Zwei zentrale Meditationen

Im Folgenden sollen zwei zentrale Meditationen aus dem Mysteriendrama „Die Pforte der Einweihung“1, drittes und achtes Bild behandelt werden (vgl. Schicksal und Karma: Schicksalskunst im Lichte der Mysteriendramen).

1. Meditation zur Unterstützung der bewussten Trennung

Die erste Meditation wurde Johannes gegeben, als ihm alle Stützen weggebrochen waren und er diese Seelenprüfung bestand. Die stärksten Stützen waren sein tiefer Glaube und sein Vertrauen in Maria, dass sie immer wusste, was richtig ist. Dieses Vertrauen wurde durch die Fluch-Szene total erschüttert. Er wurde sich bewusst, dass er ihr einerseits weiter vertrauen musste, weil er ihr Wesen erkannt hatte, dass ihm aber andererseits dieses Vertrauen in sie nicht davon abhalten durfte, in jedem Augenblick wachsam zu sein, um es bemerken zu können, wenn selbst dieser geliebte Mensch sich in einer Situation befände, in der etwas anderes durch ihn spräche als er selbst. Die Liebe zu einem anderen Menschen darf nicht zu einer Symbiose ausarten, darf die Eigenständigkeit nicht gefährden – das erkannte er in dieser Situation.

Er bestand diese Prüfung und deswegen konnten ihm diese Worte, welche die Überwindungskraft der wahren Liebe zum Inhalt haben, den weiteren Weg zeigen. Sie sollten ihm in Momenten Halt geben, in denen ihn nichts mehr geleitete, in denen er ganz auf sich selbst gestellt war. Sie sollten ihm helfen, sich im außerkörperlichen Gedankenwesen halten zu können ohne zu fallen.

Es wird dort gesagt: „Mit vollem Herzen wolle sie empfangen“2. Hier geht es um Herzworte, um Herzgedanken (vgl. Herz(chakra): Ich denke an mein Herz).

„Des Lichtes webend Wesen, es erstrahlet
Durch Raumesweiten,
Zu füllen die Welt mit Sein.
Der Liebe Segen, er erwarmet
Die Zeitenfolgen,
Zu rufen aller Welten Offenbarung.
Und Geistesboten, sie vermählen
Des Lichtes webend Wesen
Mit Seelenoffenbarung;
Und wenn vermählen kann mit beiden
Der Mensch sein eigen Selbst,
Ist er in Geisteshöhen lebend.“3

Diese Meditation, die durch Raum und Zeit geht, die durch die Seelenoffenbarung, die Geistesboten und die geistige Führerschaft hindurch schließlich beim bewussten, erwachten Menschen selbst anlangt, umfasst den Weg der Menschheit aus fernster Vergangenheit, aus der Schöpfung von Raum, Zeit und Bewusstsein bis hin zu dem sich selbst bestimmenden Menschen.

2. Meditation zur Unterstützung der bewussten Verbindung

Ganz anders die zweite Meditation. Hier haben sich zwei Menschen außerkörperlich im Geiste gefunden, Maria und Johannes. Diese Schicksalskonstellation war die Vorbedingung, dass Benedictus Worte geben konnte für die zweite Hälfte der Menschheitsentwicklung, in der alles davon abhängt, ob geisterwachte, geistbewusste Menschen sich zum Menschenheile, zum Wohl der menschlichen Zivilisation, verbinden und tätig werden. Im Hinblick auf diese Aufgabe wird der zweite Spruch gegeben:

„Des Lichtes webend Wesen, es erstrahlet
Von Mensch zu Mensch,
Zu füllen alle Welt mit Wahrheit.
Der Liebe Segen, er erwarmet
Die Seele an der Seele,
Zu wirken aller Welten Seligkeit.
Und Geistesboten, sie vermählen
Der Menschen Segenswerke
Mit Weltenzielen;
Und wenn vermählen kann die beiden
Der Mensch, der sich im Menschen findet,
Erstrahlet Geisteslicht durch Seelenwärme.“ 4

Zwischen Forderung und freiwilliger Erfüllung

Man merkt deutlich, dass diese beiden Sprüche eine Art Wegzehrung auf dem Schicksalspfad sind:

  • Im ersten Spruch die Erweckung des Ich als außerkörperlich, geistig sich bewusst werdendes Wesen.

