Fragen und Antworten zu den Sinnen

Warum plastizierte Rudolf Steiner das Gleichgewichtsorgan am Treppenaufgang zum ersten Goetheanum?

Diese wunderbare Säule ist wie eine kleine Kolumne, auf der das Gleichgewichtsorgan sitzt. Dieses Abbild der Aufrechte und des eigenen Gleichgewichtsorgans gibt, indem man es anschauend unbewusst nachahmt, bevor man die Treppe hinaufgeht, einen Gleichgewichtsimpuls. Es ist eine schöne künstlerische Geste, das Gleichgewichtsorgan vor den Treppen zu positionieren, da das Treppensteigen bei vielen ein sehr unharmonisches Gehen bewirkt – weil man dabei Mühe mit dem Gleichgewicht-Herstellen hat.

Karmische Ursache für „organische Unordnung“

Dann eine Frage zur karmischen Ursache für „organische Unordnung bei Neugeborenen“, wenn Organe am falschen Ort sind oder noch in die Nabelschnur verlagert sind, nicht richtig im Körper drin sind.

Das sind Störungen, die jetzt nicht primär mit der Sinnesentwicklung zu tun haben, sondern tief karmische Ursachen haben. Das gehört in eine andere Domäne, denn die Ursache für sogenannte Missbildungen oder Organ-Irrtümer liegen in Taten in einem früheren Leben (vgl. Schicksal und Karma: Konsequenzen von Handlungen und Lebensgewohnheiten für den weiteren Verlauf des Schicksals), die sozusagen „am falschen Platz“ waren, die aus dem Leben heraus gefallen waren, die den Lebenszusammenhang geschädigt haben. Die Ursachen dafür können einerseits im eigenen Schicksal, in der Vergangenheit, liegen. Oder aber man hat ganz bewusst geplant, lebenslang mit so einem Widerstand zu ringen, weil man eine ganz bestimmte Heiltat in einem zukünftigen Leben vorhat, für die man Überschusskräfte braucht, um dann etwas wirklich Böses zu überwinden. D.h. Kräfte dort zum Einsatz zu bringen, wo sie Gutes bewirken.

Das Schöne an der anthroposophischen Schicksalslehre (vgl. Schicksal und Karma: Schicksalsereignisse und ihre Folgen im nächsten Erdenleben) ist, dass man nie mit einer normalen, bürgerlichen Moral auskommt, sondern bestens beraten ist, wenn man ganz am Phänomen bleibt und merkt: Hier will jemand etwas ganz Bestimmtes lernen und schafft sich deswegen ganz besondere Umstände, bestimmte Bedingungen, unter denen er oder sie das dann bewerkstelligen kann. Dann bleibt man „in der Mitte“ mit seiner Diagnostik, das ist zumindest meine Erfahrung, und übergibt die Verantwortung – bzw. die Deutungshoheit über das Geschehen – den Menschen, die von diesem Schicksal betroffen sind. Natürlich will der Mensch wissen, was mit ihm geschieht und warum (vgl. Begabung und Behinderung: Sinnfindung bei Krankheit und Behinderung ). Jesus im Evangelium sagte sinngemäß: Du musst es sagen. Du musst es wissen, es ist dein Leben, dein Schicksal: Was willst du daraus machen? Wie willst du werden? Was willst du, dass ich dir tun soll? Sage es – dann kann ich handeln! Ich will und kann dich nicht entmündigen. Diese Haltung ist für uns Therapeuten sehr wichtig – weswegen wir uns auch hüten sollten, selber einem Guru anzuhängen, dessen Wissen man konsumieren kann, sodass man sich nicht mehr selbst anstrengen muss Antworten zu finden (vgl. Mysterien und Initiation: Charakteristika der neuen Mysterien. Das führt uns vom Pfade ab.

Sinnespflege in Todesnähe

Wie geht man mit der Sinnespflege um in Todesnähe, in der Palliativ-Medizin?

Mit sterbenskranken Menschen haben wir die größten Erfolge mit der Musiktherapie, aber auch mit der Maltherapie, wenn die Betroffenen noch sehen können, manchmal auch nur, indem man ihnen ein schönes Bild aufhängt, das sie dann stundenlang ansehen können. Wie sich die ganze Mimik eines Menschen verändert, wenn er plötzlich etwas Schönes sehen darf oder etwas, was ihn an ein wesentliches Moment in der Biographie erinnert! Kennt der Therapeut den Erkrankten gut, so kann er für ihn auch ein therapeutisch wirksames Bild malen.

