Luziferisch-ahrimanische Umgestaltung der Sinne

Was ist unter luziferisch-ahrimanischer Umgestaltung der Sinne zu verstehen?

Welche Sinne sind davon betroffen?

Rudolf Steiner spricht von einem luziferischen Einschlag und einem ahrimanischen Einschlag (vgl. Das Böse - Widersachermächte: Wirksamkeit von Luzifer und Ahriman) im Zuge der Sinnesentwicklung der Menschheit.1

  • Die luziferischen Umgestaltungen betreffen unsere Inkarnationssinne, unsere Willenssinne, also Tastsinn, Lebenssinn, Bewegungssinn. Luzifer hat unsere Willenssinne verführt, dass wir Eigenwillen entwickeln, anderes wollen als die Götter. Er hat uns eigenwillig gemacht. Damit hat er die Voraussetzung für Freiheit geschaffen.

Nur der Gleichgewichtssinn ist nicht betroffen von der luziferischen Verführung.

  • Ich-Sinn, Gedankensinn und Sprachsinn sind hingegen von Ahriman verführt worden, sodass wir etwas falsch verarbeiten, falsch hören und missverstehen können. Wenn man sich missversteht, kann man sicher sein, Ahriman war zu Besuch… Denn Ahriman ist der Großmeister des Sich-gegenseitig-Missverstehens.
  • Nur der Hörsinn ist nicht betroffen von der ahrimanischen Verführung.

Meister des Missverstehens

Im Grunde haben wird die Sprache bekommen, um uns zu verstehen. Wieso verstehen wir uns dann ständig falsch? Inzwischen begreife ich, warum es Sinn macht noch einmal zu wiederholen, was man gehört bzw. gelesen hat. Weil man dann merkt, dass man oft etwas ganz anderes denken möchte, als was man gehört hat oder was da steht.

Dazu noch ein Beispiel, das unter uns leider immer wieder vorkommt: Wenn jemand eifrig bemüht ist zu erklären, was Rudolf Steiner eigentlich gemeint hat, was die wirkliche Anthroposophie ist, merkt man sofort den ahrimanischen Zug, die anderen beherrschen zu wollen kraft des eigenen Ich bzw. der eigenen Gedankenmacht, über Sprachgewalt Macht ausüben zu wollen. Das bewirkt Ahriman. Über Missverständnisse und Interpretationen kann man streiten, aber auch geschickt manipulieren. Je intelligenter jemand ist, desto besser kann er Menschen lahmlegen mit seinen einzig wahren Interpretationen. Dadurch wird das Selber-Denken der anderen wie erstickt und sie werden Teil eines beherrschenden Kollektivs.

Die ahrimanische Umgestaltung betrifft drei der oberen Sinne, die luziferische drei der unteren, der Willenssinne (vgl. Sinne(spflege): Leiblich, seelisch und geistig orientierte Sinne). Rudolf Steiner sagt dazu sinngemäß: „Was im Tastsinn unbewusst lebt, wird offenbar im Ich-Sinn. Was im Lebenssinn unbewusst da ist, wird offenbar im Denksinn, was im Bewegungssinn unbewusst sich bewegt, wird offenbar und bewusst im Sprachsinn.“

Untere Sinne als Nervengrundlage für die oberen Sinne

Wenn man nun fragt, was die Organe, die Nervengrundlage, für die oberen Sinne sind, kann, darf und muss man auf den Zusammenhang mit den unteren Sinnen von Tastsinn, Lebenssinn, Bewegungssinn und Gleichgewichtssinn verweisen. Man muss sich die folgenden Fragen und Antworten darauf buchstäblich vorstellen:

Das Ich ist also der eine „Chef“.

Das Ich wird sich umgekehrt seiner selbst bewusst an den Seelenvorgängen, die ihrerseits erlebt werden durch die Lebensvorgänge. Diese und das damit zusammenhängende Lebensgefühl gestalten sich wiederum nach der Gesetzmäßigkeit der Sinnesorgane, werden von ihnen beeindruckt und beeinflusst: Durch das, was wir sehen und erleben, wird unser ganzes Lebensgefühl verändert, verwandelt.

