Gemeinsamkeiten von Mann und Frau auf geistiger Ebene

Die Tatsache, dass gegenwärtig mehr von Partnerschaft als von Ehe gesprochen wird, macht deutlich, dass das Individuelle in der Beziehung stärker betont wird. In dem Begriff „Ehe“ wird das Individuelle in das Gemeinsame aufgenommen, während das Wort „Partnerschaft“ von vornherein klarstellt, dass es sich hier um zwei Menschen handelt, die nicht nur zusammen auskommen, sondern auch ihre Individualität in der Gemeinsamkeit aufrechterhalten möchten. Insofern trifft „Partnerschaft“ auch viel eher auf die Form der heutigen Beziehung zwischen den Geschlechtern zu als die Bezeichnung „Ehe“. Das, was früher der Ehe den Namen gegeben hat – die eheliche Verbindung der Geschlechter –, wird heute gerade nicht mehr unbedingt und schon gar nicht ausschließlich als das Wesentliche und Tragende in der Beziehung angesehen. Andere Werte stehen im Vordergrund. Man wünscht sich von einer Partnerschaft:

  • Verständnis füreinander,
  • Akzeptanz der eigenen Freiheit,
  • Ehrlichkeit im Umgang
  • und Zuverlässigkeit bei Absprachen.

Im Vordergrund steht die Suche nach gegenseitigem Verstehen, nach seelischer und geistiger Gemeinsamkeit, Geborgenheit und der Unterstützung und Hilfe auf einer bestimmten Wegstrecke.

Es gehört zu den Daseinsrätseln, dass zwei Menschen, die physisch und seelisch so unterschiedlich veranlagt sind, überhaupt Gemeinsamkeit erleben können, dass es eine Ebene des Begegnens gibt, die sich unabhängig von Alter und Geschlecht nur auf das rein Menschliche bezieht. Wenn jedoch dieses Allgemein-Menschliche die individuell-persönliche Verbindung und das, was man voneinander kennt und weiß, nicht genügend durchzieht und trägt, kann die Unterschiedlichkeit der seelischen und körperlichen Konstitution, wie sie zwischen männlich und weiblich, aber auch zwischen Jugend und Alter, vorliegt, entscheidend dazu beitragen, die Beziehung zu stören. Sämtliche Schwierigkeiten, die zu Konflikten führen, erwachsen aus der Verschiedenheit der Beteiligten.

Die Ich-Natur, ein zweischneidiges Schwert

Dieses Allgemeinmenschliche, das Mann und Frau immer verbinden kann, betrifft die Ich-Natur, die allen Menschen gemeinsam ist 1 (vgl. Identität und Ich: Identifikation und Schicksal). Ob Mann, Frau oder Kind – alle sagen zu sich selber „ich“. Wenn Eltern und Erzieher das Ich des Kindes vom ersten Lebenstag an ernst nehmen, geschieht das aus einer Einstellung zum Kind, die für seine ganze weitere Entwicklung eine entscheidende Hilfe und Stütze sein wird. Wenn es gelingt, bei allem zu empfinden – „Hier ist ein Mensch zu mir gekommen, der von mir erwartet, dass ich ihm helfe, möglichst gut und kräftig zu sich selbst und zu seiner Lebensaufgabe zu finden“ –, ist die Grundlage für ein starkes Selbstbewusstsein und Selbstsicherheit geschaffen (vgl. Selbstbewusstsein: Gekränktes Selbstbewusstsein). Der im Kind schon anwesende spätere Erwachsene, der sich noch genauso wenig kennt, wie ich ihn kenne, wartet Monat für Monat und Jahr für Jahr darauf, mehr von sich zu erfahren und genauer zu wissen, warum er sich in diesen Lebenszusammenhang begeben hat. Dieses Kind ist nicht mein Besitz, dieses Kind ist Teil meines Lebens und will mit meiner Hilfe lernen, seine Weiterentwicklung in die Hand zu nehmen.

