Das Autonomieprinzip in der menschlichen Evolution

Bernd Rosslenbroich hat in seiner meisterhaften Studie zur Entwicklung von Mensch und Tier erstmals schlüssig anhand einer naturwissenschaftlichen Methodik dargelegt, dass der Evolution das Autonomieprinzip inhärent ist.1 Das heißt, jeder Schritt in der Höherentwicklung der Arten stellt einen Zugewinn in der Befähigung zur Autonomie dar. Das kulminiert in der menschlichen Entwicklung. Der Mensch ist demnach das körperlich anpassungsfähigste Wesen. Er ist zudem frei im Hinblick auf den Umgang mit Wärme und Kälte, mit Nahrungsmitteln und Essenszeiten, mit der Schlaf- und Arbeitsmenge, mit der Work-Life-Balance, mit der Wahl seiner Partner und Freunde, mit Berufstätigkeit, Religionszugehörigkeit, Weltanschauung, mit der Frage, wie viele Sprachen er sprechen will, welche Hobbys er sich wählt, wie er liebt: ob er heiraten will oder in wechselnden Partnerschaften leben, ob er Kinder haben will oder nicht – um nur einige zu nennen.

Das Dilemma ist, dass der Menschen im Prinzip frei ist, doch auf Schritt und Tritt erlebt, wo er noch nicht frei ist: Oft bemerkt man erst zu spät, dass man eine falsche Entscheidung getroffen hat, man wünscht sich, was man (noch) nicht hat und steht immer wieder neu vor der Tatsache, dass man zwar in vielem bereits autonom agieren kann, jedoch viele Freiheitsgrade noch nicht erschlossen sind und in diesem Leben (vielleicht) auch nicht zu erschließen sein werden. Das führt viele zur Anerkennung der Logik von Reinkarnation und Karma, ja der Notwendigkeit wiederholter Erdenleben.

Wenn man das Leben nicht als einmalig oder zufällig betrachtet oder aber allein von einer göttlichen Macht gesteuert, eröffnet sich noch eine andere Dimensionen der menschlichen Entwicklung: die Beteiligung des Menschen am Schicksalsgeschehen (vgl. Schicksal und Karma: Ich-Erleben und Schicksalsgestaltung). Je mehr sich ein Mensch seiner Mitgestaltungsmöglichkeiten bewusst ist, umso freier und verantwortungsbewusster kann er sein Leben in die Hand nehmen. Umso mehr erlebt er auch „die Ohnmacht Gottes“, der dem Menschen die Anlage zur Freiheit gegeben hat und diese in dem Maße respektiert, indem sie sich entwickelt (vgl. Ethische Fragen: Hans Jonas ethisches Prinzip der Verantwortung).

Das neue Karmaprinzip – die Kraft geistiger Liebe

Keiner muss mehr reagieren – das alte Karma-Prinzip „Auge um Auge, Zahn um Zahn“ gehört der Vergangenheit an. Es führte die Menschen in die Individualisierung und Sonderung.

Das neue Karmaprinzip, von dem in der Bergpredigt2 die Rede ist, offenbart noch eine weitere Seite der Freiheit: dass man eigene und fremde Schuld durch die Kraft des höheren Ich verstehen, verzeihen und erlösen kann (vgl. Das Böse - Widersachermächte: Vom Umgang mit dem Bösen). Diese Ich-Kraft, die allen Menschen gemeinsam ist, entwickelt sich am besten, wenn man sie im sozialen Leben übt als die Kraft selbstloser Hingabe angesichts der Sorgen und Nöte der Welt, in der man lebt, die Kraft geistiger Liebe. Voraussetzung dafür ist die bis zu einem gewissen Grad errungene Autonomie. Denn nur wer sich innerlich frei fühlt, vermag sich z.B. von berechtigter Wut einem Feinde gegenüber, der einem geschadet hat, zu lösen, ist darüber hinaus in der Lage verstehen zu wollen, um aus diesem Verständnis heraus auch verzeihen zu können (vgl. Das Böse - Widersachermächte: Das Böse verzeihen).

In der Akasha-Chronik führt Rudolf Steiner aus,

  • dass Gott der Evolution des Menschen zum Ausgleich für den Missbrauch der Liebefähigkeit Krankheit und Tod beigegeben hat.3
  • Und dass der Missbrauch der Freiheitsfähigkeit hingegen über das Gesetz von Reinkarnation und Karma ausgeglichen wird.

Die beiden Widersachermächte oder Teufel Luzifer/Diabolos und Ahriman/Satanas ermöglichen den Missbrauch der Eigenschaften, die zu entwickeln der Mensch berufen ist (vgl. Das Böse - Widersachermächte: Wirksamkeit von Luzifer und Ahriman). Ohne diese Möglichkeit der Abirrung könnte sich der Mensch nicht aus sich heraus authentisch für das Gute, das wahrhaft Menschliche, die menschlichen Entwicklungsziele, entscheiden.

Diese werden u.a. in den Kernidealen des Christentums ausgedrückt: Wahrheit, Liebe, Freiheit vgl. Ideale: Die Ur-Ideale – Wahrheit, Liebe und Freiheit). Ringen wir um die Verwirklichung dieser Ideale, erringen wir auch die Voraussetzungen für leibliche, seelische und geistige Gesundheit. Warum? Weil auch Gesundheit physiologisch gesehen auf diesen drei Qualitäten basiert: Im gesunden Organismus

  • stimmt alles miteinander überein (Wahrheit),
  • stehen die Abläufe in ständiger Resonanz und feinabgestimmter Wechselwirkung miteinander (Liebe),
  • werden die Grenzen und die Integrität der einzelnen Organe und Funktionen respektiert (Freiheit).

Vgl. „Schicksalswirkungen im Lebenslauf auf Grundlage von Rudolf Steiners Karmaforschung“, Der Merkurstab 2015, Heft 6

  1. Rosslenbroich B. On the Origin of Autonomy. A New Look at the Major Transitions in Evolution. Heidelberg, New York: Springer; 2014.
  2. Neues Testament, Matthäus Kap. 5-7.
  3. Steiner R., Aus der Akasha-Chronik. GA 11. Dornach: Rudolf Steiner Verlag; 1986.