Organtransplantation

Wie steht die Anthroposophie zur Organtransplantation?

Naturgemäß gibt es nur eine Antwort auf diese Frage: Anthroposophie kann zwar zu individuellen Gedanken und Entscheidungen anregen, es ist jedoch weder ihre Aufgabe noch ihre Intention, allgemeine Urteile über dieses und jenes zu fällen. Ich habe z.B. miterlebt, dass ein elfjähriges kräftiges Mädchen eine gesunde Niere ihrer kranken eineiigen Zwillingsschwester zur Verfügung stellte, die ohne diese Organspende nur noch wenige Wochen oder Monate hätte leben können, da sie an einer schwer progredienten Zystenniere litt. Andere Menschen dagegen verzichten auf eine Organspende und leben bewusst auf ihren Tod zu. Jede Situation muss für sich angeschaut und vom Betroffenen, soweit wie irgend möglich, entschieden werden.

Eine wichtige Frage rund um Organspenden betrifft die ätherische Restaktivität der gespendeten Organe, die damit vom Spender auf den Empfänger übergeht. Das gespendete Blut von einer Blutspende wird innerhalb von sechs bis zehn Wochen vom Organismus verarbeitet, d.h. dass die ätherische Restaktivität dann zu einem Ende kommt.

Von anderen gespendeten Organen weiß man, dass sich die biologische Aktivität des Spendereiweißes meist zeitlebens nachweisen lässt. Es handelt sich hierbei jedoch nicht um ein Fortwirken des Ätherleibes des Spenders. Aus diesem lassen sich keine „Stücke“ herausschneiden. Wohl aber handelt es sich um einen physischen Fremdkörper, gegen den sich der Organismus entweder zur Wehr setzt oder den er weitgehend annimmt. Rudolf Steiner bemerkt dazu, dass menschliche Substanz nur auf den physischen Leib eines anderen Menschen wirken kann1.

Nierentransplantation als Beispiel

Es sei dies am Beispiel der Nierentransplantation verdeutlicht: Das blutleere, kleine, blasse, nur mit Ringerlösung durchspülte, auf vier Grad Celsius gekühlte Spenderorgan wird an den Blutkreislauf des Empfängers angeschlossen. Im Nu füllt sich das Organ mit Blut und gewinnt an Größe und scheidet in Sekundenschnelle bereits Urin aus. Dass der Astralleib hier noch nicht eingreift, sieht man daran, dass zunächst etwa zwanzig Liter Urin täglich ausgeschieden wird, dieser also noch nicht konzentriert ist. In wenigen Tagen verringert sich die Urinmenge, bis die Niere ihre volle Konzentrationsfähigkeit erreicht hat und wie beim Gesunden nur noch ein bis zwei Liter täglich ausgeschieden werden. Dass der Ätherleib des Empfängers von dem neuen Organ Besitz ergreift, zeigt sich z.B. an der Umwandlung des zellkernmorphologischen Geschlechts der Nierenzellen, wenn nur ein gegengeschlechtlicher Spender zur Verfügung stand. Bereits nach vierzehn Tagen kann man in der transplantierten Niere in der Nähe der Blutgefäße erkennen, dass sich das zellkernmorphologische Geschlecht in das des Empfängers umwandelt. In sechs bis acht Wochen sind die gegengeschlechtlichen Zellen (z.B. wenn eine Frau eine männliche Niere erhielt) nicht mehr nachweisbar. Was für den Empfänger problematisch bleibt, ist nur der von ihm nicht vollständig zu verwandelnde physische Leib des Spenders. Ätherleib, Astralleib und Ich können das Organ als Instrument benützen (vgl. Wesensglieder: Grundlegendes zum Thema Wesensglieder). Der Ätherleib kann zum Beispiel Urin bereiten, der Astralleib kann den Urin konzentrieren, und das Ich integriert das Organ in die Stoffwechselfunktionen des Gesamtorganismus, wie man dies von einer gesunden Niere erwartet: Mitwirkung bei der Blutbereitung, bei der Regulierung des Säure-Basen-Gleichgewichts und des Blutdrucks. Bezeichnenderweise kann das gespendete Organ wieder von derselben Krankheit befallen werden, die Ursache für die Transplantation war.

Ganz grundsätzlich stellt sich die Frage:

Zentrale Fragen zur Organtransplantation

Warum wollen viele Menschen heute ihre Organe im Todesfall zur Verfügung stellen?

Was liegt hier karmisch vor?

Warum sollte ein Empfänger ein freiwillig gespendetes Organ nicht dankbar annehmen dürfen, auch wenn er dann mit dem fremden Eiweiß zu ringen hat?

