Liebe als Kraft der Selbstüberwindung

Zum Thema Liebe würde ich gerne etwas vorlesen. Es gibt eine ganz kurze Anleitung im Lukasevangelium im sechsten Kapitel, wo Jesus sagt: Es ist doch eigentlich nicht schwer, einen anderen Menschen zu lieben, wenn man ihn mag. Das tun auch die Sünder, die Diebe, die Mörder. Das ist überhaupt nichts Besonderes. Und dann spricht er über das wirklich Besondere 1:

„Zu euch, die ihr mich fürchtet, sage ich: Liebet eure Feinde. Erweiset Wohltat denen, die euch hassen. Segnet, wenn man euch flucht. Betet für die, die euch beschimpfen. Dem, der dich auf die eine Wange schlägt, biete auch die andere dar. Verweigere dem, der dir den Mantel nimmt, auch deinen Rock nicht. Jedem, der dich bittet, gib und fordere nicht zurück, was dir genommen wird. Denn wenn ihr diejenigen liebt, die euch lieben, verdient ihr dafür Dank?“

Mit diesen Worten wird die Liebe als Fähigkeit beschrieben, sich gerade nicht nach den eigenen Sympathien zu richten, sondern sich auf den Zustand der Welt auszurichten, die Liebe nötig hat, die Liebe lernen muss, der durch Liebe geholfen werden kann. Dieses Motiv spielt in der Todesnähe oft eine große Rolle.

Die Verwandlung von Feindschaft in Liebe am Lebensende kenne ich aus den Berichten sehr vieler Menschen. Das sympathieunabhängige Motiv der Liebe kann einem dabei helfen, sich umzupolen. Auf der einen Seite die normale selbstbezogene Liebe, die wir alle gut kennen und auch genießen, die ja auch wunderschön ist, aber ihre Grenzen hat – und auf der anderen Seite die „umgepolte“, durch Selbstüberwindung geborene Liebe, die wir Menschen, die uns hassen oder missverstehen, schenken können. Wer das einmal getan hat, wer in Liebe für einen „verfeindeten“ Menschen gebetet hat, fühlt sich danach vollkommen anders und erlebt auch den anderen Menschen vollkommen anders, als wenn er sich den üblichen reaktiven Gefühlsmustern überlassen hätte.

Vgl. Vortrag „Die spirituelle Dimension der Todesnähe“, 14.09.2007

  1. Neues Testament, Matthäus 5, 39-44.