Aber jetzt zu den Willenssinnen. Wenn man eine/n Sterbende/n begleitet und sie/ihn fragt – Was würdest du denn gerne noch einmal machen? Hast du einen besonderen Wunsch? – dann wünschen sich manche, noch einmal in der Badewanne liegen zu dürfen. In dem Fall sollte man sich die Mühe geben, das hinzukriegen – mit einem schönen Badezusatz, alles so, wie derjenige es am liebsten hat. Und dann geht es wieder ins Bett. Manchmal kann diese Sinnesfreude, diese letzte volle Lebensbejahung, der entscheidende Impuls zum Loslassen und Sterben-Können sein. Meiner Erfahrung nach besteht die beste Sterbebegleitung darin, Freude am Leben zu ermöglichen: dass der betroffene Mensch das Leben noch mal lieb gewinnt und genießt. Über kleine Dinge lächeln kann: Ein Stück weiches Fell tasten zu dürfen, eine Bienenwachs-Kugel in die Hand zu nehmen und zu erleben, wie sie langsam warm wird und zu duften beginnt. Es sind oft einfache Dinge – wir müssen nur daran denken. Kinder und alte Menschen haben Freude am Einfachen.

Genießen im Alter lenkt wohltuend ab

Manche haben jedoch im Laufe des Lebens verlernt sich zu freuen, zu genießen. Sie sind vielleicht verbittert und haben dann in den letzten Monaten auf der Palliativ-Station noch einmal die Möglichkeit, mit Hilfe von Kunsttherapeuten und wirklich gut ausgebildeten Pflegenden, die Sinneswelt in ihrer Sinnhaftigkeit zu erleben. Zu erleben, wie Schmerz in den Hintergrund tritt durch schöne Tasterfahrungen, durch rhythmische Massage evtl. durch einen Abwaschung, durch eine Öl-Einreibung, eine Auflage, einen guten Tee. Diese Sinnesanregungen sind für mein Empfinden das Allerwichtigste, was man für die Betroffenen tun kann. Dadurch bekommen sie Zuwendung, die durch die Ablenkung von der eigenen Schmerzzone sogar auch eine Reduktion von Schmerzmitteln bewirken kann. Erinnert euch, die Schmerzbahnen gehen nicht bis zum Großhirn. Sie enden unterhalb und in der Mitte des Gehirns, diffus verteilt. Wenn man also das Bewusstsein, die Großhirn-Wachheit, ablenkt und auf etwas anderes richtet, auf angenehme Sinneseindrücke wie wohliges Empfinden, ein gutes Gespräch oder eine passende Musik, dann hat der Astralleib „Besseres zu tun“ und empfindet den Schmerz nicht mehr so.

Nicht mein, sondern dein Wille geschehe

Wenn man bei jemand, einem Kind oder einem Erwachsenen, der heilpädagogisch zu betreuen ist, die Hand führt bei Formenzeichnen – ist das gut, darf man das? Oder soll man denjenigen nicht lieber selbst kritzeln lassen?

Das ist zu hundert Prozent eine Frage des Wie. Ich darf es, wenn ich es mit der Haltung tue: Ich ersetzte dir die Ich-Funktionen, die du derzeit nicht handhaben kannst. Ich bin jetzt du, ich diene ganz und gar dir. Ich ersetzte dir etwas, was du im Moment nicht handhaben kannst. Das ist das eine. Zweitens muss erlebbar sein, dass der andere es will. In einem dritten Schritt ist dann wichtig, das Werk mit dem Betreffenden so anzuschauen, dass er spürt, dass es eine Gemeinschaftsleistung ist, dass er einbezogen ist. Es geht hier vor allem um das soziale Erleben: Wir haben das gemeinsam getan, haben überhaupt etwas getan! Dann ist so eine Maßnahme sehr gut. Wenn ich mich hingegen als Boss aufspiele und das Kind meine Übermacht fühlen lasse, ist das kontraproduktiv.

Die Ethik der Anthroposophischen Medizin ist unter diesem Aspekt wie inspiriert von der Szene im Garten Gezemaneh, wo Jesus zu seinem Vater betet: „Nicht mein, sondern dein Wille geschehe!“1 Wir instrumentalisieren unsere Kompetenzen, stellen sie in den Dienst des Kranken – hoffend, dass er ein Stückchen weiterkommt. Das ist im Sinne der Lebensprozesse von Wachstum und Reproduktion: Wenn ich etwas übrig habe und es in den Dienst eines anderen stellen kann, so arbeite ich heilend und Leben fördernd.

Vgl. Vortrag „Der Lebenssinn in Diagnostik und Therapie“, gehalten am 8. Januar 2016 an der Kunsttherapietagung

  1. Neues Testament, Lukas 22,42.