Temperament und Machtausübung

Das Temperament eines Menschen stellt nicht nur eine mehr oder weniger große Herausforderung dar1, es spielt auch eine wichtige Rolle, inwiefern jemand befähigt ist, Macht auszuüben. In dem Zusammenhang möchte ich einige charakteristische Macht- bzw. Manipulationsmittel ansprechen, mit denen man jeder umgehen lernen muss.

So sind z.B. Phlegmatiker und Sanguiniker zur Machtausübung über andere und damit auch für Führungsaufgaben weniger gut gerüstet als Choleriker und Melancholiker. Letztere verfügen konstitutionell über eine größere innere Stärke und mehr Konzentrationsfähigkeit, Durchhaltevermögen, Pflichtbewusstsein und Pünktlichkeit. Auch fällt es ihnen leicht, zu einem gewissen Lebensidealismus hinzufinden. Dagegen sind typische Sanguiniker und Phlegmatiker von der Veranlagung her friedliebende, sonnige, ausgleichende Naturen. Ihre Lebenseinstellung ist eher realistisch-rational. Es fällt ihnen leichter, Dinge auf sich beruhen zu lassen. Auch haben sie keine Mühe, ihre Arbeit liegenzulassen bzw. dem Leben gegenüber zurückzustellen.

1. Die Machtausübung des Melancholikers

Der typische Melancholiker benutzt – oft ohne sich dessen bewusst zu sein – seine Unzufriedenheit, seine Leidensmiene oder seine ständige Bereitschaft zu verzichten, um auf andere moralischen Druck auszuüben. Diese nehmen aus seiner Sicht die Dinge nicht so ernst wie er, sind weniger aufopferungsvoll und bereit zu verzichten. Der Melancholiker kann aufgrund seiner Neigung, zu vergleichen und sich als benachteiligt zu erleben, im Sozialen Macht ausüben – und sei es nur durch seine ernste Miene, die beim anderen „schlechtes Gewissen“ erzeugt. Er muss nur den anderen anblicken oder wortlos den Raum verlassen und löst damit u. U. nachhaltige Reaktionen bei seinen Mitmenschen aus. Es würde wenig helfen, den Versuch zu unternehmen, ihn aufzuheitern oder ihm klarzumachen, dass die Dinge nicht gar so ernst und wichtig sind, wie er meint. Das würde sein Verhalten nur zum Negativen hin verstärken, da er sich zu allem Überfluss auch noch missverstanden fühlen würde. Wenn es jedoch gelingt, ihn aufmerksam anzusehen, ihm wirklich zuzuhören und durch ein paar anerkennende Worte zu bestätigen, dass man sein Problem ernst nimmt, entspannt sich die Atmosphäre.

Im häuslichen Bereich ist es immer wieder nötig, schlechte Stimmung oder ein „unlösbares Problem“ auf sich beruhen zu lassen, es schlicht und einfach auszuhalten. Anstatt viel Zeit zu investieren, den anderen umzustimmen oder Lösungsvorschläge zu unterbreiten, ist es besser, sich einer sinnvollen Tätigkeit zuzuwenden. So kann man sich den Manipulationsmitteln „miese Stimmung“, „Vorwurfshaltung“ und „leidbetonte Miene“ entziehen.

Melancholiker haben die Neigung zum Moralisieren. Sie erleben sich aufgrund ihres Lebensernstes, ihrer Charakterfestigkeit und ihrer moralischen Grundsätze mehr oder weniger bewusst als „besser“ als andere. Hier hilft es, selbstbewusst darauf Verzicht zu leisten, von einem Melancholiker als „moralisch wertvoll“ anerkannt zu werden und sich so verhalten zu wollen, dass er es gut findet. Dann ist man auf dem besten Weg, sich abhängig zu machen, ihn herrschen zu lassen. Es wirkt befreiend, in einer solchen Situation ganz zu sich zu stehen und zu tun, was man selber für richtig hält.

