Gemeinschaftsbildung im Wirtschaftsleben

Es gibt einen Bereich im heutigen Leben, in dem die Gemeinschaftsbildung weit entwickelt ist, von dem gerade auch Anthroposophen viel lernen können – das Wirtschaftsleben. Denn meist steht das Geistesleben im Fokus des Interesses. So kann man unter Anthroposophen auch immer wieder Meinungen wie diese hören: Wenn man nur richtig meditiert, lösen sich alle sozialen Probleme von selbst… Dabei hängt das rechtlich-soziale Gebiet menschenkundlich gerade nicht mit dem Träger des Geisteslebens zusammen, dem Denken und der Sinnesanschauung, sondern vielmehr mit dem rhythmischen System, mit der Atmung, mit dem Kreislauf, mit dem Fühlen. Das ist ein völlig anderer Weltbereich, der auch seine eigene Schulung und Kompetenzentwicklung braucht, ein Weg auf dem man lernen kann, sich selbst u n d den anderen gerecht zu werden.

Das Wirtschaftsleben hingegen ist der Bereich, in dem wir noch am wenigsten präsent und bewusst sind. In der Wirtschaft spielt jedoch die Gemeinschaftsbildung eine große Rolle, gleichviel, ob es um ein Team oder eine „Developmental Working Community“ mit horizontaler Hierarchie und klarer Aufgabenmandatierung geht. Jeder Manager weiß, dass der Umsatz steigt, wenn die Mitarbeiter wirklich mitarbeiten und nicht heimlich aussteigen und jede nur erdenkliche Freizeit nehmen, d.h. wenn sie motiviert sind, wenn sie voll einsteigen, wenn sie sich als Teil des gesamten Arbeitsprozesses erleben.

Worin aber wurzelt die Motivation?

Woraus entspringt sie?

Mit dieser fundamentalen Frage beschäftigen sich Unternehmensberater, „Human Ressource Manager“ und Personalchefs.

Liebe zu Wandel und Widerspruch

Tom Peters ist einer der ersten, der in den 1980iger Jahren zu diesem Thema einen Bestseller geschrieben hat. Er ist mit seinem Klassiker, dem Standardwerk „Jenseits der Hierarchien“ 1, bekannt geworden. Ich lese jetzt ein paar „Augenöffner“ aus dem Klappentext vor:

„Geht es nach Tom Peters, haben demnächst alle formalen Strukturen ausgespielt. Denn sie sind es, die seiner Meinung nach die Flexibilität in allen Bereichen des ökonomischen Lebens lähmen und damit innovative Impulse permanent unterdrücken. Starke hierarchische Organisationen gehen daran zu Grunde, weil ihre Spitze zwangsläufig den Kontakt zur Vielfalt des vorhandenen Potenzials verliert. Das traditionelle Herrschaftsprinzip – Wissen ist Macht – hat mit dem Einzug der Mikroelektronik in die Unternehmen ohnehin abgedankt, da Informationen über die Computersysteme prinzipiell jedem zugänglich sind. Damit werden aber auch traditionelle Strukturen der Hierarchie überflüssig.“

Das ist eine interessante Beobachtung: Laut Peters hat Hierarchie primär mit der Beherrschung von Information zu tun: „Worauf gründet sich Hierarchie? Auf den Besitz eines bestimmten Wissens, von dem man andere ausschließt.“ „Am Ende der Hierarchie erwartet dann, wer Peters Ideen aufnehmen und umsetzen möchte, eine völlig neue Sicht der Dinge – das von nicht wenigen so gefürchtete kreative Chaos.“ Tom Peters ist natürlich ein Anarchist in seiner Branche, aber extrem erfolgreich,

Nicht das Festhalten an alten Strukturen, die nicht hinterfragt werden dürfen, wird zum innovativen unternehmerischen Lebenselixier, sondern „die Liebe zum Wandel und Widerspruch“. „Modernes Management bedeutet in diesem Sinne die dauerhafte Förderung von Transparenz, Vernetzung, Dezentralisierung und Entbürokratisierung. Nur danach kann, laut Peters, die Motivation für innovative Marktpolitik hergestellt und das Phänomen der ‚inneren Kündigung‘ wirksam bekämpft werden.“

Liebe ist auch hier wichtig, Liebe zum Wandel und Widerspruch. Wir können auch sagen – Liebe zur Entwicklung: zur Entwicklung des Unternehmens, aber auch zur Entwicklung der Mitarbeiter. Auch die Entwicklung des anderen ist zentrales Anliegen seines Konzepts.

Neben dieser individuellen Suche auf dem Erkenntnisweg und den Möglichkeiten auf der Basis von meditativen Übungen und gemeinsam gepflegter geisteswissenschaftlicher Inhalte Gemeinschaft zu pflegen, gibt es die aus der Anthroposophie kommenden Veranlagungen für religiös-kultische Gemeinschaften: z.B. in der Christengemeinschaft mit der Menschenweihehandlung, aber auch in der Waldorfschul- und in der heilpädagogischen Bewegung mit den Sonntagshandlungen für die Schüler. Steiner erhoffte sich von den Letzteren, dass sie auch zur spirituellen Gemeinschaftsbildung im Lehrer-Kollegium beitragen würden2.

Vgl. Publikation im ‚Der Merkurstab’ des Vortrags auf der Jahreskonferenz der anthroposohisch-medizinischen Bewegung am 16.9.11 im Goetheanum**

  1. Tom Peters, Jenseits der Hierarchien“, Econ Verlag, 1993.
  2. Rudolf Steiner, Ritualtexte für die Feiern des freien christlichen Religionsunterrichtes und das Spruchgut für Lehrer und Schüler der Waldorfschule. GA 269. Rudolf Steiner Verlag.