Zu den menschenkundlichen Grundlagen von Wissenschaft, Kunst und Religion

Welche Erklärungsmöglichkeiten bietet die menschenkundliche Grundtatsache der Wesensglieder?

Wie wirken sie (zusammen)?

Seit jeher zielten die wissenschaftlichen, künstlerischen und religiösen Bestrebungen darauf ab, den Menschen mit der geistigen Welt zu verbinden. Das bildete die Grundlage der jeweiligen kulturellen Verhältnisse. Mit dem Heraufziehen des Nominalismus, der die materialistische Wissenschaft ermöglichte, löste sich insbesondere die Naturwissenschaft von der Geisterkenntnis: Sie entwickelte das Ideal einer objektiven, vom Menschen-Ich unabhängigen Wissenschaft. Dadurch verlor auch die Kunst die Möglichkeit, unmittelbar geistig Geschautes oder Gedachtes zur Offenbarung zu bringen und wurde so mehr und mehr zu einer Freizeit- und Feiertagsbeschäftigung. Das religiöse Leben schließlich wurde zur Privatsache erklärt und spielt im öffentlichen Leben nur noch eine untergeordnete Rolle.

Es gehört zu den großen Geschenken der Anthroposophie, diese drei Urquellen menschlich-kultureller Tätigkeit wieder an die konkrete Geisterkenntnis und Geisterfahrung angeschlossen zu haben. In den drei Phasen der Entwicklung der anthroposophischen Bewegung und Gesellschaft wurde zuerst die Wissenschaft erneuert, dann die Kunst und schließlich auch die Religion als eigenständige Bewegung für religiöse Erneuerung.

Doch das ist erst ein Teil der großen Aufgabe. Denn es geht nicht nur darum, diese drei Gebiete zu erneuern und an das konkrete Geistesleben wieder anzuschließen, sondern vor allem darum, sie in ihrem lebendigen Zusammenwirken zu erkennen und dieses Zusammenwirken zur Grundlage neuer Sozialgestaltungen zu machen. So sagt uns Rudolf Steiner am 30. Januar 1923:

„So beginnt Anthroposophie überall mit Wissenschaft, belebt ihre Vorstellungen künstlerisch und endet mit religiöser Vertiefung; beginnt mit dem, was der Kopf erfassen kann, geht heran an dasjenige, was im weitesten Umfange das Wort gestalten kann und endet mit dem, was das Herz mit Wärme durchtränkt und das Herz in die Sicherheit führt, auf dass des Menschen Seele sich finden könne zu allen Zeiten in seiner eigentlichen Heimat, im Geistesreich. So sollen wir auf dem Wege der Anthroposophie ausgehen lernen von der Erkenntnis, uns erheben zur Kunst und endigen in religiöser Innigkeit“.1

Ursprungsort wissenschaftlicher, künstlerischer und religiöser Betätigung ist der dreigliedrige Mensch, der mit Hilfe seines Denkens zum Wissenschaftler wird, mit Hilfe seines Fühlens künstlerisch empfinden und gestalten lernt und mit Hilfe seines Wollens zur religiösen Hingabe fähig ist.

Im „Französischen Kurs“2 schildert nun Rudolf Steiner den Zusammenhang der menschlichen Wesensglieder mit Wissenschaft, Kunst und Religion:

  • Physischer Leib – heutige Naturwissenschaft;
  • Ätherleib – wahre Philosophie, die zum lebendigen Denken hindurch stößt;
  • Astralleib – Kosmologie, das sich erkennende Eins-Fühlen der Seele mit dem gesamten Weltenall;
  • Ich – Religion, die Hingabe von Wesen an Wesen.

Zusammenwirken der Wesensglieder

Rudolf Steiner und Ita Wegman führen im zweiten Kapitel von „Grundlegendes für eine Erweiterung der Heilkunst nach geisteswissenschaftlichen Erkenntnissen“ aus, dass sich beim Nervensinnessystem die Ich-Organisation seelisch frei im Denken darlebt3. Dieser Tatsache verdanken wir es, dass wir uns beim Denkvorgang nicht nur leibbefreit und ganz „bei der Sache“ fühlen, über die wir nachdenken, sondern dass wir uns dadurch auch selbst geistig gegenüberstehen können und uns distanziert von uns selbst erleben. Wir können uns die erstaunliche Tatsache klarmachen, dass wir uns beim Denken außerhalb des Leibes befinden – was wir normalerweise nicht realisieren und auch nicht davon wissen. Denkend überschreiten wir alle die Schwelle zur geistigen Welt – nur eben unbewusst (vgl. Gedankenkraft: Gedanken als Brücke zur Geisterfahrung).

