Die notwendige Trennung von Wissenschaft, Kunst und Religion

Heute sind Wissenschaft, Kunst und Religion im Wesentlichen voneinander getrennte Gebiete, sodass wir uns die Frage stellen müssen, wie es zu dieser Trennung kam, was sie bedeutet und wie sie wieder überwunden werden kann. Denn so, wie im menschlichen Organismus Nerven-Sinnessystem, rhythmisches System und Stoffwechsel-Gliedmaßensystem zusammenwirken müssen, wenn der Mensch gesund bleiben will, so müssen auch die einzelnen Komponenten des geistig-kulturellen Lebens miteinander sinnvoll in Zusammenhang stehen. Das Auseinanderklaffen von Wissenschaft, Kunst und ethisch-moralischen Werten führt mit der Zeit zu unlösbaren sozialen Konflikten, die erst richtig bearbeitet werden können, wenn die drei Bereiche wieder miteinander in Beziehung treten (vgl. Anthroposophische Medizin: Anspruch und Aufgabe).

Schon ein oberflächlicher Blick auf das antike Priesterkönigtum (vgl. Mysterien und Initiation: Über die alten Mysterien), bei dem Wissenschaft, Kunst und Religion eng miteinander verbunden waren und damit auch ganz und gar vom religiösen Leben bestimmt wurden, macht deutlich, warum diese Lebensform im Zuge der Menschheitsentwicklung ein Ende finden musste. Denn in dieser Welt, in der das höchste Erkenntnisziel die Gotteserkenntnis war und das höchste Ideal der Kunst darin bestand, dem religiösen Leben entsprechende Ausdrucksformen zu geben, konnte sich zwar eine hohe menschliche Kultur entwickeln, nicht jedoch der freie Wille des Einzelnen.

Und so standen sich in jenen alten Zeiten das unmündige Volk und wenige eingeweihte Herrscher gegenüber. Letztere hatten dank ihrer besonderen Erziehung und Schulung noch ein Bewusstsein von der Nachtseite des Daseins und konnten aus diesem Wissen heraus Impulse geben für Erziehung, Heilkunde und Kultur und damit für die Gestaltung des sozialen Lebens.

Entwicklung von Bewusstsein durch Trennung

Die Notwendigkeit der Trennung von Wissenschaft, Kunst und Religion liegt so gesehen auf der Hand: Um ein individuelles Bewusstsein entwickeln und den Umgang mit seiner persönlichen Freiheit üben zu können, muss der Mensch lernen, für sein Handeln, und damit auch für seine religiöse Entwicklung, selbst die Verantwortung zu übernehmen. Dafür mussten jedoch erst die Voraussetzungen geschaffen werden:

  • Und so vollzog sich mit Beginn der Neuzeit die Trennung von Glauben und Wissen, obwohl dies von den religiösen Instanzen selbst nie ernsthaft akzeptiert wurde, was sich darin zeigt, dass sie zum einen auch heute noch von „Offenbarungswissen“ sprechen und zum anderen Einfluss auf die moderne wissenschaftliche Entwicklung nehmen wollen.

  • Von wissenschaftlicher Seite her wird dieser Anspruch nicht ernst genommen. Hier hat sich die materialistische Naturwissenschaft durchgesetzt, die alles Spirituelle als spekulativ ablehnt. Das wissenschaftliche Bewusstsein unserer Zeit erkennt zwar, dass die Religionen wichtige Funktionen rund um die Sinngebung im Leben und die persönliche Charakterbildung erfüllen – ihr eigentlicher spiritueller Gehalt wird indessen nicht im wissenschaftlichen Sinne verstanden und damit auch nicht anerkannt.

  • Auch die Kunst wurde zu einem eigenständigen Bereich, der der wissenschaftlichen Erforschung wenig zugänglich ist.

So führen diese drei Gebiete heute ein relativ starkes Eigenleben, wobei der Bereich der Forschung und Wissenschaft absolut dominiert. Wissenschaftliche Erkenntnisse haben allgemeine Gültigkeit. So ist auch das Wirtschaftsleben und mit ihm die materielle Grundlage der Menschen ganz von ihr abhängig geworden. Religion wird dagegen als reine Privatsache angesehen.

Die Wissenschaft hat sich in den letzten 200 Jahren als materialistische Wissenschaft ganz an die den Sinnen zugängliche Erfahrungswelt angeschlossen, an die reine Tagwelt. Das Wissen um die Nachtseite des Lebens ist aus dem wissenschaftlichen Denken verschwunden.

Die Wahrheit selbst erkennen

So tragisch sie erscheinen mag, so liegt doch gerade diese Entwicklung ganz in Richtung der Prophezeiung aus dem Johannes-Evangelium: „Ihr werdet die Wahrheit erkennen, und die Wahrheit wird euch frei machen"1. In diesen Worten liegt geradezu die Aufforderung an den einzelnen Menschen, zu lernen, sein Denken zunehmend zur Erkenntnis der Wahrheit zu gebrauchen bzw. es dahingehend zu entwickeln (vgl. Denken: Wahrheit als Grundlage für Körperaufbau und Denken).

Uns erscheint diese Möglichkeit heute als selbstverständlich. Immer mehr Länder haben die allgemeine Schulpflicht eingeführt und schaffen damit die Voraussetzung, dass jeder am wissenschaftlichen Denken unserer Zeit Anteil nehmen kann. Die Menschen in der vorchristlichen Zeit – und zu großen Teilen bis ins Mittelalter hinein – waren dazu noch nicht in der Lage. So hatte die johanneische Prophezeiung durch viele Jahrhunderte hindurch einen sehr modernen revolutionären Einschlag.

Damit ist aber auch eines deutlich: Der einzelne Mensch kann und konnte nur lernen, selbstständig seinen Erkenntnisweg zu gehen, weil die großen Menschheitsführer einer demokratischen Gesinnung gewichen sind, die sich gegen jede Form geistiger Bevormundung, sei es von Seiten des Staates, sei es von Seiten der Kirche, zur Wehr setzt. Diese geistige Emanzipation setzt jedoch die Fähigkeit zur selbstständigen Gestaltung des Berufs- und Alltagsleben voraus, die auf einem starken Selbstbewusstsein basiert und ausreichend persönliche Sicherheit gibt. So liegt die Entwicklung in Richtung Materialismus ganz im Zuge dieser christlich-johanneischen Prophezeiung: Nur mit Hilfe des wissenschaftlich-materialistischen Denkens und der reinen Alltagserkenntnis konnte der Mensch sich von Gott und von seinen Geboten, sprich von der Nähe der geistigen Welt, emanzipieren und sich wirklich als auf sich selbst gestellt erleben. Nur so konnte er Selbst- und Weltbewusstsein erlangen (vgl. Bewusstseins(sseelenzeitalter: Entwicklung von Selbst- und Weltbewusstsein).

Die Trennung von Wissenschaft, Kunst und Religion ist also ein durchaus notwendiger Prozess in der Menschheitsentwicklung. Freiheit wird nur erlangt, wenn man durch das Nadelöhr der Einsamkeit und Selbstständigkeit zu gehen bereit ist.

Vgl. „Welchen Auftrag hat die Religion in Erziehung und Heilkunst?“ aus „Die Heilkraft der Religion“, Stuttgart 1997**

  1. Neues Testament, Johannes 8, 32