Das ist generell ein bewährter Schutz, um nicht von einem eindrucksvollen Menschen unversehens abhängig zu werden. Es gibt fähige Menschen, die es lieben, Bewunderer oder Anhänger um sich zu scharen. Sie verstehen es, durch ihr Verhalten und das, was sie sagen, den Eindruck einer besonderen Geistesstärke und Seelengröße und vor allem einer äußerst moralischen Gesinnung zu erwecken, indem sie mit großer Schärfe und oft sorgen- oder leidvoller Miene andere Menschen kritisieren und ihre Unfähigkeiten und Schwächen schonungslos beleuchten oder anprangern. Hier hilft nur die Einsicht, dass man so ist, wie man eben ist, und dass man nur ehrlich vor sich bestehen kann, wenn man an sich arbeitet und nicht mehr sein will, als man ist (vgl. Mut: Der physische Leib als Quelle von Mut).

2. Die Machtausübung des Cholerikers

Während das melancholische Temperament mehr zur inneren Machtausübung im Seelischen verleitet, sind Choleriker mehr zur äußeren Machtausübung disponiert. Sie haben die Fähigkeit, ihre Mitmenschen zu verplanen, immer genau zu wissen, was jetzt gerade getan werden sollte, und auch die Fähigkeit, das u.U. sehr charmant so zu inszenieren, dass man erst auf halbem Wege oder danach merkt, dass man wieder überrumpelt bzw. benützt worden ist. Choleriker agieren mit äußerer Kraftentfaltung, mit Geschwindigkeit und Willensstärke. Demgegenüber kann man sich nur behaupten, wenn man sich diese Stärken zu Bewusstsein bringt und selber wach mitentscheidet, wo man sich vereinnahmen lassen und mitarbeiten möchte und wo nicht. In dem Augenblick, in dem man die Ziele des Cholerikers auch zu den eigenen macht und „freiwillig“ mitarbeitet, beherrscht nicht mehr er die Situation, sondern man selbst. Auf dieser Basis ist es dann auch leichter, sich bei einzelnen Entscheidungen oder Verfügungen zu wehren und zu begründen, warum etwas jetzt nicht möglich ist. Wenn man sich im Prinzip mit dem Choleriker über seine Führungsstrategien und Ziele einig ist, akzeptiert er im Einzelfall den Widerspruch ganz anders, als wenn er den Eindruck hat, man opponiere immer insgeheim oder sei ihm gegenüber nicht zuverlässig.

3. Die Machtausübung des Sanguinikers

Im Umgang mit Sanguinikern ist nicht nur die Gefahr des Abgelenkt-Werdens zu berücksichtigen. Es kann auch vorkommen, dass man emphatisch in ein Problem eingeweiht wird und den Eindruck gewinnt, alles hänge davon ab, dass man sich in einer bestimmten Sache voll einsetzt. Wenn man sich nun mit großem Zeit- und Kraftaufwand der Sache annimmt, kann es sein, dass der andere mit seinem Interesse bereits ganz woanders ist. Auch hier ist die Lektion, sich nicht nur vom anderen von etwas überzeugen zu lassen, sondern für sich selbst zu prüfen, ob und wie man tätig werden will. Dann ist es auch sinnvoll weiterzumachen, wenn das Interesse des anderen nachgelassen hat oder die erhoffte Anerkennung ausbleibt.

4. Die Machtausübung des Phlegmatikers

Im Umgang mit einem ausgesprochenen Phlegmatiker ist es wichtig, sich von seinem Hang zur Bequemlichkeit nicht mehr anstecken zu lassen, als man es möchte. Auch muss man lernen, die eigene Ungeduld und Nervosität zu beherrschen, wenn man an seiner Langsamkeit Anstoß nimmt. Man sollte seinetwegen nicht in Wut geraten – es sei denn, man will ihm diese Reaktion, aus welchen Gründen auch immer, zumuten. Immer wenn wir reagieren, lassen wir uns von Mensch und Umwelt (vgl. Macht: „Die letzte Freiheit des Menschen“ und die Macht-/Ohnmacht-Frage) beherrschen. Erst wenn wir selbst entscheiden, wie wir uns verhalten bzw. wie wir antworten wollen, sind wir frei in unseren Reaktionen.

Vgl. „Macht in der zwischenmenschlichen Beziehung“, 1. Kapitel, Verlag Johannes M. Mayer, Stuttgart – Berlin 1997**

  1. Vgl. hierzu G. Kniebe, Die Temperamente in der modernen Psychologie;
    S. Leber, Die Menschenkunde der Waldorfpädagogik.
    D. Sixel, Rudolf Steiner über die Temperamente;.
    R. Steiner, Die geistig-seelischen Grundkräfte der Erziehung.