Erkenntnisorientierte Sinne

Welches sind unsere erkenntnisorientierten Sinne?

In welchem Zusammenhang stehen sie zu den unteren Sinnen?

Die erkenntnisorientierten Sinne werden auch obere Sinne genannt, die im Physischen höhere Wahrnehmungsfunktionen ermöglichen. Es sind die vier erkenntnisorientierten Sinne (vgl. Sinne(spflege): Leiblich, seelisch und geistig orientierte Sinne).

1. Der Sehsinn

Der Sehsinn wird den erkenntnisorientierten Sinnen zugerechnet, da unser ganzes Vorstellungsvermögen auf äußeren Eindrücken basiert und von ihnen genährt wird. Mit dem Auge nehmen wir die Welt um uns optisch wahr. Die Wahrnehmungen durch das Auge bleiben immer an der Oberfläche. Auch wenn wir perspektivisch sehen, sehen wir nur die Oberflächen.

Der Sehsinn steht unserem Seelischen, unserem Gefühl, aber auch sehr nahe insofern, als wir nicht nur Formen und Bilder, sondern auch Licht und Farben wahrnehmen. Am äußeren Licht wird sich der Mensch seiner inneren seelisch-geistigen Lichtnatur bewusst.

2. Der Ich-Sinn

Der Ich-Sinn kann die Anwesenheit eines seelisch-geistigen Wesens, wie z.B. ein anderes Ich, im Physischen wahrnehmen. Dieser Sinn vermittelt dem Menschen, ob er ein Wesen vor sich hat, und gibt ihm auch Aufschluss darüber, welcher Art dieses Wesen ist. Dabei handelt es sich um eine sehr unmittelbare intuitive Sinneswahrnehmung.

Das Sinnesorgan des Ich-Sinns ist zentralnervös oder sensorisch gesehen ganz eng mit dem Tastsinn verbunden. Denn der Ich-Sinn entwickelt sich als Organ, indem das Kind in den ersten Jahren Tasterfahrungen macht: Es ertastet durch die physische Grenzerfahrung hindurch die Mutter, den Vater, die Substanzen, die Dinge, die Materialien in seiner Umgebung. Das Kind erlebt dabei aber nicht nur die Beschaffenheit der äußeren Materie, sondern es erkennt durch den Tastsinn das Wesen der Dinge.

Je intensiver ein Kind diese Wesenserfahrung machen kann, desto stärker ist auch die Erfahrung des eigenen Selbst am Wesen des anderen, die sich dem kindlichen Nervensystem einprägt. Diese Prägung wird später zum Wahrnehmungsorgan für das Wesensgefüge eines anderen Menschen. Man muss dann nicht mehr jeden umarmen, um ihn eindeutig als Wesen „ertasten“ zu können, obwohl das Umarmen in manchen Ländern üblich ist. Keine Umarmung kann so innig sein, dass man das Wesen eines anderen durch die Berührung allein erfassen könnte. Dazu hat man den Ich-Sinn.

3. Der Gedankensinn

Der dritte erkenntnisorientierte Sinn ist der Gedankensinn. Er macht es möglich, dass man, wenn gesprochen oder gelesen wird, das Sinngefüge von Worten sofort erkennen kann. Durch ihn bekommt der Mensch Zugang zum Sinn seiner eigenen Existenz. Dieser Sinn entwickelt sich an den Erfahrungen des Zusammenstimmens von ineinander greifenden Funktionen und komplexen Prozessen durch den Lebenssinn, der darüber hinaus ja auch zuständig ist für das Erkennen von Sinnzusammenhängen in der äußeren Umgebung.