Blicken wir auf das Gefühlsleben, so sehen wir, wie auch hier Ich und Astralleib weitgehend außerhalb des Leibes wirksam sind. Der Astralleib dringt bei der Einatmung tiefer in das Leibesgefüge ein und wird bei der Ausatmung wiederum dem mit der Welt mitlebenden und mitempfindenden Ich zurückgegeben. Auch hier gehen wir real teilweise aus dem Leib heraus, ohne uns dessen im gewöhnlichen Leben bewusst zu sein. Beim Stoffwechsel hingegen sind alle vier Wesensglieder eng miteinander verbunden und vollständig im Leib inkarniert, sodass sich der volle Schwellenübertritt erst im Tode vollzieht.

Wir können uns nun fragen, welche Erklärungsmöglichkeiten sich aus der menschenkundlichen Grundtatsache des (Zusammen)Wirkens der Wesensglieder auf das wissenschaftliche, das künstlerische und das religiöse Leben ergeben:

Jetzt wird verständlich, dass, wenn das Ich bewusst im Denken tätig ist, auch der Wille im Denken erwacht und es zur geistigen Kommunion kommen kann, zum „Wahrnehmen der Idee in der Wirklichkeit“4.

Des Weiteren wird verständlich, dass das von der Mitte ausgehende künstlerische Bemühen, einerseits zu neuen Erkenntnissen führen kann, andererseits aber auch unmittelbar in religiöses Erleben überleitet.

Und nicht zuletzt wird verständlich, warum die christliche Religion als heiligstes Mysterium die Verwandlung von Brot und Wein und die Vergeistigung der Substanz durch den Verdauungsvorgang zum Inhalt hat: Die Verwandlung ist ein ganz ursprünglicher, eigenständiger religiöser Vorgang, der sich auf leiblicher, seelischer und geistiger Ebene vollziehen kann. Verwandlung kann aber nur stattfinden, wenn alle vier Wesensglieder unter der Führung des Ich im dreigliedrigen Menschen zusammenwirken.

In Bezug auf das Thema des Stehens an der Schwelle (vgl. Schwellenerfahrung: Die Schwelle zur geistigen Welt) wird verständlich, warum es heute so wichtig ist, dass sich der Mensch nicht nur seine Geistverlassenheit bewusst macht, sondern auch erkennt, dass sein Denken dem Ich die Möglichkeit gibt, bewusst in der Welt der Gedanken, also in einer geistigen Welt, zu leben. So kann das Ich, wenn es einen konkreten geistigen Inhalt aufnimmt, auf Gedankenwegen bewusst die Schwelle überschreiten und sich selbst als Brücke über den Abgrund erleben. Von diesem geistdurchleuchteten Gedankenleben aus kann dann auch das Gefühls- und Willensleben neue Impulse bekommen und zu geistorientiertem, künstlerischem und sozialem Handeln angeregt werden. Dieses Erwachen im Denken zu neuem Geist-Erleben hat auch wesentliche Auswirkungen auf die menschliche Gesundheit.

Vgl. 2. Kapitel „Medizin an der Schwelle“, Verlag am Goetheanum, Dornach 1993**

  1. Rudolf Steiner, Anthroposophische Gemeinschaftsbildung, GA 257, 1989.
  2. Rudolf Steiner, Kosmologie, Religion und Philosophie, GA 25, 1979.
  3. Rudolf Steiner und Ita Wegman, Grundlegendes für eine Erweiterung der Heilkunst nach geisteswissenschaftlichen Erkenntnissen, GA 27, 1991.
  4. Grundlinien einer Erkenntnistheorie der Goetheschen Weltanschauung, mit besonderer Rücksicht auf Schiller. GA 2, 1979.