  • Wer bewegt sich? Ich selbst bin es.

  • Wer sucht nach Gleichgewicht? Ich tue es.

  • Wer lebt? Ich lebe.

  • Wer tastet? Ich taste.

Immer ist es das Ich, das sich verkörpert und durch die Sinne mit der Welt in Kontakt tritt. Diese Ich-Tätigkeit hinterlässt Spuren, wird an verschiedenen Stellen im Körper wie eingeprägt. Diese Spuren im eigenen Nervensystem von allem, was ich getan, gelebt, gesucht, gemacht habe, diese Stempelabdrücke im Nervensystem, vor allem im Großhirn, werden nach einer gewissen Zeit des Waltens und Wirkens zu den Wahrnehmungsorganen, den Sinnesorganen für das Ich des Anderen, für das Denken des Anderen, die Sprache des Anderen. Denn wenn das Ich nicht in einem eigenen Körper Fuß gefasst hätte und nicht wüsste, wie es ist, sich im eigenen Körper zu ertasten, so wäre es nicht in der Lage, ein anderes Ich zu ertasten, sprich: wahrzunehmen.

Vom Ich zum Du

So wie sich das Auge „am Licht für das Licht“ bildet, so entwickeln sich die höheren Sinne in dem Maße, wie man sich die Wahrnehmungsfähigkeit dazu aufgrund der eigenen Ich-tätigkeit im Ertasten seiner selbst, in seiner Lebenstätigkeit und im Bewegungsausdruck seiner selbst gebildet hat.

  • Dadurch, dass ich mich selber ertastet habe, weiß ich, wie man andere ertastet.

  • Dadurch, dass ich selber lebe, und mein Ätherleib das Wesensglied ist, das mir die Bildung von Gedanken ermöglicht und ich selbst zu denken gelernt habe, kann ich jetzt Gedanken anderer wahrnehmen.

  • Dadurch, dass ich mich selber bewegt habe und weiß, was Bewegung ist, auch die bewusste Bewegung der Sprache, ist mein ganzes Nervensystem durch diese Ich-Tätigkeit in der Bewegung so geprägt, dass ich jetzt dadurch auch wahrnehmen kann, wenn andere sich bewegen bzw. sprechen und etwas zum Ausdruck bringen.

In anderen Worten:

  • Was verborgen ist im Tastsinn, wird offenbar im Ich-Sinn.

  • Was verborgen ist im Lebenssinn, wird offenbar im Gedankensinn

  • Was verborgen ist im Bewegungssinn, wird offenbar im Sprachsinn.

Mittlere Sinne als christliche Sinne der Harmonie

Die mittleren Sinne sind die Sinne, die uns helfen, den notwendigen Einklang zwischen uns und der Welt herzustellen. Da überwiegt weder das luziferische Eigene, noch das ahrimanisch Weltbeherrschende. Es herrscht vielmehr Harmonie zwischen beidem. Deswegen sind das die „christlichen Sinne“. Das beginnt mit dem Gleichgewichtssinn, umfasst die mittleren Sinne und endet mit dem Hörsinn. Ersterer und Letzterer gehören auch zusammen: Ohne inneres Gleichgewicht kann man nicht gut hören bzw. zuhören. Unter diesem Aspekt ist Musik die christlichste Kunst.

Selbstverständlich können alle Künste luziferisch oder ahrimanisch entarten, auch die Musik. Wenn der jeweilige Sinn für Gleichgewicht, für inneres Hören, für Wärme, für Licht und Finsternis, für Geschmack und Geruch, für Qualität und Ästhetik, unterentwickelt ist, entartet jede Kunst. Dann kippt sie sozusagen aus dem Schönen, aus dem Ästhetischen, aus dem Harmonischen heraus.

Vgl. Vortrag „Der Lebenssinn in Diagnostik und Therapie“, gehalten am 8. Januar 2016 an der Kunsttherapietagung

  1. Rudolf Steiner, Das Rätsel des Menschen. Die geistigen Hintergründe der menschlichen Geschichte. GA 170.