Normalität und Norm in der kindlichen Entwicklung

Gibt es eine allgemeingültige „normale“ kindliche Entwicklung?

Die Frage nach dem so genannten „Normalen” wird immer wieder aufgeworfen werden. Aus kinderärztlicher Sicht würde ich sagen: Jeder ist so normal, wie er sein kann; man muss sich an der jeweils vorhandenen „Normalität” orientieren. Jeder Mensch setzt seine eigene Norm, ist sein eigener Maßstab. Man kann den anderen, nur weil er anders ist, nicht als „nicht normal” bezeichnen.

Schon im Säuglingsalter ist keiner dem andern gleich. Der Begriff „Norm” kommt aus der naturwissenschaftlichen Medizin, denn nur auf naturwissenschaftlicher Ebene kann man vergleichen, Normen setzen und Abweichungen davon bestimmen. Es gibt Normen für Gewicht, Körper-, Kragen- und Hutgröße, auch für den Zuckergehalt des Blutes am Morgen und am Abend, für die Temperatur und so fort. Überall gibt es aber eine gewisse Bandbreite, sodass wir in der Medizin nicht von „Normwerten”, sondern von „Normbereichen” sprechen. Der Hämoglobingehalt des Blutes sollte sich beispielsweise zwischen 12,6 und 16,5 bewegen, er variiert aber je nach Geschlecht und Alter: Wenn man erkältet ist, sind die Normwerte anders, als wenn man nicht erkältet ist; im Alter von dreißig Jahren sind sie anders, als mit sechs Jahren. Jede Norm braucht immer den Bezug zur individuellen Situation. Und jeder Mensch ist eine Welt für sich und setzt seine eigene Norm.

Daraus folgt: Wenn wir Kindern so „normal” nehmen, wie sie sind, und ihnen erlauben, sich gemäß ihrer eigenen Norm, ihrem eigenen Schicksal (vgl. Schicksal und Karma: Schicksalserleben – persönlich, beruflich-sozial und zeitgeschichtlich) und ihrem eigenen Vermögen zu entwickeln, arbeiten wir richtig im Sinne der kindlichen Entwicklung.

Vgl. „Die Würde des kleinen Kindes“, 2. Vortrag, Kongressband Nr. 2, gelbes Heft**