  • Im zweiten Spruch der Mensch, der sich im andern Menschen findet – und nicht verliert – und deswegen gemeinschaftsfähig wird und sich zum Weltenheil wieder mit anderen verbinden bzw. sich an einen anderen binden kann.

Der Strom aus der Vergangenheit führt zur Fähigkeit, sich bewusst zu trennen, der Strom aus der Zukunft ermöglicht bewusstes Verbinden. Im Spannungsfeld dazwischen lebt die Frage, ob es wirklich um freie Verbindlichkeit geht, um eine Verbindung zwischen Menschen, in der nicht einer vom andern etwas fordert, sondern einer dem andern etwas gewährt, einer Form der Verbundenheit, in der der Umschwung von der Forderung zur freiwilligen Erfüllung stattfindet.

Diese Sprüche sind in dem Kontext, in dem sie stehen, anspruchsvoll und unerschöpflich. Sie sind auf eine gewisse Weise aber auch sehr schlicht: Auch wenn man nichts versteht, versteht man doch alles. Das ist grandios. Man spürt die unendliche Herzlichkeit, die Liebe-Getragenheit jedes Lautes, jeder Wortfügung.

Persönlicher Bezug

Dazu eine persönliche Anmerkung. Herbert Hahn war Lehrer an der ersten Waldorfschule, Wir waren die letzte Klasse in der Waldorfschule in Stuttgart, die er von der ersten bis zur zwölften Klasse im Religionsunterricht begleitete. Als guter Waldorflehrer sprach er am Anfang der Religionsstunde immer den Spruch, den Rudolf Steiner für den Freien Religionsunterricht gegeben hatte. Aber am Ende seiner Laufbahn hat er von seiner Freiheit als authentischer Waldorflehrer Gebrauch gemacht und immer diesen zweiten Karma-Spruch gelesen.

Als ich diese Worte später im Mysteriendrama hörte, kamen sie mir sehr bekannt vor. Da sprach plötzlich Benedictus „unseren“ Religionsspruch auf der Bühne. Ich habe die Dramen zuerst gesehen und danach gelesen, insofern war ich total überrascht, als ich beim Lesen manche Passagen erkannte – natürlich auch „Der Sonne Licht durchflutet …“ Das hatte ich auf der Bühne nicht verstehen können, so wie es gesungen worden war.

Damit will ich sagen: Die großen Wahrheiten dieser Welt werden von den Eingeweihten so formuliert, dass sie auch dem kleinen Kinde etwas sagen können. Sie sind nie exklusiv, sind immer offenbare Geheimnisse. Darin allein liegt schon eine gewisse Schönheit, dass die tiefsten Entwicklungsgeheimnisse des Menschen so offenbar sind und so zugänglich formuliert werden können, dass sie für alle Lebensalter Richtungweisendes enthalten, das uns tragen und uns Impulse geben kann, wenn sonst nichts trägt und impulsiert.

Vgl. Vortrag „Wege zum Herzdenken durch meditatives und künstlerisches Üben“ Dornach, 2007

  1. Rudolf Steiner, Zweiter Vortrag, Dornach, 22. März 1920. In: Geisteswissenschaft und Medizin, GA 312, Dornach 1999, S. 37 f.
  2. Rudolf Steiner, Für Willy Conrad, Köln, 29. Dezember 1912. In: Wahrspruchworte, GA 40, Dornach 1986, S. 269.
  3. Rudolf Steiner, Für Alfred Meebold, in den Münchner Augusttagen 1913. In: Wahrspruchworte, GA 40, Dornach 1998, S. 270.
  4. Vgl. Rudolf Steiner, Zweiter Vortrag, Prag, 21. März 1911. In: Eine okkulte Physiologie, GA 128, Dornach 1991, S. 29.