Waldorfpädagogik und Inklusion

Wie steht Waldorfpädagogik zur Inklusion?

Wie war es zu Steiners Zeiten, wie ist es heute?

Waldorfpädagogik war von Anfang an Inklusionspädagogik, hat sich aber zur „Regel-schulpädagogik“ mit ihren üblichen Anforderungen weiterentwickelt und leistet hier Hervorragendes. Waldorfpädagogik auf Regelschulpädagogik zu reduzieren, wird dem ursprünglichen Ideal von Waldorf nicht gerecht. Nicht zuletzt erinnerte uns die UNO „von außen“ daran, dass Inklusionspädagogik die Pädagogik des 21. Jahrhunderts ist.1 Das ist auch für uns eine neue Chance, an das von Rudolf Steiner entwickelte Schulkonzept, „das nicht auf den Egoismus baut“2, anzuknüpfen und Schule als mutige Dienstleistung im Sinne der Inklusion anzubieten. Das sollte vor allem auch für Forschung und Ausbildung Konsequenzen haben.

Auch wir Ärzte sollten in jedem Fall möglichst gute Schulmediziner werden als Grundlage für die Anthroposophische Medizin, die uns wiederum lehrt, das Gelernte im rechten Lichte zu sehen. So sollten auch die Waldorflehrer gut Bescheid wissen über die aktuellen Entwicklungen in der Regel- und Sonderschulpädagogik. Vor diesem Hintergrund kann dann eine ganz andere Form von Begeisterung für das Bildungsideal der Waldorfpädagogik erwachen – eine echte Begeisterung, die tief in der Menschenliebe wurzelt (vgl. Waldorfpädagogik: Ideal und Prinzipien der Waldorfpädagogik).

Grundlagen der Waldorfpädagogik neu entdecken

Die Waldorfpädagogik kann einen bedeutenden Beitrag zur Inklusion zu leisten, wenn man sie aus ihren Grundlagen heraus neu entdeckt. Andernfalls wird Waldorfpädagogik zu einem Risiko für gelingende Inklusion aufgrund von Hoffnungen seitens der Eltern, die vonseiten der Schule möglicherweise nicht eingelöst werden – zu beiderseitigem Schaden. In diesem Falle wäre es besser zu sagen: Wir sind gegen Inklusion. Jeder Mensch, aber auch jede Institution, wird sich selbst zum Risiko, wenn er bzw. sie nicht wirklich eins ist mit sich ist, wenn er bzw. sie nicht der eigenen Spur folgt.

Rudolf Steiner initiierte die Waldorfpädagogik mit einer Anrufung der dritten Hierarchie3, was auf zwei Grundsäulen der Arbeit hinweist:

  • Waldorfpädagogik wurzelt einerseits in einer Kultur gegenseitigen Vertrauens, dass jeder Kollege mit seinem Engel im Gespräch ist und sich innerlich auf den Weg gemacht hat, weil er mit den anderen zusammenarbeiten will. So gesehen ist es auch eine „Gesinnungspädagogik“, weil alle spüren, dass sie einander brauchen.

  • Andererseits entspringt Waldorfpädagogik einer Kultur der Selbstlosigkeit (vgl. Sinne(spflege): Ringen des Ich um Selbstlosigkeit).

Rudolf Steiner nennt Christus nicht nur den Lehrer der Menschenliebe, sondern auch vor 100 Jahren, im Mai 1913 in einem Vortrag den Begründer der großen Schule der Selbstlosigkeit (vgl. Christus heute: Christusopfer und Wesensglieder).

