Ehe als Gemeinschaft zweier Individualitäten

Eine Vielzahl von Eheproblemen hängt damit zusammen, dass man bei der Suche nach sich selbst und nach dem Sinn der eigenen Existenz das Gesuchte in den Partner projiziert und nun meint, im anderen das eigene Selbst gefunden zu haben. Auch wenn wir an der Begegnung mit unserem Partner zur immer genaueren Erkenntnis des eigenen Wesens gelangen, so bleibt uns doch ein Rätsel, wer der andere wirklich ist. Davon können wir uns nur immer wieder aufs Neue ein Bild zu machen versuchen.

Hat man die Suche nach sich selbst mit der Suche nach einem Partner verwechselt, so muss man oft auf schmerzliche Weise lernen, dass der andere doch ganz anders ist und ein anderes Schicksal hat als man selbst – auch oder gerade, wenn zunächst durch das Zusammenkommen zweier Polaritäten ein grenzenloses Harmoniegefühl entstanden war und man sich ganz einig und eins fühlte, weil sich zwei unterschiedliche Seelen- und Körperarten wunderbar ergänzten. Zwischen den unterschiedlichen Polen von Mann und Frau besteht eine naturgegebene seelische und körperliche Anziehung.

Streben nach Weiterentwicklung als Konfliktpotential

In beiden Partnern aber lebt ein ganz individuelles Menschen-Ich, das sich aus der Harmonie heraus eines Tages wieder stärker zu regen beginnt und nach Weiterentwicklung verlangt. Das Geistig-Individuelle, das in Seele und Körper lebt und unablässig wirkt, weil es reiner Geist ist, beginnt nach einer Zeit zu großer Harmonie mit dem Partner zu revoltieren: Es war im Erleben der Gemeinsamkeiten vorübergehend wie untergetaucht. Manchmal fragen Menschen sich nach einer solchen Phase:

Wo war ich bloß die ganze Zeit?

Mit einem Mal ist der Abstand wieder da und die Einsamkeit des Ich wird wieder erlebbar. Die Suche nach „sich selbst“ wird dem Menschen nicht abgenommen dadurch, dass er einen Lebensgefährten gefunden hat.

In dieser Art Krisensituation haben es die Frauen noch immer wesentlich schwerer als die Männer, denen man die Notwendigkeit zur individuellen Persönlichkeitsentwicklung eher zugesteht. Das Ich der Frau wird gerne mit ihren körperlichen und seelischen geschlechtsgebundenen Eigenschaften gleichgesetzt. Es ist noch viel Aufklärungsarbeit zu leisten, dass jeder im anderen den geistigen Wesenskern als einmalig, allgemein-menschlich und unverwechselbar anerkennt.

Interesse für den anderen und Kontinuität

Andererseits ist es schier unmöglich, in Eheschwierigkeiten zu geraten, wenn jeder innerlich sicher seinen Weg geht und sich für das Ergehen des anderen brennend interessiert, wenn man sich miteinander über die Suche nach dem eigenen Weg unterhalten kann und man die Abgründe und Einsamkeit, mit denen beide immer wieder zu kämpfen haben, als notwendige Marksteine der inneren Entwicklung akzeptieren kann. Viele Konflikte hängen gerade damit zusammen, dass über all das nicht offen gesprochen werden kann und jeder vom anderen meint, dass dieser ihn „nicht versteht“, vielleicht sogar „nie verstanden hat“, dass das harmonische Zueinanderfinden nur eine schöne Illusion war.

Fasst man die Ehe als Gemeinschaft zweier Individualitäten auf, die sich gegenseitig in ihrer Entwicklung fördern wollen, so wird sie zu einem fruchtbaren Übungsfeld, das nur in der Kontinuität als solches zu erfahren ist. Denn eine Eigenschaft des Ich ist die Kontinuität. Unser geistiger Kern, unsere Ich-Identität, zeichnet sich gerade dadurch aus, dass sie nicht schwankt wie unser Seelenleben. Gefühle können sehr unterschiedlich sein, je nachdem, was wir erleben.

Aber alles, was wir dauerhaft in unserem Seelenleben pflegen – bleibende Neigungen, Ideale, bestimmte Entschlüsse, die wir durchtragen – wird Teil unseres Ich, unserer ewigen Persönlichkeit. Allem, womit wir uns im Ich verbinden, verleihen wir Dauer. Das heißt aber auch, dass wir es nicht mehr verlassen. Eine Ehe ist im Grunde erst dann eine Ehe, wenn sie von Ich zu Ich aus Interesse am Wesen des anderen geschlossen wird. Eine solche Beziehung ist von Dauer, weil sie geistig wesenhaft ist. Ehen, die zerbrechen können, sind nicht von Ich zu Ich geschlossen worden. Da haben andere Motive vorgeherrscht. Wenn man vom Ich aus in Beziehung zu jemandem tritt, wird man frei von der naturgegebenen körperlichen und seelischen Anziehung. Man fragt dann nicht mehr danach, was man selbst vom anderen braucht, sondern bemüht sich aus Interesse für das Ich des anderen herauszufinden, was der andere von mir braucht.

Vgl. Vortrag, „Die männliche und weibliche Konstitution“, 1987