Grundsätzliches zum Lebenssinn

Der Lebenssinn ist ein Harmonie-Sinn. Sein Organ ist unser vegetatives Nervensystem, bestehend aus sympathischem und parasympathischem Nervengeflecht, über das jedes Organ mit jedem Organ in Beziehung steht. Alle kommunizieren miteinander, nicht nur die Zelloberflächen, die dafür keine Nerven brauchen – alles nimmt sich gegenseitig wahr, ist eingebettet in eine rhythmische Ordnung, einen Zusammenklang. Und wenn man das fühlt, fühlt man sich wohl und sagt: „Ich bin gut drauf.“ Unsere Organe, die alle im Dienst des Ganzen stehen, nehmen alles wahr. Ein Organismus ist umso gesünder, je selbstloser und freudiger jedes Organ seinen Beitrag zum Ganzen leistet. Der Lebenssinn ist demnach auch ein Sinn für Vollkommenheit, für Komplexität, für den ganz großen Zusammenhang, für die Ganzheit, die Schönheit, die Güte, die Harmonie des Ganzen.

Rhythmusgetragenes Leben

Im Grundsteinspruch1 der Anthroposophischen Gesellschaft heißt es: „Es waltet der Christuswille im Umkreis, in den Weltenrhythmen, seelenbegnadend“ (vgl. Freie Hochschule für Geisteswissenschaft: Der Grundsteinspruch/). Auf die berühmte Frage Rudolf Hauschkas – „Was ist Leben?“ – gab Rudolf Steiner dem Biochemiker und Chemiker die Antwort: „Studieren Sie die Rhythmen, Rhythmus trägt Leben.“ Alles Leben ist durch und durch rhythmusgetragen. Denn Rhythmen sind Gesetze, Gesetze sind Gedanken, Gedanken sind geistiger Natur. Der geistige Urgrund des Lebens ist also eine komplexe kosmisch-rhythmische, makro-mikrokosmische Gesetzlichkeit.

Das gilt auch für uns Menschen: Der 24-Stunden-Rhythmus unserer biologischen inneren Uhr ist in rhythmischem Einklang mit dem Sonnenrhythmus. Der weibliche Monatszyklus ist ein Mondenrhythmus. Die Jahreszeiten sind eingebettet in einen Jahresrhythmus. All das zeigt: Auch wir sind rhythmische Wesen. Und je rhythmischer wir unser Leben gestalten, desto gesünder ist das für uns. Jeder von uns lebt sehr individuell, führt ein hoch spezifisches Leben, ringt jeden Tag neu um den Erhalt seiner Gesundheit, steht vor neuen Herausforderungen. Jeden Tag geschieht etwas anderes – und doch leiden wir immer wieder auch an zu viel Routine und Wiederholung…

Das Besondere am Rhythmus ist, dass das ganze Leben hindurch keine zwei Atemzüge gleich lang sind, keine zwei Herzschläge genau gleich! Wir atmen in 24 Stunden im Durchschnitt 25 920 Mal – ein platonisches Atem-Jahr! – und keine zwei Atemzüge sind dabei ganz genau gleich. Keine zwei Blätter an einem Baum sind gleich. Das ist Leben: immer anders und doch identisch, immer besonders und sich doch ähnlich.

Inkarnation als Anpassung an den Umkreis

Rudolf Steiner sagt an einer Stelle:2,3 „Die Lebensvorgänge gestalten sich nach der Gesetzmäßigkeit der Sinnesorgane.“ Das ist äußerst rätselhaft, wenn man sich das konkret vorzustellen versucht. Alle Sinnesorgane sind Öffnungen zur Welt. Und unser Leben verhält sich gegenüber einer außen befindlichen großen makrokosmischen Welt wie ein Mikrokosmos. Wenn ein Kind geboren wird, muss es sich anpassen und muss gleichzeitig ein selbstän-diges Individuum werden, ein souveränes Lebewesen in seiner Umwelt. Dass das möglich ist, bewirken die Sinnesorgane, insbesondere die Willenssinne. In ihnen lebt das vorgeburtliche Wesen, ausgegossen in den Umkreis, eingebettet in das makrokosmische Leben.