Wie dieser Gedankensinn funktioniert, begriff ich erst richtig, als ich anfing Vorträge auf Englisch zu halten, in einer Sprache also, die ich nicht besonders gut beherrsche. Ich litt anfangs furchtbar darunter, komplizierte Gedanken in einfachen und, wie mir schien, nicht adäquaten Worten wiedergeben zu müssen. Ich war deshalb erstaunt, dass meine Zuhörer meinen Ausführungen meist trotzdem gut folgen konnten. Eine mit der Anthroposophie vertraute Kollegin sagte zu mir: „Du brauchst dich gar nicht so aufzuregen. Bei uns kannst du ziemlich alles sagen. Hauptsache, du verbindest mit dem, was du sagst, einen sinnvollen Gedanken. Denn wir haben einen gut ausgebildeten Gedankensinn. Wir kriegen mit, was du sagen willst, sogar wenn du die falschen Worte benützt.“

Die Engländer lieben es, ihre Vorträge ohne Übersetzung von radebrechenden Referenten zu hören. Das liegt daran, dass das rationale Element in den romanischen Sprachen viel mehr durch die Grammatik und äußerst geschliffene Worte und Wendungen zum Ausdruck kommt, während es im Englischen nicht so stark an der Sprache haftet. Das hängt auch mit der englischen Sprache selbst zusammen, die sehr einfach strukturiert ist und über die man trotzdem hoch komplizierte Gedanken aussprechen kann. Das gibt einem die Möglichkeit, direkt durch Lautgestalten hindurch das Sinnhafte, den übersprachlichen, stimmigen Gedankenzusammenhang, zu erfassen.

In romanischen Ländern ist das grundsätzlich anders. Ich probierte dasselbe in Frankreich und Spanien, weil ich auch Französisch und Spanisch spreche, und machte die Erfahrung, dass man mir dort viel schlechter folgen konnte. Nach dem ersten Vortrag wurde ich ganz liebenswürdig gefragt, ob nicht doch eine Übersetzung angeboten werden könnte.

4. Der Wortsinn

Der Wortsinn, der vierte erkenntnisorientierte Sinn, erfasst das ganz Individuelle, das über eine bestimmte Lautgestalt, die spezifische Physiognomie des Wortes, transportiert wird. Mithilfe des Wortsinns können wir den Sinn und die Aussage einer individuellen Lautphysiognomie, einer Bewegungsgestalt oder einer kleinen Bewegung in Form eines Wortes erfassen. Die Basis für die Entwicklung des Wortsinns bildet der Bewegungssinn. Das Erlernen differenzierter Bewegungen, z.B. von Gesten, aber auch von Mikrobewegungen beim Sprechen, bei der Lautbildung, führt zu Prägungen in den nervösen Strukturen, aus denen sich später der Wortsinn bildet.

Der Wortsinn ist nicht nur an das gesprochene Wort gebunden. Er meldet mir, dass das Wort „love“ eine andere Qualität von Liebe vermittelt als „Liebe“, „amour“, „amore“. Diese Begriffe bezeichnen den gleichen Gedanken, aber was ich empfinde, wenn ich sie höre oder spreche, ist sehr unterschiedlich. Über den Lautsinn merken wir, dass die Übersetzungen von „Liebe“ unterschiedliche geistig-seelische Qualitäten benennen, dass in anderen Sprachen von anderen Seiten des gleichen Begriffs gesprochen wird. Engländer, Franzosen und Spanier sprechen von etwas ganz anderem, wenn sie von der Liebe reden. Ihre Empfindungsgrundlage ist eine andere: Liebe in der AU-Stimmung zu erleben, ist etwas völlig anderes, als in der IE-Stimmung wie die Deutschen.

Der Wortsinn wird auch „Physiognomie-Sinn“ genannt, weil er sich auch auf das Erfassen von Zeichensprache und Mimik erstreckt. Er ist eine Art Individualitätssinn, der den Menschen befähigt, das ganz Spezifische von Worten und Bewegungen zu erfassen. Eurythmie kann als Bewegungsausdruck unmittelbar verstanden werden, weil der Wortsinn und der Gedankensinn ineinander greifend zusammenarbeiten.

Vgl. Vortrag „Bewusstsein, Wahrnehmung und Nervensystem“, Meersburg, 09.11.1997