, d.h. die Regenerationskraft lässt nach. Wer dafür disponiert ist, hat Probleme mit dem Rücken, der Schulter, dem Nacken, bekommt Diabetes Typ II, Gallen- und Nierenprobleme, metabolische Syndrome und rheumatische Erkrankungen. D.h., es kommt zu chronischen Erkrankungen des Stoffwechsel-Gliedmaßensystems. Das ganze System tritt in die Involutionsphase ein.

Frauen sind von den damit einhergehenden Prozessen stärker betroffen als Männer. Körperlich gesehen findet jedoch bei beiden Geschlechtern ein altersbedingter Devitalisierungsprozess statt. Stärker betroffen sind auch Menschen mit einer bestimmten Krankheitsdisposition, aber auch diejenigen, die sich nicht optimal inkarnieren konnten.

2. Evolution im 2. Jahrsiebt und Involution zwischen 50 und 60 Jahren

  • Evolution im Zuge der Inkarnation

Bis zur Pubertät reifen die rhythmischen Funktionssysteme, insbesondere von Atmung und Kreislauf. Bei einem Zwölfjährigen haben wir noch ein Kinder-EKG, einen schnelleren Herzrhythmus und eine schnelleren Atmung, als es der Erwachsene hat. Erst mit fünfzehn Jahren reift das Kreislaufsystem zur Erwachsenenkompetenz heran und die Atmungsorgane bilden einen ruhigeren, langsamen Erwachsenenrhythmus aus. Dann ist auch die Frequenzabstimmung zwischen Atem- und Herzrhythmus abgeschlossen.

Die wichtigste Stimulation bzw. Unterstützung der Reifung besteht darin, das Gefühlsleben zu kultivieren. Denn nichts regt Atem und Herzschlag besser an als das Pendeln zwischen den Polen tiefer Gefühle. Die Pflege tiefer Gefühle ist demnach die Prävention gegen vaskulare Demenz, vor allem wenn eine familiäre Disposition vorliegt.

  • Involution im Zuge der Exkarnation

Zwischen 50 und 60 stehen laut Statistik kardiovaskuläre Erkrankungen und die Chronifizierung von Lungenerkrankungen im Vordergrund, d.h., die Abbauerscheinungen greifen auf das rhythmische System, auf Herz und Lunge, über: Es kommt zu Bluthochdruck, Rhythmusstörungen, zu koronaren Herzkrankheiten, bei einer entsprechenden Disposition tritt der erste Infarkt auf. Viele haben in ihrem Bekanntenkreis jemanden in diesem Alter, der an COPT, Angina Pectoris oder Herzrhythmusstörungen leidet. In jedem Fall lässt die Atemkapazität spürbar nach.

All diese Erkrankungen haben in diesem Alter statistisch gesehen eine erste große Inzidenzphase und sind Ausdruck von Exkarnationsproblemen. Der Mensch kommt im Hinblick auf seine Vitalität, seine Seelenverfassung und seinen ganzen biografischen Entwurf in eine Krise. Er muss körperliche Einbußen hinnehmen. Und – was man ja bei chronischen Krankheiten immer erlebt – er spürt hautnah die Vergänglichkeit und Endlichkeit seines Lebens.

3. Evolution im 1. Jahrsiebt und Involution zwischen 60 und 70 Jahren

  • Evolution im Zuge der Inkarnation

Die Grundreifung der Sinnesfunktionen und etwa 90% der Kapazitäten des Zentralnervensystems erreichen schon in den ersten neu Lebensjahren die volle Funktionstüchtigkeit: Das Ohr ist mit etwa vier Jahren voll funktionstüchtig. Das Auge braucht acht Jahre, bis es in allen Feinheiten ausgereift ist: in Bezug auf die Perspektive, das Farbensehen, auf feinsten Abstufungen der Wahrnehmung und die Verknüpfung mit den anderen Sinnen. Das ist ein langer Reifungsprozess. Wir unterstützen diesen Prozess interessanterweise nicht dadurch, dass wir dem Zweijährigen Kopfrechnen beizubringen versuchen, sondern durch intensive Sinnespflege und Tatsachenlogik – durch sinnvolle Tätigkeiten, sinnvolle Zusammenhänge, sinnvolles Sprechen, gedankenvolle Unterhaltung. Aber auch künstlerische Tätigkeiten und Eindrücke sind äußerst förderlich.

Wenn die Stimulation durch Sinnvolles und Künstlerisches in einer Biographie fehlt oder das Denken ganz materialistisch einseitig erzogen wird und die Sinneserfahrungen korrumpiert und verfälscht werden von Fernsehen und Computer, sind die Betroffenen prädisponiert dafür, im Alter verstärkt Probleme mit ihrem Nervensinnessystem zu bekommen.

  • Involution im Zuge der Exkarnation

Gott sei Dank lassen die Gehirn- und Sinnesleistungen erst ganz zuletzt schrittweise nach, zwischen 60 und 70 Jahren: Jetzt treten gehäuft Degenerationserscheinungen am Nervensinnessystem, an den Sinnesorganen und dem Zentralnervensystem auf. Unser Gedächtnis und unsere Seh- und Hörkraft lassen nach, d.h. die Regenerationsfähigkeit des Sinnes- und Nervensystems nimmt rapide ab. Wir werden langsamer, brauchen Unterstützung.

Bedingungen für Gesundheit bis ins hohe Alter

Wir sehen also: Wenn sich in Kindheit und Jugend die „Inkarnation“ des Menschen so vollzieht, dass Körper, Seele und Geist altersgerecht gefordert werden, so ist dies die beste Vorbedingung dafür, dass auch die „Exkarnation“ harmonisch und ohne größere gesundheitliche Einbrüche vonstattengeht.

Eine gesundheitsfördernde Erziehung, wie sie u.a. das Konzept der Waldorfpädagogik vorsieht (vgl. Waldorfpädagogik: Körperliche Entwicklung und Lernfähigkeit), wirkt als primäre Krankheitsprävention für die zweite Lebenshälfte. Die Art und Weise, wie Entwicklung in Kindheit und Jugend sich vollzogen hat, bestimmt über den Schweregrad und die Ausprägung chronischer Erkrankungen und Verschleißerscheinungen im Alter (vgl. Entwicklung: Wie die Lebenskräfte in Kindheit und Alter zusammenhängen): Je harmonischer ein Mensch in Kindheit und Jugend im Zuge der Inkarnation heranreifen kann, umso weniger Krankheitsneigungen zeigt er im Zuge der Exkarnation.

Doch auch Erziehung und Selbsterziehung, lebenslange Freude am Lernen sowie an der Entwicklung neuer Fähigkeiten bedingen Gesundheit bis ins hohe Alter.

Auf diesem Gebiet müsste noch viel geforscht werden. Wir benötigen sehr gut abgestimmte Therapiekonzepte, die regenerierende und die Inkarnation förderde Möglichkeiten in konkrete Behandlungsansätze umwandeln, je nachdem, welche Symptomatik vorherrscht.

Vgl. Vortrag „Schicksalswürde und spirituelles Begreifen der Demenz“, gehalten am Internationalen Pflegekongress in Dornach am 9. Mai 2008

    Rudolf Steiner, Wege und Ziele des geistigen Menschen. Lebensfragen im Lichte der Geisteswissenschaft.GA 125, Dornach 1992, S. 55.