Altruismus als Fundament

Das Fundament der Waldorfpädagogik ist demnach Altruismus. Zu Altruismus ist nur fähig, wer zu sich selber hingefunden hat. Rudolf Steiner sagt, erst der auf sich selbst gestellte Mensch könne dienstleistend zur Verfügung stehen. Denn nur ein Mensch, der wirklich selbständig ist, hat auch Lust, sich um andere zu kümmern. Nur so jemand ist mit sich selber im Reinen und hat genug Überschusskräfte, um sich um andere Belange als sein eigenes Wohlergehen zu kümmern (vgl. Waldorfpädagogik: Erziehung zur Selbstlosigkeit durch Waldorfpädagogik). Wenn wir bei uns angekommen sind, ist die Reise keineswegs zu Ende. Denn jetzt können wir uns um den Rest der Welt kümmern und denen helfen, die noch nicht am Ziel angekommen sind. Deswegen heißt es im Evangelium so schön: „Die Ersten werden die Letzten sein.“4 Wer bei sich selbst angekommen ist, kann so lange weiterhelfen, bis auch der letzte Mensch bei sich angekommen ist. Dann erst ist die „Erdenmission“ der Menschwerdung am Ziel. Bis dahin ist es noch weit.

Postulat der Liebe

Michael Bauer, Dorfschullehrer und esoterischer Schüler Rudolf Steiners, sagte: „Der Wiederverkörperungsgedanke ist ein Postulat der Liebe. Wer wirklich helfen will, wird nicht schon in einem Erdenleben müde.“ Auch Waldorfpädagogik ist ein Postulat der Liebe, denn sie will

  • dazu beitragen, Schicksale zu heilen und auszugleichen;

  • ein Fundament legen für eine erfüllte, innerlich lebendige und äußerlich sinnvolle Biografie;

  • allen Beteiligten zu mehr Lebenskraft verhelfen;

  • eine Kultur der Mitmenschlichkeit und Geselligkeit stiften, der Geistes- und Seelenfreundschaft: des Sich-Aneinander-Freuens und Sich-Füreinander-Interessierens, aber auch des Aneinander-Leidens und –Erwachens;

  • zur Selbstfindung beitragen, zu der tiefen Gewissheit: Ich bin getragen vom ewigen Selbst, das in mir wirkt, das mich prägt – ich bin selbst die Tür zur geistigen Welt. Der Christus in mir ist die Tür, der Weg und alles, was ich brauche.

Diese Absichten können uns helfen mit unserem Denken, Fühlen und Wollen den geforderten Dienst am Zeitgeist vollziehen, was heute bedeutet: Die Waldorfschule darf sich wieder dazu bekennen, dass sie jedes Kind aufnimmt. Sie muss sich dessen nicht mehr schämen. Die Zeit des Schämens ist vorbei – die Zeit der Freude im Lichte großer globaler Herausforderungen ist angebrochen.

Vgl. Vortrag „Chancen und Risiken für Waldorfpädagogik und Inklusion“, gehalten 2014

  1. Die "UN-Konvention über die Rechte von Menschen mit Behinderungen" inklusive Zusatzprotokoll wird 2006 von der UN-Generalversammlung verabschiedet: Gesellschaftliche Teilhabe ist demnach ein Menschenrecht, das ohne Einschränkungen auch für behinderte Menschen gilt. Die UN-Konvention erfasst sämtliche Lebensbe-reiche, von der Arbeit über Bildung, Gesundheit und Pflege, persönliche Mobilität, Fragen des Bauens und Wohnens bis hin zur politischen Teilhabe. Zentraler Leitgedanke bei der Umsetzung der Konvention ist das Prinzip der Inklusion, wonach Menschen mit Behinderungen von Anfang an und in allen Lebensbereichen an der Gesellschaft teilhaben sollen (http://www.inklusion-schule.info/inklusion/un-konvention.html).
  2. Rudolf Steiner, Allgemeine Menschenkunde als Grundlage der Pädagogik. GA 293.
  3. Grundsteinspruch für die Freie Waldorfschule Stuttgart: „Es walte, was Geisteskraft in Liebe …“. In: Ritualtexte für die Feiern des freien christlichen Religionsunterrichts. GA 269, S. 167.
  4. Neues Testament, Matthäus 20, 16. Kompletter Vers: „So werden die letzten die ersten sein und die ersten die letzten.“