Was Jugendliche brauchen

Was stimuliert im dritten Jahrsiebt die volle Ausreifung des Stoffwechselgliedmaßensystems?

Stellen Sie sich einen fünfzehnjährigen Adoleszenten in der Schule vor, am Montagmorgen, der in seinem Stuhl hängt und den Unterricht über sich ergehen lässt. Plötzlich sagt der Lehrer etwas, was den Jugendlichen interessiert – dann passiert Folgendes: Er rutscht am Stuhl hoch, zieht seine Beine an, richtet sich auf.

Wir haben im Deutschen das Wort „Aufrichtigkeit“. Wenn jemand vertikal und authentisch denkt und auch sagt und tut, was er denkt – soweit das irgend möglich ist – nennen wir das „Aufrichtigkeit“ (vgl. Krise als Chance: Sieben Schritte aus der Krise). Am Beispiel des Schülers kann man sehen, inwiefern diese Sprachweisheit einen physiologischen Vorgang abbildet: Zum eigenständigen Denken muss der Mensch sich aufrichten und das erfordert Muskelarbeit.

Wenn man in einer Fussgängerzone sitzt und Jugendliche beobachtet, wie sie gehen, kann man drei verschiedene Typen sehen: Zwei davon sind gefährdet drogenabhängig zu werden oder sind es bereits.

  • Es gibt die exkarnierten Jugendlichen, die traumatisiert sind, und keine Möglichkeit hatten, sich wirklich gut zu verkörpern, die nicht ganz „da“ sind. Ihre Gedanken sind wie "draußen", sind nicht individualisiert. Sie selbst werden von Stimmungen und Trieben geleitet. Was sie tun, bleibt unverbindlich.

  • Dann gibt es diejenigen, die zu tief drin stecken in ihrem Körper, die überhaupt keine Möglichkeit hatten, sich spirituell zu verankern, sich im Denken als spirituelles Wesen zu erfassen (vgl. Sterben und Tod: Selbstbewusstsein und Wegzehrung im Nachtodlichen). Ganz in sich drinzustecken macht rücksichtslos.

  • Zuletzt gibt es den Jugendlichen, der nie angesprochen wird von einem Dealer. Er wirkt zentriert und geht zielorientiert: Man sieht förmlich den Gedanken, der ihn aufrichtet und in Bewegung setzt, der sich durch die Muskeln hindurch realisieren will.

Der mittelalterliche Mystiker Meister Eckhart sagte:

„Wär ich ein König und wüsste es nicht, ich wäre kein König.“

Hätte ich ein wundervolles Menschen-Ich und keinen Leib, durch den ich mir meine Kompetenzen bewusst machen könnte, wüsste ich nicht, wer ich bin. Der Sinn einer Erden-Inkarnation liegt darin, schrittweise ein möglichst umfassendes Bewusstsein der eigenen Menschenwürde und des eigenen Menschentums zu erlangen und sie auch anderen zuzusprechen.

Unsere Aufgabe ist es nun, Jugendlichen, bei ihrer Inkarnation zu helfen (vgl. Jugend heute: Pflege des Ich-Sinnes durch Handlungen), ihnen die Möglichkeiten zu geben, ein Bewusstsein ihres Menschentums zu erlangen, das über die auf den Leib beschränkten Kompetenzen hinausgeht, das ihnen ermöglicht, zwischen Himmel und Erde zu atmen, ganz bei sich und auch ganz „draußen“ zu sein (vgl. Waldorfpädagogik: Erziehung zur Selbstlosigkeit durch Waldorfpädagogik).

Vgl. Vortrag „Schicksalswürde und spirituelles Begreifen der Demenz“, Dornach, 09.05.2008