Emil Molt und die Waldorfschule

Wie kam es zur Gründung der Waldorfschule?

Was war der eigentliche Impuls für die Schulgründung?

Rudolf Steiner sprach vom Anfang seines Wirkens an immer wieder über Erziehung und ihre Bedeutung für den einzelnen und die Gesellschaft. Auch schrieb er ein Entwicklungs- und Schulungsbuch, „Wie erlangt man Erkenntnisse der höheren Welten?",1 dessen Inhalt er ab 1903 zunächst in Zeitschriftenartikeln publizierte.2 1907 folgte der Aufsatz „Die Erziehung des Kindes vom Gesichtspunkt der Geisteswissenschaft".3 Wie viele Lehrer davon Kenntnis hatten und ihn gelesen haben, wissen wir nicht – nur dies, dass keiner von ihnen Steiner fragte, wie eine Schule kind- und entwicklungsgerecht eingerichtet werden könnte. Es war ähnlich wie bei der Begründung der Anthroposophischen Medizin, wo erst 1920 ein Chemiker, Oskar Schmiedel, die entscheidende Frage stellte, ob er denn auch bereit wäre, vor Ärzten über therapeutische Ansätze aus der Anthroposophie zu sprechen.

Den Arbeitern und ihren Kindern zuliebe

Der erste Impuls kam vom Stuttgarter Fabrikbesitzer Emil Molt, der wollte, dass seine Arbeiter nicht nur Zigaretten herstellen, sondern – gleich den Arbeitern am Goetheanum – auch Vorträge anhören und Gespräche über Kultur und Lebensfragen führen können. Daraufhin begann der Philologe und spätere Waldorflehrer Herbert Hahn in der Arbeitszeit Werkstunden über verschiedene Themen zu geben. Bald fragten die Arbeiter, ob solch ein Unterricht nicht auch für ihre Kinder durchgeführt werden könnte – woraufhin Emil Molt Rudolf Steiner fragte, ob es denkbar wäre, für die Kinder seiner Arbeiter eine Schule einzurichten. Ab diesem Zeitpunkt hatten die Pädagogik und der Unterricht, Steiners „Kind der Sorge“, Priorität in seinem Leben.

Emil Molt hatte jedoch nicht nur die Idee und den Mut zu fragen, sondern auch das Geld für eine Schulgründung. Rudolf Steiner erschuf das Konzept, die Methodik und Didaktik4 und suchte geeignete Menschen und Lehrer,5 die dem Unterrichtskonzept dieser neuen Schule vertrauten, obwohl es noch nicht aufgeschrieben war. Es ging allen um die Begründung einer Schule aus dem Geist der Anthroposophie heraus – das war das gemeinsame Band. Berufen wurden ausnahmslos Menschen, die selbstständig in der Anthroposophie standen, selber den Bezug zu ihr gefunden und aufgebaut hatten, die „Ideen zu Idealen machen“ konnten (vgl. Waldorfpädagogik: Ideal und Prinzipien der Waldorfpädagogik).

Vgl. Vortrag auf der Welterziehertagung, Dornach 2012

  1. Rudolf Steiner, Wie erlangt man Erkenntnisse der höheren Welten?, GA 10.
  2. Rudolf Steiner, Luzifer – Gnosis. Grundlegende Aufsätze zur Anthroposophie und Berichte aus den Zeitschriften „Luzifer“ und „Lucifer-Gnosis“ 1903–1908. GA 34. Rudolf Steiner Verlag, Dornach 1987.
  3. Ebenda.
  4. Rudolf Steiner, Erziehungskunst: Methodisch-Didaktisches. GA 294. Rudolf Steiner Verlag, Dornach 1990.
  5. Johannes Tautz, Der Lehrerkreis um Rudolf Steiner in der ersten Waldorfschule. Verlag Freies Geistesleben, Stuttgart 1979.