Das Geheimnis von Verdauung und Transsubstantiation

Wer auf den Zusammenhang zwischen religiöser Hingabe, Willen und Stoffwechseltätigkeit aufmerksam geworden ist, hat damit den Schlüssel in der Hand zum Verständnis körperlicher, seelischer und geistiger Verwandlung.

Wenn wir die Nahrungsaufnahme betrachten, ist es ganz offensichtlich, dass sich alle drei Naturreiche dem Menschen hingeben:

  • das Mineralreich in den Salzen und Spurenelementen wie Kupfer und Magnesium,

  • das Pflanzenreich in der ganzen Vielfalt von Obst, Getreide und Gemüse,

  • das Tierreich in dem Fleisch, den Eiern und Milchprodukten, die wir verzehren.

So wie das Mineral die Lebensgrundlage der Pflanze ist und die Pflanze die des Tieres, so sind alle drei durch ihre Hingabe die Lebensgrundlage des Menschen.

Was aber ist diese Hingabe ihrem Wesen nach?

Vollendete Religion!

Und was geschieht mit den Naturwesen, die sich als Mineral, Pflanze und Tier dem Menschen opfern?

Sie werden in menschliche Substanz verwandelt, werden Mensch. Unbewusst lebt in der Natur eine tiefe Sehnsucht nach dem Menschen und dem Menschlichen und so ist alles darauf eingerichtet, dass der Mensch werden kann: Dass er durch sie ernährt wird, dass er sie aber im Ernährt-Werden auch mitnimmt in das selbstbewusste menschliche Erleben. Der menschliche Stoffwechsel leistet unausgesetzt diese Verwandlungsarbeit (vgl. Denken: Entwicklung der Organsysteme und Denken).

Welche Sehnsucht lebt unbewusst, halbbewusst oder vollbewusst im Menschen?

Goethe hat sie in wunderbarer Weise zum Ausdruck gebracht, als er sich im hohen Alter nochmals in inniger Liebe einem jungen Mädchen zuwandte und dann in der Marienbader Elegie folgenden Vers schrieb:

In unsers Busens Reine wohnt ein Streben,
Sich einem Höhern, Reinern, Unbekannten
Aus Dankbarkeit freiwillig hinzugeben,
Enträtselnd sich den ewig Ungenannten;
Wir heißen's: fromm sein! - Solcher sel'gen Höhe
Fühl' ich mich teilhaft, wenn ich vor ihr stehe.

Hingabe an das höhere Reich der Gedankensphäre

Auch der Mensch möchte immer mehr Mensch werden: Er erlebt nur zu deutlich, wie viel ihm dazu noch fehlt. Um sich zur vollen Menschlichkeit hin entwickeln zu können, braucht der Mensch die Fähigkeit, die Mineral, Pflanze und Tier haben, wenn sie sich an das nächsthöhere Naturreich, und damit dem Menschen, hingeben: Er braucht die Fähigkeit der Hingabe an ein höheres „Reich", dem er sich „opfern" kann. Dieses höhere Reich erscheint jedoch nicht mehr in sinnlich sichtbarer Form als Naturreich, denn die Natur hat im Menschen ihren Abschluss, ihre Krönung gefunden. Dieses höhere Reich tritt in der Gedankensphäre in Erscheinung in Form von unsichtbaren, aber dafür denkbaren idealen Realitäten (vgl. Ideale: Die besondere Natur der Ideale). Im Denken können wir die Ziele unserer Entwicklung, unserer Zukunft, erfassen. Wir können uns denkend daran orientieren und uns ihnen begeistert hingeben. Die religiösen Vorstellungen aller Religionen sind erfüllt von Bildern der Vollkommenheit, von Zukunftsperspektiven, Wandlungsmotiven und moralischen Werten. Auch das Motiv vom Opfer, das gebracht werden muss, wenn die Verwandlung in eine geistergebene, höhere menschliche Natur gelingen soll, ist immer von zentraler Bedeutung.

Verdauung ist Transsubstantiation

Wie oben ausgeführt ist der im Leib sich vollziehende Verdauungsprozess bereits ein Transsubstantiationsprozess. Denn die aufgenommene Nahrung wird verflüssigt, in den ganzen Organismus aufgenommen und schließlich im Stoffwechsel-Verbrennungsprozess in Wärme verwandelt. Wärme ist aber bereits die Brücke zwischen dem Physischen und dem Geistigen. Physische Wärme ist schon nichts Stoffliches mehr, kann jedoch noch mit dem Thermometer gemessen werden. Wir kennen Wärme aber auch als rein seelische und geistige Wärme, als Begeisterung. Durch die Verdauung wird also die Substanz Träger der menschlichen Seelen- und Geisteswärme.

Rudolf Steiner beschreibt den Zusammenhang der Wesensglieder mit den Elementen folgendermaßen (vgl. Wesensglieder: Grundlegendes zum Thema Wesensglieder):

  • Das Ich, bzw. die Ich-Organisation mit ihren Gesetzen, korreliert mit der Wärme,

  • der Astralleib mit den Luftprozessen des Organismus,

  • der ätherische Leib mit den Flüssigkeiten

  • und der physische Leib mit den festen Substanzen. 1

So gesehen vollzieht sich geistige Kommunion in jedem Menschen, wenn sich Substanz verwandelt und so dem menschlichen Ich dient.

Rudolf Steiner sagt in „Grundlinien einer Erkenntnistheorie der Goetheschen Weltanschauung“: „Das Wahrnehmen der Idee in der Wirklichkeit ist die wahre Kommunion des Menschen."2

Transsubstantiation innerhalb des Gottesdienstes

Was vollzieht sich während der Transsubstantiation und Kommunion innerhalb des Gottesdienstes wie z.B. der Menschenweihehandlung?

Dieser Prozess der Transsubstantiation wird im Geschehen am Altar allgemeinmenschlich-objektiv vollzogen und sichtbar und hörbar gemacht, indem Brot und Wein als Träger geistiger Wirkungen mit bestimmten Gedanken, Gefühlen und Handlungsimpulsen durchdrungen werden. Am Altar wird letztlich sichtbar gemacht, was das wahre Wesen der Verdauung ist: die Vergeistigung der Substanz zum Träger heiligster Gedanken, Gefühle und Taten. Nimmt der Mensch diese so vergeistigte Substanz durch die Kommunion in sich auf, bedeutet das eine Stärkung seiner eigenen Verwandlungsfähigkeit und seiner Verbundenheit mit dem Ziel menschlicher Entwicklung (vgl. Freude: Freude als Ziel von Entwicklung).

Vgl. „Welchen Auftrag hat die Religion in Erziehung und Heilkunst?“ aus „Die Heilkraft der Religion“, Stuttgart 1997**

  1. z.B. Rudolf Steiner, Geisteswissenschaft und Medizin, GA 312.
  2. Rudolf Steiner, Grundlinien einer Erkenntnistheorie der Goetheschen Weltanschauung. GA 2.