Makrokosmisches Weltengebet und Weltenentwicklung

Am Abend des 20. September 1913 wurde in Dornach in der Schweiz ein Grundstein in die Erde gelegt in Anwesenheit nur weniger Menschen. Dort wurde ein Spruch1 von Rudolf Steiner gegeben, den er als „Makrokosmisches Weltengebet“ bezeichnet, weil er bereits vor der Erdentwicklung – in der alten Monden-Epoche, als die Erde und die Menschheit noch in Vorbereitung waren – aus dem Makrokosmos, dem Bereich der göttlichen Wesen, erklang. Rudolf Steiner sagt, dieses Weltengebet, das auch den Sinn dieser Erdentwicklung enthüllt, werde bis zur nächsten Erdverkörperung, bis zum Jupiter, erklingen und die gesamte Erdenentwicklung wie ein tragischer Grundzug begleiten.

Die Frage nach dem Urgrund von Angst

Das Makrokosmische Weltengebet handelt davon, dass es das Böse, das Destruktive, gibt und dass „die Übel“ auf der Erde zugelassen sind und dort walten. Wir haben auf der Erde Angst, weil

  • es hier böse zugeht,
  • wir uns gegenseitig verletzen,
  • wir Probleme miteinander haben,
  • und weil hier gigantische Machtspiele im Gange sind und man sich im Großen wie im Kleinen gegenseitig überwältigt.

Davon zeugt die gesamte Menschheitsgeschichte. Schon Kain bringt Abel um aus Neid und Eifersucht. Bis in die ältesten Mythologien ragt das „Fressen und Gefressen-Werden“ herein – davon zeugt auch der Sündenfall.

Was ist nun der Ur-Grund dafür, dass gottgewollt ist, was uns so gottfern anmutet?

Das Weltengebet hilft uns zu verstehen, dass alle Angst, alles Destruktive, alles Böse, aber auch die Inkarnation in einen verletzlichen, isolierten Körper, letztlich dem Heil-Werden der Menschheit dient (vgl. Das Böse – Unvermeidliche Auseinandersetzung mit dem Bösen ), weil der einzelne in der Vereinzelung, die dadurch geschieht, bewusst lernen kann und darf, sich an das Ganze wieder anzuschließen – durch Wahrheitssuche, Liebe und Tun des Guten. Das wird in dem Grundsteinspruch, der hier im Boden einbetoniert wurde, zum Ausdruck gebracht:

„Es walten die Übel,
Zeugen sich lösender Ichheit.“

Dass es das Böse gibt, zeugt davon, dass die Iche sich individualisieren. Denn das Böse ist der Schattenwurf der Individualisierung.

„AUM, Amen!
Es walten die Übel,
Zeugen sich lösender Ichheit,
von anderen erschuldete Sebstheitsschuld.“

Wir sind alle gegenseitig verschuldet.

„Erlebet im täglichen Brote,
in dem nicht waltet der Himmel Wille,
da der Mensch sich schied von eurem Reich
und vergaß eure Namen, ihr Väter in den Himmeln.“

Das ist wie eine Art umgekehrtes Vaterunser, das die Gottheit spricht, die sieht, dass die Menschen eines Tages den göttlichen Namen vergessen und in einen gottfernen Materialismus verfallen werden. Sie werden sehr grausam miteinander umgehen, aber die Gottheit ist bei alledem DA und begleitet diesen Prozess in aller Sorgfalt und Liebe mit dem heiligen AUM, dem Amen (so ist es), um den Menschen beizustehen, wenn sie das Göttliche suchen und seinen Namen wieder kennenlernen und heiligen möchten, wie es im Vaterunser ausgedrückt wird, das der Christus in der Mitte der Erdentwicklung auf die Erde brachte.

Vaterunser als Hinführung zum Vater

„Vater unser, geheiligt werde Dein Name.“

Die Evangelien haben die Aufgabe, die Menschen wieder zum Vater hinzuführen. Sinn der Erdentwicklung ist es, dass jedes Individuum bewusst lernt, den Vater, den Sohn, den Geist – also Wahrheit, Liebe und Freiheit – auf der Erde zu entwickeln. Dafür wurde uns das Christusgebet, das Vaterunser, gegeben.

Um zu verstehen, warum das so schwer ist, wurde uns das Makrokosmische Weltengebet gegeben, das uns daran erinnert, warum die Übel walten müssen: Weil es offensichtlich nötig ist, dass die Menschen den Namen der Gottheit vergessen und den Anschluss an das Göttliche verlieren, damit sie ihn jeder für sich auf individuelle Art und Weise wiederfinden können. Religion bedeutet ja auch Wiederverbinden, wieder Anknüpfen – aber jetzt durch die enge Pforte der Individualisierung (vgl. Religion: Entstehung und Verwandlung des Wortes Religion).

Das ist eine Aufgabe, die schlicht Angst macht, weil man dabei alleine ist, wie Christian Morgenstern so treffend sagt: „Die zur Wahrheit wandern, wandern allein.“2 (vgl. Menschheitsentwicklung: Individualisierungsprozesse in der Menschheitsentwicklung)

Vgl. „Die Angst in der Selbsterziehung des jungen Erwachsenen“, Vortrag auf der Schulärztetagung 2013

  1. In: Rudolf Steiner, Mantrische Sprüche. Seelenübungen II. GA 268, S. 350.
  2. Die zur Wahrheit wandern. Gedicht von Christian Morgenstern (1871-1914) aus dem Gedichtzyklus Wir fanden einen Pfad.