Das dreigliedrige Wesen der Liebe

Auf welchen Ebenen wirkt Liebe?

Wie lassen sie sich differenzieren?

Die drei Bereiche der offenen Lemniskate des Merkurstabs sind ein Abbild von Geist, Seele und Leib des dreigegliederten Menschen (vgl. Anthroposophische Menschenkunde: Denken, Fühlen und Wollen und Leib, Seele und Geist). In allen dreien wirkt sich Liebe aus.

Liebe im Geistigen entspricht dem oberen Teil der offenen Lemniskate. Im dreigliedrigen Menschen lebt die Liebe, das Wesen der Liebe, auf unterschiedliche Weise: Im Geist und in der Erkenntnis lebt die Liebe davon, dass jeder so sein darf, wie er ist. Dass einer dem anderen gegenüber steht und fragt: Wer bist du? Ich will dich verstehen.

Auf die Frage nach dem wichtigsten Wert in ihrem Leben nennen junge Leute heutzutage meist die Ehrlichkeit. Liebe, auch wenn sie mit der schönsten Sexualität verbunden ist, kann ohne das Gefühl verstanden zu werden und ohne das Bemühen zu verstehen nicht wirklich Liebe genannt werden. Denn auf geistigem Gebiet lebt die Liebe über das Verstehen und Verstanden-Werden.

Ich erinnere mich an eine Hochzeit in der Christengemeinschaft, in der der Priester seine Ansprache an das Brautpaar mit folgenden Worten anfing: „Liebes Brautpaar, die zur Wahrheit wandern, wandern allein.“ (Vgl. Partnerschaft und Ehe: Über Ehe, Partnerschaft und Freiheit). Totenstille im Saal. Am Ende sagte er:

„Die Wahrheit, deretwegen sich das Heiraten lohnt, zu der man ganz allein unterwegs ist, kann auch der andere Mensch sein. Es lohnt sich, ein Leben lang zu versuchen, die Wahrheit des anderen zu verstehen. Doch auf diesem Weg geht jeder allein. Je mehr man jedoch von dieser Wahrheit zu verstehen beginnt, desto weniger fühlt man sich allein.“

Das entspricht dem Begriff von „Geselligkeit“, den Rudolf Steiner für das nachtodliche Leben entwickelte: Dadurch, dass man auf Erden bestimmte Erkenntnisse erwirbt und bestimmte Erlebnisse hat, erwirbt man sich fürs Nachtodliche die Möglichkeit zur Geselligkeit, zur Gemeinschaft mit anderen.1

Liebe im Gefühl entspricht dem Kreuzungspunkt, dem mittleren Bereich der Lemniskate: Dieses Kreuz erscheint sogar im Trauritual. Zwei Menschen aus ganz verschiedenen Richtungen treffen sich in einem Punkt, im „Ja“. Dieses „Ja“ ist das einzig Verbindende, alles andere ist offen. Keiner der beiden weiß, was auf sie zukommt. Nach dreißig Jahren weiß man es schon ein bisschen besser und trotzdem weiß man noch längst nicht alles.

Im Gefühlsbereich hält sich die Liebe der beiden, jenseits von Sympathie und Antipathie, im Kreuzungspunkt der Lemniskate die Waage. In diesem Punkt sind die beiden eins.

Liebe als Willensakt entspricht dem unteren, geschlossenen Teil der Lemniskate: Wenn man sich liebt, ist man eine Willensgemeinschaft. Man will dasselbe, obwohl man vielleicht ganz unterschiedlicher Meinung ist. Obwohl man ganz unterschiedlich fühlt über dies und das, kann man sich trotzdem entscheiden, zusammen leben zu wollen: Je mehr man sich im Willen eins weiß, desto liebevoller wird die Gemeinschaft. Auch wenn man im Äußeren wenig zusammen unternimmt und macht – wenn man fühlt, der andere steht hinter einem, er will, dass man macht, was man macht - kann man sich unterstützt fühlen.

Die Willenseinigkeit bildet die Liebe im Physischen ab. Der Sexualakt, der Fortpflanzungsakt, ist dafür das physische Sinnbild: Im Physischen, im Stoffwechsel, im Willen, müssen die beiden eins sein, nicht zwei.

In der Erkenntnis dagegen, müssen es zwei sein, sonst ist es keine Liebe. Jeder Mensch findet auf seine Art zur Wahrheit. In der Wahrheit wird das Getrennte dann wieder eins.

Vgl. Vortrag „Die Gesetzmäßigkeiten des Merkurstabs“ vom 25.09.2007

  1. Rudolf Steiner, Okkulte Untersuchungen über das Leben zwischen Tod und neuer Geburt. GA 140, Dornach 2003, S. 130.