Schicksalsereignisse und ihre Folgen im nächsten Erdenleben

Krankheit und Tod – insbesondere, wenn sie unerwartet im Leben auftreten – geben besonders oft Anlass für Fragen, warum das gerade so hat geschehen müssen. Oder man beginnt mit sich und dem Schicksal zu hadern. Da kann es hilfreich sein, den Tod als Geistgeburt zu begreifen und den Zeitpunkt des Todes sowie die Art der Sterbeumstände in der Hand des höheren Selbst bzw. der geistigen Führung des Menschen zu wissen.

Wenn ein Mensch unerwartet früh geht, kann es tröstlich sein sich vorzustellen, dass dieser Mensch in seinem jetzigen Erdenleben ein nächstes, für ihn wichtigeres Leben vorbereitet hat. Denn die Leben nicht ausgelebten Kräfte nimmt er mit hinüber. Sie geben ihm im folgenden Erdenleben die Möglichkeit, sich besonders unermüdlich und kraftvoll für seine Impulse einzusetzen.

Auch können die Zurückgebliebenen mit einem früh Verstorbenen noch über einen längeren Zeitraum verbunden zu sein – was nicht so wäre, wenn er länger gelebt hätte. Das bedeutet ihnen oft viel. Hat man auf der Erde durch den Tod einen nahen Verwandten oder guten Freund verloren, so hat man jetzt die Möglichkeit, diese Beziehung auf rein seelisch-geistiger Ebene weiterzupflegen vgl. Umgang mit Verstorbenen: Besondere Verbindung zu Verstorbenen). Dadurch bekommt die Beziehung einen selbstlosen Charakter, denn man lebt jetzt mehr vom feinen Lauschen, vom inneren Dialog.

Vom medizinisch-physiologischen Gesichtspunkt aus ist jedoch nicht so ohne weiteres nachzuvollziehen, inwiefern Krankheiten sich durch die Art der Lebensführung und die Schicksalsumstände so oder so manifestieren. Hier sind eingehendere Kenntnisse des integrierten Menschenbildes der Anthroposophie nötig, das die Wechselwirkungen zwischen den körperlichen, seelischen und geistigen Vorgängen differenziert beschreibt.

Karmische Wechselwirkungen

Im Folgenden seien einige dieser Zusammenhänge konkret genannt (vgl. Schicksal und Karma: Konsequenzen von Handlungen und Lebensgewohnheiten für den weiteren Verlauf des Schicksals):

Durch das Eintreten eines gewaltsamen Todes erfährt das Ich-Bewusstsein im Leben nach dem Tod eine bedeutende Stärkung: Das nachtodliche Leben kann viel bewusster erlebt werden, als dies ohne den Schmerz des gewaltsamen Todes möglich gewesen wäre.1

Ein früher Tod bewirkt einen Überschuss an Kraft und Lebensmotivation im nächsten Leben.2 Wenn Kinder sterben, bringen sie Frömmigkeit in die Familien. Es bleibt die Tür zur geistigen Welt ein wenig offen (mündlich überliefert von Emil Bock).

Tod im hohen Alter: Wer erst im hohen Alter stirbt, übergibt der Erde einen physischen Leib, an dem das ich sehr viel Arbeit verrichtet hat. Die so verwandelte Substanz des Leibes hat für den Erdorganismus eine ähnliche Wirkung wie die Hefe im Brotteig.3

Das Erleben von Krankheit und damit verbundenem Schmerz erzeugt den Impuls, in früheren Erdenleben Versäumtes nachzuholen. Auch wenn das in diesem Leben nicht mehr möglich ist, nimmt der Betreffende diesen starken Impuls mit in das folgende Leben, wo sich dann die Fähigkeit, das Versäumte nachzuholen, unter Umständen als bedeutende Begabung zeigt.4

Jugendfreundschaften führen im folgenden Erdenleben zur Begegnung im späteren Lebensalter und unter Umständen in der zweiten Lebenshälfte oder im Alter zu tiefen Freundschaften.5

Früher Verlust einer Freundschaft impulsiert den Willen zur Vertiefung dieser Beziehung im folgenden Erdenleben.6

Reste des alten, nicht ganz aufgelösten Astralleibes des letzten Lebens können unter bestimmten Schicksalsumständen als falscher, unberechtigter „Hüter der Schwelle“ das Ich in bösen Träumen und Visionen wie ein zweites Ich umgaukeln und quälen. Dieser Hüter kann auch leicht heraustreten aus dem diesmaligen Wesensgliedergefüge und dann als Doppelgänger erscheinen.7

Wer viel allein und für sich sein musste bzw. gezwungen war, sich im kleinsten Kreis zu bewegen und wenig Interesse für andere aufzubringen, entwickelt die Veranlagung, im nächsten Leben ein Melancholiker zu werden.8

Wer viel erlebt hat, weit herumgekommen ist, sich mit Menschen verbinden konnte, auch hart hat mit sich umgehen lassen müssen und dies ertragen hat, entwickelt die Disposition zum cholerischen Temperament.9

Ein angenehmes leichtes Leben, in dem viel gesehen und angeschaut wurde, disponiert zum phlegmatischen und sanguinischen Temperament.10

Das Durchleiden körperlicher Krankheiten führt zu physischer Schönheit im nächsten Leben.11

Das Durchmachen von Infektionskrankheiten führt im folgenden Erdenleben zu einem Leben in überwiegend schöner Umgebung.12

Vgl. „Schicksalswirkungen im Lebenslauf auf Grundlage von Rudolf Steiners Karmaforschung“ Der Merkurstab 2015, Heft 6

  1. Steiner R. Individuelle Geistwesen und ihr Wirken in der Seele des Menschen. GA 178. Dornach: Rudolf Steiner Verlag; 1992, S. 33.
  2. Steiner R. Okkulte Untersuchungen über das Leben zwischen Tod und neuer Geburt. GA 140. Dornach: Rudolf Steiner Verlag; 2003, S. 263-264.
  3. Steiner R. Allgemeine Menschenkunde als Grundlage der Pädagogik. GA 293. Dornach: Rudolf Steiner Verlag; 1992, S. 53.
  4. Steiner R., Die Offenbarungen des Karma. GA 120. Vierter Vortrag. Dornach: Rudolf Steiner Verlag; 1992.
  5. Steiner R., Esoterische Betrachtungen karmischer Zusammenhänge. GA 235. Dornach: Rudolf Steiner Verlag; 1994, S. 94-96.
  6. Ebenda.
  7. Steiner R., Vor dem Tore der Theosophie. GA 95. Dornach: Rudolf Steiner Verlag; 1990, S. 51.
  8. Ebenda, S. 67.
  9. Ebenda.
  10. Ebenda.
  11. Ebenda, S. 75.
  12. Ebenda.