Dabei ist klar und kann nicht genug betont werden: Spender und Empfänger müssen ganz persönlich und frei ja zu dem Vorgang sagen.

So wurde zum Beispiel vom Trans-Montana-Kongress zur Transplantationsmedizin 1993 begeistert berichtet:

„Der dritte Tag dieses Treffens war ganz der Entspannung sowie Ski- und Curling-Wettkämpfen gewidmet. (...) Der Anblick von Organempfängern, die Skirennen bestreiten konnten – die aber ohne eine anonyme Organspende diese aufregenden Augenblicke nie erlebt hätten, war ebenso bewegend wie begeisternd: Das Lob der Transplantation wurde zur Hymne auf die Freude!“

Auf dem Kongress wurde auch die Frage der Lebendspende bewegt: „In letzter Zeit wurde dank der Teillebertransplantation auch die Lebendspende diskutiert und vereinzelt durchgeführt.“ Hier ist eine große Bewegung im Gange, die zu ganz neuen Schicksalsfragen Anlass gibt und die unser Mitdenken und Forschen verlangen. In der bewegenden Schilderung eines von der Transplantationsmedizin begeisterten Journalisten, der dann selbst mit dieser Frage konfrontiert wurde, durch den Tod seiner Frau, heißt es:

„Organspenden, das ist auch eine Sache des Vertrauens. Und dieses Vertrauen können nur Ärzte den Hinterbliebenen geben. Nur gemeinsam können wir erreichen, dass sich der Gedanke, mit Organen Leben retten zu können, wirklich durchsetzt. (...) Denn ich glaube: Wer sich heute gegen die Transplantation von Organen wendet, mißachtet das Leben – und schützt es nicht. Wer heute gegen die Transplantation von Organen aus moralischen, ethischen oder religiösen Gründen wettert, stellt sich moralisch ins Abseits, da ihm Nächstenliebe unbekannt ist. Und doch: Seit meine eigene Frau Chantal Noelle Glogger am 2. Mai frühmorgens auf dem Zürcher Hauptbahnhof an einem Gehirnschlag starb und ich die Organe meiner Frau zur Transplantation freigab, zweifle ich am System der Organtransplantationen. Ich zweifle an der Art und Weise, wie Schweizer Ärzte mit den Toten und den Hinterbliebenen umgehen.“

Es folgt dann die ausführliche Schilderung der Ereignisse, die sich zwischen der mehrmaligen Bestätigung des klinischen Todes seiner Frau und ihrem Transport in das Transplantationszentrum abgespielt haben. Was er hier vermisste und von Ärzten fordert, ist ein Bewusstsein von der Würde des Sterbens, von der Realität menschlicher Beziehungen auch im Tode.

„Dank den Organen meiner Frau können heute vier Menschen besser leben –(…) Wie gesagt: Ich kämpfe weiterhin für Organtransplantationen mit meinen journalistischen Mitteln. Doch bin ich entsetzt über die menschenverachtende Art und Weise, wie mit Organspendern und deren Hinterbliebenen umgesprungen wird.“2

Beispiele wie dieses machen deutlich, dass zu diesem Thema nicht nur menschenkundliche Erkenntnisfragen bewegt werden wollen, die in Bezug auf jedes Organ differenziert und anders gestellt werden müssen, sondern vor allem neue Fragen an das Schicksal und den Umgang mit dem Sterben und dem Tod. Immer aber stellt sich die zentrale Frage der Ethik: Wissen wir überhaupt, was wir tun?

Karmische Gesichtspunkte

Bezüglich der Frage, was eine Organtransplantation eigentlich ist, war es mir eine große Hilfe, in dem Londoner Vortrag vom 19. November 1922 „Erlebnisse der Menschenseele im Schlafe und nach dem Tode in der geistigen Welt“3 zu lesen, wie Rudolf Steiner hier eine dramatische Änderung in der Vorbereitung des Erdenkörpers von der geistigen Welt aus darstellt:

