Die Aufgabe des Vaters im zweiten Jahrsiebt der kindlichen Entwicklung

Welche Aufgabe hat der Vater bei Sieben- bis Vierzehnjährigen?

Ab dem Schulalter wird der Vater neu erlebt als ein Mensch, der dem Kind vieles zeigen kann, was es bisher nicht wusste und konnte. Das Interesse der Kinder für seinen Arbeitsbereich nimmt zu und er wird bis zur Pubertät in der ganzen Art und Weise, wie er im Leben steht und das Leben meistert, immer wichtiger. Die Kinder erleben unter Umständen auch, dass der Vater gut planen kann und seinen Plan zügig durchführt, dass er schnell entscheidet und überhaupt entschlussfreudig ist. Jetzt ist es nicht mehr so entscheidend, welches Bild die Mutter vom Vater hat. Vielmehr kehrt sich das jetzt um: Nun wirkt auf die Kinder, welches Bild der Vater von der Mutter hat.

Viele Schwierigkeiten, die im Schulalter in der Familie auftreten, haben ihre Ursache darin, dass man sich der Bedeutung dieser Zusammenhänge nicht bewusst ist. Meist hat sich im Laufe der ersten sechs bis acht Jahre in der Ehe eine gewisse Routine eingespielt. Jeder ist mit seinem Alltag voll ausgelastet. Man spricht über viele Dinge nicht mehr, man hat sich daran gewöhnt, dass alles so ist, wie es ist. Es gibt keinen Grund für Streit, und wenn es ihn einmal gibt, so hat man sich auch daran gewöhnt als etwas, das zu einer „guten Ehe dazugehört“.

Die Gefahr dabei ist, dass die Kinder eher einer Atmosphäre neutraler Gleichgültigkeit ausgesetzt sind und Gefühle von Dankbarkeit und Freude, die die Eltern früher füreinander hegten, nicht mehr so oft empfinden können.

Die Kinder werden selbständiger, gehen in die Schule und schwärmen jetzt vielleicht für einen Lehrer oder einen Klassenkameraden und nehmen das häusliche Geschehen weniger wichtig. Der Vater löst sich unter Umständen innerlich mehr und mehr aus dem Familiengeschehen heraus, wodurch die Atmosphäre freundlicher Neutralität noch verstärkt wird. Für das Familienklima, besonders aber für die spätere Entwicklung der Kinder in sozialer Hinsicht, ist es wichtig, dass sie erleben, wie der Vater sich gerade jetzt zunehmend für das Wohlergehen und das Tun und Lassen der Mutter interessiert – insbesondere auch wenn sie durch eigene Berufstätigkeit zusätzlich gefordert ist (vgl. Muttersein: Die berufstätige Mutter).

Denn die Mutter hat es während der Pubertät ihrer Kinder deutlich schwerer als der Vater. Sie erlebt, dass sie nicht mehr so gebraucht wird wie früher, obwohl sie nach wie vor im Dienst ihrer Familie voll eingespannt ist. Und hier ist nun die Haltung des Vaters entscheidend. Nimmt er das, was die Mutter leistet, einfach nur als selbstverständlich hin, ohne ihr immer wieder seine Dankbarkeit für die Alltagsverrichtungen zu zeigen, so erleben die Kinder nicht nur die abgekühlte Familienatmosphäre, sondern entwickeln auch ein negatives Mutterbild: Sie sehen die Mutter als jemanden, der sich im täglichen Einerlei erschöpft, der keine besondere Rolle spielt, über den aber verfügt werden kann. Die Mutter sorgt für regelmäßiges Essen, ausreichenden Schlaf, die Durchführung der Hausaufgaben und einen geregelten Tageslauf. Sie ist es zumeist, die die Kinder zu dieser oder jener Tätigkeit veranlasst und immer wieder auch etwas verbieten muss. Man hat sich an die Mutter, an ihr Dasein und ihre ständige Hilfe, gewöhnt und empfindet all ihre Leistungen als etwas Selbstverständliches.

Ergreift der Vater jetzt die Initiative, kann das Familienleben neuen Schwung bekommen. Er zeigt, dass er die Leistungen der Mutter sehr wohl schätzt und mit Dankbarkeit beantwortet und sagt beispielsweise zu den Kindern: „Einen Nachmittag in der Woche machen wir etwas zusammen. Erst räumen wir das Notwendige zu Hause auf und dann unternehmen wir etwas. Die Mami braucht einen freien Nachmittag, damit sie auch einmal ungestört etwas für sich tun kann.“ Oder die Kinder erleben, wie hin und wieder ein Wochenende zur Entlastung der Mutter eingeführt wird. Oder sie sehen, wie der Vater dafür sorgt, auch wenn nur wenig Geld vorhanden ist, dass stundenweise eine Hilfe ins Haus kommt.

Da der Vater derjenige ist, der – wenn die Mutter nicht arbeitet - durch das berufliche Leben die Verbindung zur Umwelt herstellt, wird er in diesen Jahren für die Kinder und ihre Fragen nach den verschiedenen Lebensbereichen immer mehr zur zentralen Figur. Was er sagt, hat Gewicht, und die Art, wie er in dieser Zeit der Mutter begegnet, prägt die Kinder für ihr ganzes Leben: Gerade in dem Alter, in dem die Kinder die Geschlechtsdifferenzierung am eigenen Leibe erleben und die Frage nach der Identifikation mit dem eigenen Geschlecht in den Vordergrund tritt, ist es wesentlich, wie sie das Vater- und das Muttersein vorgelebt bekommen.

Vgl. Kapitel „Der Vater in der Erziehung“, Elternsprechstunde, Verlag Urachhaus, Stuttgart**