Freundschaften des Partners mittragen

Wie kann man konstruktiv damit umgehen, wenn der Partner eine enge Beziehung zu einem anderen Menschen eingeht?

Welche Gesichtspunkte können hilfreich sein für das Verständnis und die Bewältigung einer solchen Situation?

Bei der Hochzeit begegnen sich Verwandte und Freunde der beiden Partner: Einander im Grunde wildfremde Menschen bieten sich bei klingenden Gläsern das Du an – d.h. die Ehe wirkt sich als ein im Sozialen verbindendes Ereignis auf den Alltag zweier Menschenkreise aus. Damit ist noch eine weitere Herausforderung verbunden: Ein Prozess ist in Gang gekommen, der seine Fortsetzung findet und an dem die Ehe eines Tages auch wieder zerbrechen kann.

Denn der menschliche Umkreis der Partner, ihr jeweiliges Schicksalsfeld und ihre Beziehungen sind ja mit der Eheschließung nicht in einen Ruhezustand eingetreten, sondern wachsen weiter. Und so fordert das Ernstnehmen des anderen auch ein echtes Interesse für die Beziehungen, die der andere hat oder neu eingeht. Gelingt es nicht, die Menschen, die ihm wichtig sind, so in das eigene Seelenleben mit aufzunehmen, wie man es bei der Hochzeit mit den Verwandten und Freunden des Partners versucht hat, so kann die Intensität neuer Freundschaften auf die Ehe sprengend wirken, statt sie zu bereichern. Wäre mit dem Entschluss zur Lebensgemeinsamkeit der Ehe gleichzeitig der Entschluss verbunden, das Schicksal des anderen mit den ihm verbundenen Menschen ebenfalls zu heiraten, so könnten viele menschlich zunächst kompliziert erscheinende Konstellationen in gesunde, alle Beteiligten fördernde Bahnen kommen. Dann können Eifersucht und Gleichgültigkeit viel leichter im Keim erstickt und überwunden werden.

Über sich und den anderen lernen wollen

Auch hier erweist sich der Wunsch, das Beste aus diesen Konstellationen zu machen, über sie zu sprechen und aus ihnen etwas über sich und den anderen zu lernen, als se-gensreich. Liebe schenken und Liebe genießen fallen im Leben zeitlich nicht immer zusammen. Wenn wir das erfahren, erkennen wir auch, wie schwer es ist, diese schenkende, ich-getragene geistige Liebe aufzubringen, wenn man bisher den selbstbezogenen Liebesgenuss als Zentrum der Gemeinsamkeit empfunden hatte. Eifersuchtsgefühle, Verzweiflung, Leere und Sehnsucht nach dem Verlorenen wecken den Betroffenen auf für die Einseitigkeit und Geistferne, von der seine Liebe zum Ehepartner bisher geprägt war.

Wenn man sich dagegen brennend dafür interessiert, warum gerade dieser neu hinzugekommene Mensch dem anderen so viel bedeutet, haben Empfindungen des Enttäuscht-Seins keinen Platz. Eine derartige Lebenshaltung mag dem einen oder anderen von Ihnen wirklichkeitsfremd erscheinen. Sie wird jedoch jedem sofort einleuchten, der das Eheleben als einen Weg ansieht, den anderen in seiner Entwicklung zu fördern und sich selbst mit der geistigen Welt und den die Menschheit leitenden Lebensidealen in Beziehung zu setzen.

So möge die Liebe zur heranwachsenden Generation, die noch härteren Zeiten entgegengeht als die unsrige, dazu beitragen, dass wir immer wieder die nötige Bereitschaft und Begeisterung dafür aufbringen, unsere sozialen Beziehungen gerade im häuslich-alltäglichen Bereich in menschenwürdige Bahnen zu lenken.

Vgl. Vortrag, „Die männliche und weibliche Konstitution“, 1987