„Es ist von alten Zeiten der Erdenentwicklung her so, dass der Mensch eben in der Weise, wie ich es charakterisiert habe, sich seinen physischen Leib als Geistkeim vorbereitet und ihn dann, wenn er das Erdendasein betritt, übernimmt. (...) Wird nun auf der Erde immer mehr und mehr spirituelle Erkenntnis verbreitet, und wird der Mensch immer mehr und mehr in sich erleben diese allgemeine Menschenliebe, so wird folgende Möglichkeit vor dem Herabsteigen in das Erdenleben für die zukünftige Menschheit eintreten. Der Mensch wird sich sagen können: Diesen Leib habe ich vorbereitet; aber indem ich diesen Leib hinuntergeschickt habe auf die Erde und mein Karma in meinem Ätherleib, den ich zusammengezogen habe, hineingenommen habe, da sehe ich, dass dieses Karma so liegt, dass ich durch das, was ich in früheren Erdenleben vollbracht habe, diesen oder jenen anderen Menschen schwer geschädigt habe. Wir sind ja immer der Gefahr ausgesetzt, durch das, was wir vollbringen, andere Menschen zu schädigen. Das Urteil über dasjenige, was wir einem anderen Menschen angetan haben, wird ganz besonders hell leuchten in diesem Momente, wo wir noch im Ätherleih sind, wo wir noch nicht den physischen Leih bezogen haben. Da aber wirkt in Zukunft auch das Licht des (Erzengels) Michael und die Liebe des Christus. Und wir werden in die Lage versetzt, eine Änderung in unserer Entscheidung herbeizuführen, den Leib, den wir zubereitet haben, einem anderen zu übergeben und selber denjenigen Leib zu übernehmen, der bereitet worden ist von dem, den wir besonders geschädigt haben. Das ist der gewaltige Übergang, der von unserer Zeit in die Zukunft hinein in Bezug auf das geistige Leben der Menschheit stattfindet.

Wir werden in der Lage sein, in einen Leib einzuziehen, der von einem Menschen hat zubereitet werden müssen, den wir besonders geschädigt haben; und der andere wird in der Lage sein, in unseren zubereiteten Leib einzutreten. Und dadurch wird das, was wir auf Erden werden vollbringen können, in einer ganz anderen Weise sich karmisch ausgleichen können als sonst. Wir werden gewissermaßen als Menschen in die Lage kommen, unsere physischen Leiber auszutauschen.

Die Erde könnte niemals ihr Ziel erreichen, wenn das nicht eintreten würde; niemals würde sonst auf der Erde die Menschheit ein Ganzes werden können. Und das muß sein! Es muß für die Erdenentwickelung eine Zeit kommen zur Vorbereitung von zukünftigen planetarischen Zuständen der Erde, in der es unmöglich ist, dass der einzelne irgend etwas auf der Erde genießt auf Kosten des anderen. Geradeso wie sich das einzelne Blatt oder das einzelne Blütenblatt der Pflanze als ein Glied der ganzen Pflanze fühlt und Leid und Freude der ganzen Pflanze miterlebt - bildlich gesprochen -, so muß eine Zukunft über die Erde kommen, in der der einzelne kein Glück haben will auf Kosten des Ganzen, in der er sich als ein Glied der ganzen Menschheit fühlt. Das aber hat sein geistiges Äquivalent darin, dass wir für die anderen den physischen Leib zubereiten lernen.“4

Hat das, was Rudolf Steiner hier schildert als eine Tatsache, die während der derzeitigen Michael-Herrschaft beginnen würde in der geistigen Welt, nicht seine materialistische Abspiegelung in der in unserem Jahrhundert aufgekommenen Praxis der Blut- und Organspende?

Je mehr Bewusstsein von der Schwelle zur geistigen Welt (vgl. Schwellenerfahrung: Die Schwelle zur geistigen Welt) angesichts dieser Frage in die Menschen einzieht, umso leichter wird es ihnen fallen, Grenzfragen dieser Art für sich selbst zu beantworten. Man wird nicht aus Angst vor dem Tode nach einer Organspende verlangen, sondern vielleicht nur deshalb, weil man etwas ganz Wichtiges auf der Erde noch vollbringen möchte, um dessentwillen man eine solche Organspende und alle medizinischen Probleme, die damit verbunden sind, in Kauf nimmt. Natürlich gehen aus einer solchen Entscheidung karmisch andere Konsequenzen hervor, als wenn in einer ähnlichen Lage ein anderer Mensch es als sein Karma ansieht, etwas Wichtiges auf der Erde nicht mehr tun zu können und er deshalb eine solche physische Hilfe nicht mehr in Anspruch nehmen will. Ethische Fragen so verstanden, fuhren nicht zu einem Richtig oder Falsch, einem Entweder-Oder. Sie bringen den Menschen vielmehr dahin, sein Schicksal bewusst zu ergreifen und zu gestalten. Ethische Fragen sind Schicksalsfragen (vgl. Schicksal und Karma: Schicksalserleben – persönlich, beruflich-sozial und zeitgeschichtlich).

Vgl. 4. Kapitel „Medizin an der Schwelle“, Verlag am Goetheanum 1993**

  1. Rudolf Steiner, Anthroposophische Menschenerkenntnis und Medizin, GA 319.
  2. RE-NAISSANCE, Magazin der Transplantation, Sitten, April 1993.
  3. Rudolf Steiner, Geistige Zusammenhänge in der Gestaltung des menschlichen Organismus, GA 218.
  4. Ebenda.