Wenn eine solche Einstellung vorherrscht, ist der Lebensraum in Elternhaus und Schule von einer Haltung geprägt, die trotz klarer Hilfestellung und, wo nötig auch Führung, doch immer einen Freiraum schafft, der es dem Kind erlaubt, möglichst viele Erfahrungen „selbst“ zu machen.

In der Partnerschaft führt eine solche Einstellung dazu, dass sich beide mit dem Trennenden und auch mit dem Verbindenden, das mit diesem „Selbst“, mit dieser Ich-Natur, verbunden ist, auseinandersetzen. Denn das Ich ist im wahrsten Sinne des Wortes ein zweischneidiges Schwert. In der Apokalypse des Johannes wird von Christus gesagt, dass aus seinem Munde ein zweischneidiges Schwert hervorgeht. Es gibt kein treffenderes Bild, um die Doppelnatur des Ich zu charakterisieren. Liegt es doch im Wesen des Ich begründet,

  • dass einerseits jeder einzelne Mensch zu sich selbst „ich“ sagt,

  • und dass andererseits alle anderen Menschen das auch tun, so dass es sich um den allgemeinmenschlichsten Begriff handelt.

Im Ich liegt nicht nur die Möglichkeit, sich vollständig abzuschließen, auf sich selbst zu besinnen und sich zu isolieren – und das auch zu brauchen, um zu sich kommen zu können –, in ihm ist auch die Fähigkeit veranlagt, sich nicht nur Freunden und Bekannten, sondern letztlich der ganzen Menschheit angehörig und verbunden zu fühlen. Um das eine wie auch das andere zu können, bedarf das Ich geeigneter Arbeitsinstrumente – diese stehen ihm in den Seelenfähigkeiten von Denken, Fühlen und Wollen zur Verfügung.

1. Gedankliche Auseinandersetzung mit der Zweischneidigkeit

Wir können das Denken für zweierlei benützen:

  • uns über uns selbst klar zu werden und uns von unserer Umwelt zu distanzieren
  • uns über die Welt aufzuklären und uns unseres Zusammenhangs mit ihr bewusst zu werden.

Ebenso kann es dazu verwendet werden, uns über das, was uns mit dem Lebens- bzw. Ehepartner verbindet oder von ihm trennt, bewusst zu werden und es normal zu finden, dass es diese beiden Seiten auch in der Partnerschaft geben muss, weil es sich um ich-begabte Menschen handelt. Es kann nicht nur das Verbindende geben.

2. Zweischneidigkeit im Fühlen

Entsprechend verhält es sich mit dem Fühlen:

    Es ist wohltuend, sich hin und wieder ganz in sich selber zu verschließen und die damit verbundene Einsamkeit, verbunden mit Lebensfreude und/oder Trauer als Stärkung des Selbstbewusstseins zu erleben.

  • Und es ist wohltuend, sich über die Mitleidsfähigkeit auch wieder eng mit anderen Menschen, Schicksalen, Aufgaben und wichtigen Zeitfragen verbunden zu fühlen.

Diese gefühlsmäßige Anteilnahme aneinander ist eine entscheidende menschenverbindende Kraft, deren Stärke einem oft erst bewusst wird, wenn eine Beziehung zu zerbrechen droht und man spürt, wie viel Kraft man aus dem Gefühl der Gemeinsamkeit bezogen hat.

3. Zweischneidigkeit im Handeln

Auch auf der Handlungsebene gibt es beide Möglichkeiten: etwas ganz für sich alleine zu tun oder für und mit dem anderen. Will man nun in Ehe und Partnerschaft das Gemeinsame pflegen, insbesondere das stärkende Zusammengehörigkeitsgefühl, gelingt das umso anhaltender, je mehr es seine Wurzeln im Verständnis des menschlichen Ich hat.

Christus sagt von seinem Wesen, seinem „Ich“: „Ich bin die Wahrheit“ und: „Ich bin unter euch, wenn ihr einander liebt“ und: „Ihr werdet die Wahrheit erkennen und die Wahrheit wird euch frei machen“ , was bedeutet: Ihr werdet mich (die Wahrheit) erkennen, und das wird euch – euer Ich – befreien und zu sich selbst führen.