Daher können die Sinne unserem vorgeburtlichen Willenswesen auch die Möglichkeit geben, sich mit ihrer Hilfe an den eigenen Leib als neue mikrokosmische Umwelt anzupassen. So entsteht ein neues Zuhause für das sich jetzt individualisierende Seelisch-Geistige, so dass man für dieses Leben sagen kann: Das ist mein lebendiger Leib! Da sind meine Seele und mein Geist zu Hause. Dieser Verleiblichungsprozess wird traditionellerweise Inkarnation genannt.

Das vegetative Nervensystem

Das Lebenssinnorgan umfasst die ganzen Organe mit ihrer Beziehung zum vegetativen Nervensystem. Wenn man sich mit den Funktionen dieses Nervensystems befasst, studiert man damit auch wieder die Gesetze des Lebendigen insofern, als alles miteinander in Resonanz ist bzw. in einer Wechselwirkung steht. Das gesamte sympathische und parasympathische Geflecht gehört zum Organ des Lebenssinns. Ganz grob kann man sagen, der Parasympathikus ist der „Schlafnerv“, zuständig für Ernährung, Erholung und Schlaf, während der Sympathikus der „Stressnerv“ ist und zuständig für alle Aktivität. Phasen der Aktivität und Ruhe müssen in der Balance sein – dafür sorgen diese polaren Nervenstrukturen. Sympathikus und Parasympathikus wirken auf die einzelnen Organe, über Kontraktion und Zusammenziehung, gefäßverengend, mal ein bisschen mehr, mal ein bisschen weniger.

Über das Rückenmark werden die lebensprozess-relevanten Informationen in die verschiedenen Schichten des Gehirns weitergeleitet, wo die vitalen Funktionsbereiche ihre Repräsentationszonen haben. Im Mittelhirn befinden sich u.a. die Repräsentationszonen von Atem-Zentrum, Herzkreislauf-Zentrum.

Eigene nervöse Versorgung des Darmes

Der Darm hat ein eigenes Darmnervensystem, eine besondere Eigenregulation, die sich ganz stark im Unbewussten vollzieht und eine Art Sonderstellung in der sympathisch-parasympathischen Innervation einnimmt. Das ist ein Thema für sich.

Rudolf Steiner erstellte eine Zuordnung der einzelnen Organe zum Kosmos. Dabei ordnete er den Darm, bzw. unseren gesamten Verdauungsapparat, dem Planet Erde zu und nannte ihn „die innere Erde“: Wie die Erde im Makrokosmos hat auch der Darm im Kosmos des menschlichen Organismus eine Sonderstellung inne, bis in die nervöse Versorgung hinein.

Vgl. Vortrag „Der Lebenssinn in Diagnostik und Therapie“, gehalten am 8. Januar 2016 an der Kunsttherapietagung

  1. Rudolf Steiner, Die Konstitution der Allgemeinen Anthroposophischen Gesellschaft und der Freien Hochschule für Geisteswissenschaft. Der Wiederaufbau des Goetheanum, GA 260a, Dornach 1987.
  2. „Die Sinnesorgane in ihrer Gesetzmäßigkeit werden von den Lebensvorgängen vorausgesetzt. Die Lebensvorgängen von den Seelenvorgängen, die Seelenvorgänge vom Ich, das Ich wird sich bewusst an den Seelenvorgängen. Das Ich lebt in der Seele und dann wird es sich seiner selbst bewusst. Das Ich wird sich bewusst an den Seelenvorgängen, die Seelenvorgänge werden erlebt durch die Lebensvorgänge, die Lebensvorgänge gestalten sich nach der Gesetzmäßigkeit der Sinnesorgane.“
  3. Rudolf Steiner, Lucifer-Gnosis, GA 34, Dornach 1971, S 16.