Religiöses Streben und menschlicher Organismus

Wie hängt religiöses Streben mit dem menschlichen Organismus

zusammen?

Zu welchem Funktionsbereich des menschlichen Organismus steht die religiöse Betätigung in primärer Beziehung?

Zweifellos hat das religiöse Streben mit Erkennen und Fühlen zu tun und damit auch mit dem Nerven-Sinnessystem und den rhythmischen Funktionen. Physiologisch gesehen ist es jedoch noch tiefer, direkter und unmittelbarer mit einem anderen Bereich verbunden als mit diesen bewusstseinsnahen Funktionen – mit dem dritten großen Organismus, dem Stoffwechsel-Gliedmaßensystem. Wir verdanken dem Tag und Nacht stattfindenden Stoffwechselgeschehen nicht nur die Nahrungsverarbeitung, den Auf- und Abbau unserer inneren Organe, das Erkranken- und auch wieder Gesunden-Können, sondern auch die Kraft für Bewegung. So wie das Denken in enger Beziehung zu den Nerven-Sinnes-Funktionen steht und das Fühlen mit den rhythmischen Funktionen korreliert, so ist das gesamte Willensleben vorrangig an die Stoffwechselaktivität gebunden. Unsere Kraft und unser Willensvermögen sind von der Gesundheit des Stoffwechsel-Gliedmaßen-Systems abhängig (vgl. Gesundheit: Gesundheit und Wille). 1

Stoffwechsel, Religion und Wille

Mit diesem tiefgründigen System, das allen anderen Funktionen bei Auf- und Abbau dient und das am allerwenigsten in unser Bewusstsein tritt, mit dieser Region des Willens und der Kraftentfaltung, ist das religiöse Leben innig verbunden. Denn das Wesentlichste an der Religion ist, dass man sie ausübt, sie tut (vgl. Religion: Religion und Wille). So gesehen ist auch verständlich, warum das zentrale Mysterium der christlichen Religion die Transsubstantiation (Stoffverwandlung) am Altar bei der Kommunion, die Aufnahme von Brot und Wein in den menschlichen Stoffwechsel, ist.

Diese Verbindung mit Stoffwechsel und Willensvermögen macht jedoch auch verständlich, warum es für viele Menschen heute so schwer ist, ein bewusstes, ehrliches Verhältnis zur Religion herzustellen – weil wir von unserem Willen so wenig wissen. Wenn wir etwas tun, so wissen wir davon nur, weil wir es auch bedenken, empfinden und anschauen können. Das Zustandekommen der eigentlichen Willenshandlung selbst entzieht sich vollständig unserem Bewusstsein. Aus direktem Erleben wissen wir nur wenig von den Stoffwechselvorgängen. Dagegen können wir unsere Herz- und Atmungstätigkeit und insbesondere unsere Sinnestätigkeit sehr stark erleben, wenn wir vom Stoffwechsel in diesen Organen absehen, der natürlich auch im Unbewussten verläuft.

Die Welt der Nacht im menschlichen Organismus

Das Stoffwechselsystem gehört der „Welt der Nacht“ im menschlichen Organismus an, der Welt des Unbewussten, an die wir mit unserem wachen, wissenschaftlichen Tagesbewusstsein gar nicht herankommen. Und so fühlt sich die Seele manchmal bis zum Zerreißen aufgespannt zwischen der hellen Welt des Tagesbewusstseins mit ihrer Klarheit und Wachheit und der Welt der Nacht, des Schlafes, der Geborgenheit. Im Schlaf überfluten die Stoffwechselvorgänge den Organismus, und das bewusste Denken und Fühlen erlöschen, nur durchbrochen von Traumphasen, in denen etwas von den unbewussten Vorgängen des Leibes erahnt werden kann.

Die gesunde Seele empfindet, wenn sie in den Schlaf geht, dass sie in eine Welt des Friedens, der Regeneration, der Hilfe und der Hoffnung kommt: Morgen sind wieder neue Kräfte vorhanden, morgen ist vielleicht alles ganz anders. Menschen, die nicht schlafen können, erleben sich wie hinausgeworfen aus dem Paradies, wie nicht mehr aufgenommen in diese Welt der Ruhe. Sie fühlen sich auf sich selbst zurückgeworfen, in die Einsamkeit ihrer täglichen Verrichtungen, in der sie für sich selbst stehen müssen. Die Welt der Nacht ist auch die Welt der Gemeinschaft, des Hingegeben-sein-Dürfens, die Welt des Sozialen, in der mitgetragen und einem geholfen wird. Während des Tages haben wir alle unsere eigene Meinung. Während der Nacht hingegen interessieren wir uns auch für das, was die anderen denken – dann sind wir unbewusst an die anderen hingegeben.2

Rudolf Steiner berichtete wiederholt aus seiner Geistesforschung, dass wir während der Nacht, wenn wir uns mit unserem seelisch-geistigen Wesen außerhalb des Leibes befinden, vor allem die Nähe derjenigen Menschen suchen, mit denen wir Probleme haben oder denen wir feindlich gesinnt sind. Wir suchen nach etwas Gemeinsamen, nach etwas, das heilen und etwas Neues aufbauen helfen kann.

Vgl. „Welchen Auftrag hat die Religion in Erziehung und Heilkunst?“ aus „Die Heilkraft der Religion“, Stuttgart 1997**

  1. Rudolf Steiner, Von Seelenrätseln, GA 21.
  2. Vgl. Stefan Leber, Der Schlaf und seine Bedeutung, Stuttgart 1996.