Kann man in einer Partnerschaft verabreden, diese drei Ich-Qualitäten – Wahrhaftigkeit, Liebe und Freiheit (vgl. Ideale: Die Ur-Ideale – Wahrheit, Liebe und Freiheit) – zu üben, so hat man sich auf geistiger Ebene im Wesentlichen verbunden. Dann lebt man in einem gemeinsamen Entwicklungsstrom und fühlt die Nähe des anderen in jedem Augenblick, in dem man sich auf dieses Versprechen und die damit verbundene innere Arbeit besinnt. Denn jene drei Eigenschaften dienen der Charakterbildung und Entwicklung von Mann und Frau in gleicher Weise, und sie sind auch das, was für die Erziehung der Kinder die entscheidende Orientierung gibt. Diese drei Qualitäten machen die Würde des Ich aus, begründen, erhalten und pflegen sie.

Schmerzliches Fehlen von Wahrheit

Auch wenn der Entschluss, diese Qualitäten zu üben, nicht gemeinsam gefasst wurde und als etwas Verbindendes angesehen werden kann, wird man doch immer wieder auf sie stoßen und vor allem ihre Abwesenheit schmerzlich bemerken. Wie störend und unterminierend wirkt sich eine auch noch so verborgene Verlogenheit auf eine Partnerschaft bzw. Ehe aus! Wie oft führt das sogenannte Mitleid mit dem anderen dazu, ihm wichtigste Dinge, z.B. die Freundschaft mit einem neuen Menschen, zu verheimlichen bzw. zu verharmlosen, anstatt daran zu arbeiten, diese neue Beziehung konstruktiv und unter Mitarbeit des anderen in den gegenwärtigen Schicksalszusammenhang zu integrieren. So manche „Nebenbeziehung“ würde andere Formen annehmen und für alle Beteiligten zum größeren Gewinn gereichen, wenn von Anfang an offen über sie gesprochen werden könnte.

Lieblosigkeit

Entsprechend ist es mit den vielen kleinen und großen Lieblosigkeiten, die eine Beziehung belasten können. Hier steht der Mangel an gegenseitiger Anerkennung an vorderster Stelle. Wie sehr ist man versucht, dem anderen gegenüber seine Stärke auszuspielen, ständig auf diesem und jenem Gebiet in geheimer Konkurrenz zu sein oder aber die Fähigkeiten des anderen zu wenig wahrzunehmen und zu bestätigen. (Hierzu gehört auch die Fähigkeit, dass der andere es schon so lange mit einem aushält...)

Das Fehlen von Freiheit

Welche Belastung stellt Unfreiheit in jeder Beziehung dar! Sehr oft ist es dieses Fehlen von Freiheit, das den einen oder anderen Partner dazu verleitet, sich geheime Spielräume zu suchen, in die der andere nicht hineinreden kann, wo Kontrolle nicht möglich ist.

Damit wird deutlich, dass die empfindlichsten Störfaktoren und Belastungen einer Partnerschaft auf dem Mangel an Ich-Präsenz beruhen, dem Mangel an Wahrhaftigkeit, Liebe und Freiheit. Gelingt es nicht, auf dieser geistigen Ebene zur Gemeinsamkeit zu finden und sich des gemeinsamen Wollens in Richtung der drei Ideale bewusst zu werden, fehlt der Beziehung der entscheidende Halt in Krisenzeiten, wenn es seelisch und körperlich einmal nicht so gut klappt. Umgekehrt kann natürlich auch Harmonie in der körperlichen und /oder seelischen Beziehung lange Jahre Gemeinsamkeit schenken, auch wenn man sich geistig nie richtig verständigen konnte und den anderen eigentlich noch nicht gefunden hat.

Vgl. „Macht in der zwischenmenschlichen Beziehung“, 6. Kapitel, Verlag Johannes M. Mayer, Stuttgart – Berlin 1997**

  1. Vgl. Rudolf Steiner, Theosophie. GA 9.