Raphael als Quelle alles Heilenden

Inwiefern ist Raphael die Quelle alles Heilenden?

Welche Heilfaktoren fallen in sein „Ressort“?

Die Macht des Erzengels Raphael ist ganz anderer Art als die des Erzengels Michael (vgl. Michael als Macht aus der die Gedanken der Dinge erfließen). Die Welt Raphaels ist die Mitte, er lebt im rhythmischen System, im Atmen zwischen Oben und Unten und ist der Begleiter jeder Atemregung. Das Verhältnis zwischen Herz- und Atemrhythmus, 4:1, ist zugleich das Geheimnis der Heilung, das Geheimnis alles Heilenden. Das Zusammenwirken der beiden Erzengel Michael und Raphael wird durch das Geschehen zwischen Herz (Michael) und Lunge (Raphael) physiologisch abgebildet.1

Kränkendem Ungleichgewicht ausgleichend begegnen

Wenn Kränkendes auf uns einwirkt durch ein Überwiegen

  • der Kräfte aus dem oberen Menschen, dem Nerven-Sinnes-System (bewusstes Leben)
  • oder aus dem unteren Menschen, dem Stoffwechsel-Gliedmaßen-System (unbewusstes Leben)

brauchen wir einen größeren Atem, um diesem Ungleichgewicht

  • durch ein Atmen zwischen diesen beiden Polen
  • sowie durch Selbstüberwindung im Fühlen

ausgleichend zu begegnen – sonst tritt Krankheit auf (vgl. Krankheit: Fünf Tore für Krankheit und Heilung). Denn wenn die Schwelle zwischen dem oberen und dem unteren System nicht mehr respektiert bzw. gehalten wird durch eine starke Mitte, kann Unteres unverwandelt in das Obere eindringen bzw. kann Oberes das Untere ergreifen und Krankheit hervorrufen (vgl. Anthroposophische Menschenkunde: Denken, Fühlen und Wollen und Leib, Seele und Geist).

Die allen Menschen eingeborene raphaelische Kompetenz, das rhythmische System der Atmung, reicht dann nicht mehr aus, um dieses Ungleichgewicht zu regulieren bzw. zu harmonisieren (vgl. Anthroposophische Menschenkunde: Atmung, Kreislauf - Gefühlsleben und Kunst). Dann müssen wir auf die Kraft viel größerer Rhythmen zurückgreifen, auf die Kraft aus der Natur und die wunderbaren anthroposophischen Heilmittel. Das ist das eine .

Beziehung und Heilerwille als Heilfaktor

Das andere ist die Tatsache, dass immer auch bestimmte Schicksalsgegebenheiten und -konstellationen, eine bestimmte Art von menschlichen Beziehungen, helfen können, das Gleichgewicht wieder herzustellen und Heilung herbeizuführen (vgl. Anthroposophische Medizin: Heilsames Zusammenspiel von Therapeut und Patient). Als ich einen Freund aus meiner Studentenzeit nach langer Zeit einmal wiedertraf – er war inzwischen leitender Arzt einer staatlichen psychiatrischen Klinik – fragte ich ihn:

Auf wie viele Psychopharmaka könntest du verzichten, wenn du per Rezept die geeignete menschliche Beziehung verordnen könntest, genau diejenige, nach der ein Mensch sich in dem Moment sehnt, die er brauchen würde?

Ohne zu überlegen sagte er: auf 70-80 %. Ich habe bisher noch niemanden getroffen, der dem widersprochen hätte. Das ist tief bewegend und zeigt, wie wichtig der Heilerwille des Arztes bzw. des Therapeuten, der den Gesund-Werde-Willen im Kranken anspricht, für die Gesundung ist.

Sehr oft liegen die geeigneten Schicksalsbedingungen im Umkreis eines Patienten jedoch nicht vor. Dann müssen wir als Arzt oder Therapeut/Pflegender auf professionelle Art und Weise ersetzen, was dem andern fehlt und etwas Väterliches, Mütterliches, Brüderliches, Schwesterliches, manchmal sogar etwas kindlich Fragendes in die Beziehung zu unseren Patienten einbringen. Wir müssen sehr flexibel sein in der Art, wie wir einen Patienten begleiten, müssen uns zu „instrumentalisieren“ lernen, damit er genau das in der Begegnung mit uns erleben kann, was er gerade braucht. Als ich in Herdecke in der Klinik arbeitete, hatten wir immer wieder Patienten, die zu den Pflegenden, den Therapeuten und manchmal auch zu den Ärzten sagten: „Was ich hier an Menschlichkeit erlebt habe, hat mir den Glauben an das Menschsein zurückgegeben.“ Das war für uns dann das schönste Erlebnis, der größte Erfolg, von dem noch lange gesprochen wurde. Ihr kennt das sicher alle aus euren Kliniken und Praxen.

