Die berufstätige Mutter

Was braucht das Kind (vgl. Kindsein heute: Was Kinder brauchen) und was kann die Mutter ihm davon unter den gegebenen Umständen geben?

Ist eine Mutter selbst berufstätig, hat sie zwei Berufe und kann für keinen ganz da sein. Kann sie die damit verbundenen Kompromisse bejahen, lassen sie sich durchaus mit der gesunden Entwicklung des Kindes vereinbaren. Voraussetzung ist allerdings, dass die oben genannte Frage an erster Stelle steht.

Ganz sicher müssen die mütterlichen Funktionen auf mehrere Personen verteilt werden, weil die Mutter durch ihre Abwesenheit selbst nicht alles Nötige leisten kann. Kann sie dazu stehen und andere Menschen voll in den Lebensalltag ihres Kindes mit einbeziehen und dann auch deren Eigenarten mittragen, so erlebt das Kind Geborgenheit und Sicherheit.

Einziges Hindernis ist der Anspruch mancher Frauen, eben doch alles selber tun zu wollen und nicht bereit zu sein, sich die Betreuung des Kindes mit anderen Menschen zu teilen. Sie bemerken dann nicht, dass die ungenügende Betreuung, die Hetze und die Unzufriedenheit darüber, nicht alles zu schaffen, für das Kind viel schädlicher sind, als eventuelle Eigenarten anderer Pflegepersonen. Deswegen ist es entscheidend, zu der Lebenssituation, in der man steht, ganz ja zu sagen (vgl. Muttersein: Den Mutterberuf bejahen lernen).

Hat sich eine Mutter aufgrund bestimmter äußerer Zwänge oder aus eigenem Wunsch zur Berufstätigkeit entschieden, ist es ganz wichtig, dass sie auch bereit ist, die Konsequenzen aus ganzem Herzen zu tragen: Wenn eine andere Person gewisse Mutterfunktionen übernimmt, muss an dem damit verbundenen Konkurrenzproblem gearbeitet werden. Anstatt zu fragen – „Wen mag das Kind lieber, wem gehört das Kind jetzt wirklich?“ – und zu versuchen, es zu verwöhnen und damit an sich zu binden, wäre es notwendig, dass die Mutter die andere Bezugsperson voll in ihr eigenes Leben und das des Kindes mit einbezieht, und sich in erster Linie darüber freut, dass ihr Kind bekommt, was es braucht.

Diese Doppelrolle verlangt der berufstätigen Mutter etwas ab, was nicht berufstätige Mütter erst später lernen müssen: ihr Kind nicht als Eigentum anzusehen, sondern vielmehr als einen Menschen, der ihr vorübergehend zur Pflege und Förderung überantwortet wurde. Indem sie ihr Kind von einem anderen Menschen betreuen lässt, muss sie von Anfang an äußerlich etwas tun, was sie seelisch mit vollziehen muss: Sie muss einsehen, dass das Kind nicht ihr, sondern der Welt gehört. Kann sie das begreifen und zulassen, hat sie den mütterlichen Egoismus und auch das Problem von Neid und Eifersucht überwunden. Sie wird dadurch fähig, die Mitverantwortung anderer Menschen zuzulassen und gemeinsam mit ihnen um das Kind herum einen Freiraum entstehen zu lassen, in dem es sich entwickeln kann. Anstatt seelischen Spannungen, dem Konkurrenzempfinden und Verwöhnt-Werden ausgesetzt zu sein, lebt das Kind jetzt in einer liebevollen Atmosphäre, die ihm Geborgenheit vermittelt.

Die Doppelrolle als Mutter und Berufstätige hat aber auch einen Vorteil. Für die berufstätige Mutter ist es selbstverständlich, wenn das Kind oder die Kinder größer sind, wieder den Anschluss an das Leben außerhalb der Familie zu finden.

Vgl. Kapitel „Die alleinerziehende Mutter“, Elternsprechstunde, Glöckler, Michaela, Verlag Urachhaus, Stuttgart**