Metamorphose der Wachstumskräfte im Hinblick auf Mann und Frau

Was sagt der Zusammenhang von Denken und Wachstumskraft über den Unterschied von Mann und Frau aus?

Dem Leib-Seele-Zusammenhang verdanken wir u.a. die Fähigkeit, unser Seelenleben und unsere Art zu denken und zu empfinden lebenslang immer weiter zu entwickeln, bzw. dass wir in der Lage sind, durch die Art unseres Denkens zerstörend oder aufbauend auf unseren Leib zurückzuwirken und ihn über längere Zeiträume in seinen Funktionen zu beeinflussen.

Diese Tatsache hat auch mit dem Thema des heutigen Abends, der Verschiedenheit von Mann und Frau in körperlicher und seelischer Beziehung, ganz entscheidend zu tun. Alle psychologischen Studien und Abhandlungen darüber können kein wirkliches Verständnis bewirken, wenn man diese Zusammenhänge nicht gleichzeitig berücksichtigt.

Entwicklung der Fortpflanzungsorgane beim Embryo

Jeder Mensch hat 22 Chromosomenpaare (Autosomen) und dann noch zwei spezielle, die sein Geschlecht bestimmen. Nun könnte man annehmen, dass sich gleich von Anfang der Embryonalentwicklung an zeigt, ob der Embryo ein Junge oder ein Mädchen wird. Die Natur macht es jedoch seltsam umständlich: Beim 3-4 Wochen alten Embryo können Sie die folgenden Entwicklungsstadien beobachten: (vgl. Partnerschaft und Ehe: Mann und Frau – Unterschiede im körperlichen Bereich)

  • Die sogenannten Urkeimzellen beginnen in die Region der zu bildenden Fort-pflanzungsorgane einzuwandern und die Entwicklung der Keimdrüsen zu induzieren (zu veranlassen): Bei beiden Geschlechtern bilden sich genau dieselben Gewebestränge als doppelgeschlechtliche Anlage aus. Bis zum Ende des zweiten Lebensmonats behält die Keimdrüsenanlage das gleiche Aussehen.
  • Dann erst beginnt die sichtbare Differenzierung in ein männliches und ein weibliches Geschlecht. Dabei bildet sich die bereits angelegte Keimdrüse des entgegengesetzten Geschlechtes wieder zurück: Beim Mädchen bleiben von den sogenannten Wolf‘schen Gängen und bei den Jungen von den Müller‘schen Gängen nur kleine Rudimente im Umkreis der Fortpflanzungsorgane zurück.

Jeder Mensch trägt diese Rudimente vom entgegengesetzten Geschlecht in sich – gleichsam als organische Erinnerungen an die Embryonalzeit.

Mögliche Entwicklung beider Organanlagen

Warum verbringt der Embryo die ersten zwei Monate damit, alles doppelt anzulegen und es dann wieder rückgängig zu machen?

Wir müssen diese naiv klingende Frage stellen, um dem Verständnis näher zu kommen. Denn zwei Monate von neun sind eine ganz schöne lange Zeit!

Eines kann man unmittelbar an dem Vorhandensein der Rudimente ablesen: In jedem Menschen steckt die Potenz, beide Organanlagen, die männliche und die weibliche zu bilden: D.h. mit hohen Dosen von Testosteron lässt sich daher auch zeitlebens bei der Frau das Auftreten der männlichen sekundären Geschlechtsmerkmale provozieren und das Umgekehrte mit Östrogenen beim Mann: Sein Bartwuchs geht dann zurück, die Brust fängt an zu wachsen und es bildet sich der typisch weibliche Fettansatz. Die Frau dagegen bekommt eine tiefere Stimme, ihre Skelett-Muskulatur wird stärker, es tritt der männliche Behaarungstyp auf, die Brust schwindet und der Bartwuchs beginnt. Normalerweise regelt der genetisch festgelegte Stoffwechsel, dass der Mensch sich körperlich nicht „doppelt“ verausgabt und zum Zwitter wird.

Ein niederes Tier, z.B. der Bandwurm, der zeitlebens zweigeschlechtlich ist, sich also selbst befruchten kann, verbraucht den größten Teil seiner Energie bei diesem Selbstbefruchtungsvorgang und hat ein winzig kleines Nervensystem.

Metamorphose der gegengeschlechtlichen Fortpflanzungskräfte

In diesem Zusammenhang ist es interessant zu sehen, dass beim Menschen und den höheren Säugetieren während der Embryonalentwicklung genau parallel zum „Verzicht“ auf die Ausbildung des entgegengesetzten Geschlechtes die Großhirnbläschen aussprossen: Die Ausbildung der Großhirnhemisphäre und die Differenzierung der Keimdrüsen fallen also in denselben Zeitraum der Embroynalentwicklung. Was im 1. Buch Mose mit dem Sündenfall als Bild geschildert wird – dass die Geschlechtertrennung zusammenfällt mit der Bewusstseinsentwicklung – zeigt sich hier als biologische Tatsache.

Rudolf Steiners geisteswissenschaftliche Forschung besagt, dass wir den Impuls zur Gehirnentwicklung dem Verzicht auf die Reproduktionskraft des anderen Geschlechtes verdanken: Wenn sich beim Embryo z.B. körperlich eine weibliche Anlage ausbildet, also auf die Wachstumskraft der männlichen Anlage verzichtet wurde, dann machen die nicht benutzten männlichen Fortpflanzungskräfte eine Metamorphose durch und werden zu Gedankenkräften, die beim Aufbau des Großhirns mitwirken. Das wollen wir als Arbeitshypothese nehmen und auf dieser Grundlage die Unterschiede von Mann und Frau in leiblicher und seelischer Hinsicht beleuchten:

  • Der Mann ist in der Regel etwas schwerer, hat stärkere Muskeln, eine tiefere Stimme, ein etwas schwereres Gehirn. Das männliche Fortpflanzungshormon Testosteron mit seiner anabolen, den Eiweißaufbau stimulierenden Wirkung spielt hierbei eine wesentliche Rolle.
  • Frauen sind dagegen leichter gebaut, werden als das „schwache Geschlecht“ bezeichnet, und haben im Durchschnitt (im Einzelnen stimmt das natürlich nicht, das ist selbstverständlich) etwas weniger körperliche Kraft, sind ein bisschen weicher, ein bisschen zarter und nicht so „ganz da“ wie die Männer.

Vgl. Vortrag, „Die männliche und weibliche Konstitution“, 1987