Der richtige Zeitpunkt für Entwicklungsprozesse im Sozialen

Wann ist der richtige Zeitpunkt, um an Problemen und Konflikten in der Partnerschaft zu arbeiten?

Das Spannungsfeld von Individualität und Gemeinschaft für die Entwicklung nutzen zu lernen, ist ein lebenslanger Prozess. Dabei spielt der Umgang mit dem Faktor Zeit eine zentrale Rolle.

Die Arbeit an Problemen und Konflikten kann nicht zu jedem Zeitpunkt vorgenommen werden. Das zu berücksichtigen ist wichtig: Wer meint, nach Mitternacht noch mit dem Partner konstruktiv an Problemlösungen arbeiten zu können, hat sich in der Regel getäuscht. Man kann um diese Zeit zwar noch lange diskutieren – es kommt jedoch selten etwas Konstruktives dabei heraus. Meist dreht man sich dabei im Kreis und ist am Ende müde und verzweifelt. Am nächsten Tag ist man unausgeschlafen und reagiert schon deshalb aggressiver als nötig. Am besten sind Zeiten, die man gemeinsam verabredet und auf die man sich innerlich einstellen kann. Oder aber solche Augenblicke, die man im Laufe des Tages geistesgegenwärtig ergreift, wenn sich ein Gespräch ergeben hat, das man dann in Richtung der notwendigen Problemlösung fortsetzen kann.

Solche Überlegungen helfen auch bei Kindern. Oft entspannt sich die Situation bereits, wenn man genauer abzuschätzen versucht, wo sie sich gerade befinden. So ist z.B. „berechtigtes Schimpfen“ zu einem Zeitpunkt, an dem das Kind bereits übellaunig, aggressiv, müde, gestresst oder hungrig ist, nicht sinnvoll und sollte lieber vermieden werden. Viel effektiver ist es, in der akuten Situation zu schweigen und abzuwarten, bis Ruhe einkehrt und das Kind wieder aufnahmefähig ist, um dann die notwendige Korrektur oder Erklärung vorzubringen.

Im Umgang mit Konflikten stellt sich generell die Frage, ob die Sache schon so reif ist, dass wirklich etwas entschieden werden kann, ob eine Konfrontation stattfinden sollte oder ob ein „chirurgischer Eingriff“ vorgenommen werden muss. Hier den richtigen Zeitpunkt für eine Entscheidung zu finden, ist schwierig, weil wir nicht im ruhigen Wahrnehmen solcher Vorgänge geübt sind.

Auch sind Menschen immer weniger gewillt, sich für Entwicklungsprozesse im Sozialen die notwendige Zeit zu nehmen (vgl. Gefühle und Fühlen: Müde, kraftlos, unkonzentriert – Was sind die Ursachen? ). Man möchte vielmehr hier und jetzt, quasi auf Knopfdruck, alles geregelt haben. So wie man Kindern ihre Kindheit nicht mehr zugesteht und sie so früh wie möglich zu kleinen Erwachsenen macht, so gesteht man auch alten Menschen ihr Alter nicht mehr zu und lässt generell zu wenig Zeit für Reifungsprozesse. Man ist leicht geneigt, seine eigenen Neigungen und Fähigkeiten zum Maßstab für andere zu machen und die unterschiedlichen zeitlichen Perspektiven für Entwicklungsverläufe aus dem Auge zu verlieren.

Wie wohltuend ist es, wenn man berechtigte Forderungen an jemanden zurückstellen kann, weil man erkennt, dass der Betreffende gerade besonders belastet ist. Auch wenn es von der Sache her richtig wäre, eine Forderung zu stellen, kann es sein, dass jetzt nicht der „richtige“ Zeitpunkt dafür ist. Ungeduld und die Unfähigkeit, sich Zeit zu lassen, zerstören viel an Entwicklungsmöglichkeiten.

Vorschnelle und zu spät getroffene Entscheidungen

Immer wieder gibt es in der Partnerschaft Konstellationen, die ausweglos erscheinen und bei denen der Partner auf eine Entscheidung drängt: „Wenn du dich jetzt nicht so oder so entscheidest, dann ...“. Unter diesem Druck wird u.U. vorschnell etwas entschieden, auf das man später mit Reue zurückblickt, weil man zugeben muss, dass die Entscheidung unreif war. Man hätte sich und anderen Leid erspart, wenn der Druck nicht gewesen wäre.

Aber auch das Umgekehrte kommt vor: Ehepartner, die sich seit Jahren in ihrer Entwicklung mehr behindern als fördern, und deren Kinder schließlich schon sagen – „Warum trennt ihr euch denn nicht?“ – fassen diesen Entschluss womöglich zu einem Zeitpunkt, an dem es für einen der beiden Partner oder für beide bereits zu spät ist, dem Leben eine entscheidende Wendung und damit eine neue Entwicklungschance zu geben.

Vgl. „Macht in der zwischenmenschlichen Beziehung“, 7. Kapitel, Verlag Johannes M. Mayer, Stuttgart – Berlin 1997**