Muttersein als Beruf

Ist Muttersein ein Beruf?

Die Wertschätzung des Berufs der Mutter wirft grundsätzliche Fragen zum Muttersein in der heutigen Gesellschaft auf.

Blickt man auf die Arbeit, die eine Mutter von morgens bis abends zu leisten hat, damit das Kind alles bekommt, was es braucht, und nicht nur leiblich versorgt ist, sondern auch seelisch angeregt und getragen, so kann man nur sagen: Muttersein ist ein anstrengender Beruf ohne geregelte Arbeitszeiten und ohne festen Ferienplan. Würde diese Arbeit mit einem angemessenen Stundenlohn honoriert, wäre der Beruf der Mutter sicher einer der bestbezahltesten Dienstleistungsberufe der Gegenwart.

Und damit ist das größte Problem bereits beim Namen genannt: In einer Zeit, in der eine Leistung, die nichts kostet, auch nichts gilt, und in der überall nur auf den Profit geschaut wird, ist es selbstverständlich, dass dem Beruf der Mutter nicht die gesellschaftliche Wertschätzung zuteilwird, die ihm vom Arbeitsaufwand und der Leistung her zukommen müsste. Ganz abgesehen davon muss jede Mutter zur Bewältigung der täglichen Probleme Antworten auf Fragen suchen, was ebenfalls Zeit und Kraft kostet: Sie muss sich weiterbilden in Erziehungsfragen, in psychologischen Fragen, in Ernährungsfragen, in sozialhygienischen Fragen und vielem mehr. Auch hierfür stehen keine Hilfen und Mittel bereit. Was die Mutter tut, muss sie aus eigenem Antrieb und ohne entsprechende Unterstützung und Honorierung von außen tun. Wie viel leichter ist demgegenüber jeder andere Beruf!

Es gehört zu den größten sozialen Problemen der Gegenwart, dass im materialistischen Wertsystem nur das anerkannt wird, was auch Geld kostet. Wer mit solchen Wertvorstellungen aufgewachsen ist, läuft Gefahr, den Mutterberuf als minderwertig anzusehen, weil er nicht bezahlt wird. Es hat zwar immer wieder Initiativen gegeben, die gefordert haben, dass Mütter für ihr Muttersein und für ihre jahrelange Tätigkeit ein Gehalt beziehen sollten. Diese Forderung konnte jedoch in der noch immer weitgehend von Männern geprägten Kultur und Politik nicht durchgesetzt werden.

Das Leben von Mutter und Kind wäre zweifellos ein anderes, wenn Mütter aus Steuergeldern ein gewisses Grundgehalt beziehen würden, das ihnen andere Möglichkeiten geben würde, ihr Leben zu gestalten – könnte eine Mutter z.B. eine Haushilfe bezahlen, hätte sie neue Möglichkeiten der Freizeitgestaltung, Zeit für eine kleine Erholungsreise, für dies oder jenes, was das Leben erleichtern kann und die Lebensqualität erhöhen. In vielen Einzelfällen könnte soziales Elend abgebaut werden, das dadurch entsteht, dass manche Männer, nur weil sie die Familie finanziell erhalten, glauben, den Ablauf des Familienlebens bestimmen zu können. Damit haben sie häufig ein Druckmittel in der Hand, das Frauen daran hindert, sich von ihnen zu trennen, aus Angst vor einem sozialen Abstieg und dem Angewiesen-Sein auf Sozialhilfe. Es gehört auch heutzutage immer noch großer Mut dazu, sowohl diesen Weg zu gehen und mit sehr wenig Geld auskommen zu müssen, als auch den Kompromiss einzugehen und berufstätige alleinerziehende Mutter zu werden.

Wenn eine Frau unabhängig von ihrem Ehemann ein entsprechendes Gehalt bezöge, würde das nicht nur ihre persönliche Freiheit und Lebensqualität erhöhen, sondern ihr auch gesellschaftlich eine ganz andere Stellung und Wertschätzung einräumen. Muttersein würde als ein attraktives Berufsangebot angesehen werden, was sicher auch dazu beitragen würde, dass die Zahl der Schwangerschaftsabbrüche aus sozialen Gründen drastisch abnähme. Eine Fülle von Problemen, die aus dem gekränkten Selbst-bewusstsein von Müttern resultieren, die in dem Empfinden leben – „Mein Beruf gilt nichts. Ich kann arbeiten, wie ich will. Meine Arbeit wird nicht anerkannt.“ – würde durch eine solche Regelung beseitigt.

Selbstverständlich gibt es auch unter den gegenwärtigen Bedingungen Frauen, die „nur“ Mütter sind, die diesen Beruf bewusst bejahen und mit Freude ausüben, die mit den damit einhergehenden Problemen genauso umgehen, wie mit Problemen in anderen Berufen. Und es gibt auch Ehemänner, die die Arbeit ihrer Frauen honorieren und Kinder, die froh und dankbar dafür sind.

Eine Mutter erzählte auf meine Frage, worin sie den Sinn ihres neuen Berufes sieht (sie war vor ihrem ersten Kind berufstätig gewesen): „Der Sinn des Mutterberufs ist doch das Kind selbst.“ Auf die Frage, wie sie das meinte, antwortete sie: „Wissen Sie, es ist unglaublich schön, von Anfang an zu erleben, was es heißt, Mensch zu werden – und sich bewusst zu werden, was da alles dazugehört! Davon hatte ich keine Ahnung!“ Und dann berichtete sie von einer Fülle von Einzelheiten. Interesse, Glück und Freude strahlten aus ihren Augen. Sie schloss ihre Antwort mit den Worten: „Dieser Beruf gibt mir das schöne Gefühl, nicht umsonst zu leben. Man engagiert sich für die Zukunft, wenn man einem Menschen gute Startbedingungen schafft.“

Sicher wird jede Mutter auf eine solche Frage hin etwas anderes sagen. Aber an diesem Einzelfall zeigt sich auch etwas Charakteristisches: Eine Mutter, die bereits berufstätig war und sich dann mit vollem Bewusstsein entschließt, „nur“ Mutter zu sein, steht mit einer ganz anderen Sicherheit und Selbstverständlichkeit in diesem Beruf. Sie findet den Sinn und die Anerkennung in der Tätigkeit selbst und sucht sie nicht von außen.

Auszug aus dem Kapitel „Die alleinerziehende Mutter“, Elternsprechstunde, Verlag Urachhaus, Stuttgart