Entwicklungszeit nützen

Im Rahmen meines praktischen Jahres in der Klinik war auf der Station der inneren Medizin eine über 60jährige Rheumapatienten, um die ich mich sehr bemühte. Am dritten oder vierten Tag sagte sie: „Ach, Fräulein Michaela, geben Sie sich doch mit mir nicht solche Mühe, das lohnt sich doch nicht mehr!“ Dann stellte sich heraus, dass sie wirklich ganz allein war und das Gefühl hatte, dass ihr Leben keinen Sinn mehr hat, weil alles nur noch Leid, Schmerz und Elend war – und nur noch schlimmer werden konnte. Ich habe mich damals unglaublich „ins Zeug gelegt“, habe mich sehr bemüht ihr zu vermitteln, dass jede Stunde zählt. Ich sagte zu ihr: „Stellen Sie sich vor, Sie kommen nach ihrem Tod darauf, dass Sie Entwicklungszeit vergeudet haben! Jetzt, wo Sie niemanden mehr haben, der sich für Sie interessiert, ist das offensichtlich der Zeitpunkt, an dem Sie anfangen müssen, sich für sich selbst zu interessieren! Vielleicht können Sie auch beginnen, mehr Interesse für die Menschen in ihrer Umgebung aufzubringen, auch wenn Sie Ihnen nicht unbedingt nahestehen?“

Sie war zuerst einmal total schockiert, fragte mich aber, wie ich das genau meine. Wir machten einen weiteren Termin aus, um diese Gedanken näher zu besprechen. Es ist mir damals tatsächlich gelungen, sie auf den inneren Entwicklungsweg aufmerksam zu machen. Das hat ihr auch in Bezug auf ihre Krankheit sehr geholfen, – die Ergebnisse ihrer Therapie auf der Station und auch ihre Prognose haben sich dadurch entscheidend verbessert.

Auch wenn man nicht immer solches Glück hat, wollte ich diesen Verlauf als Beispiel nehmen, um zu zeigen, dass man allem eine Wendung geben kann, die in Richtung Heilung führt – vorausgesetzt, man hat ein entsprechendes Verständnis

Immer – auch wenn es sich um eine infauste Prognose handelt – geht es darum, den Willen gesund zu werden anzuspannen und die verbleibende Zeit noch gut zu nützen. Das ist oft wertvoller, als ganze Jahre, die man irgendwie „herumgebracht“ hat. Das Leben geht immer weiter, das wissen wir – es fragt sich nur, wie.

Zusammenfassung

Es gibt also nicht nur äußere und innere Krankheitsursachen, sondern auch äußere und innere Heilmittel:

  • zum einen die aus der Natur zum Menschen gebrachten prozessorientierten Arzneimittel,

  • zum anderen alle Heilfaktoren, die „modifizierte Liebe“ sind. Nur sie können aus dem Hass und allem Destruktiven, das Menschen an sich und oder an andern seelisch erleben müssen, herausführen in Richtung Heilung.

Beide Quellen der Heilkunst gehören in den Bereich Raphaels, weil sie eine ausgleichende Wirkung haben (vgl. Anthroposophische Medizin: Wirkfaktoren in der Anthroposophischen Medizin). Das Heilgeschehen vollzieht sich dann über größere Rhythmen, über Schicksalsrhythmen, über die Art, wie wir „uns wiedersehen“.

Vgl. Vortrag „Vom Zusammenwirken der Erzengel Michael und Raphael“ an der JK 2017

  1. Vgl. Raphael und die Mysterien von Krankheit und Heilung, Kapitel: Das Geheimnis des Merkurstabs: die Metamorphose der Wachstumskräfte in Gedankenkräfte. Herausgeber: Medizinische Sektion am Goetheanum 2015.