Etappen der Willensentwicklung

Wie entwickelt sich das Willensleben, die Fähigkeit zum Tun, beim Kind?

Ein Blick auf die Stadien der kindlichen Entwicklung zeigt, dass hier im Kleinen verläuft, was sich in der Menschheitsentwicklung im Großen abgespielt hat: Im Altertum empfand sich der Großteil der Menschen noch als von äußeren Autoritäten gelenkt. Erst mit dem Auftreten des Christentums erfolgt bewusstseinsgeschichtlich der Übergang vom „Du sollst" zum „Ich will" in Erfüllung des „einzigen Gebotes", der Liebe1. Besonders anschaulich wird dieser Übergang im Gleichnis von der Ehebrecherin2: Von Männern vor Gericht gezerrt, wird die Ehebrecherin Jesus vorgestellt mit der Frage, ob sie für ihr Vergehen im Sinne des Moses gesteinigt werden soll oder nicht. Jesus fordert die Ankläger auf, dem äußeren Gesetz nur zu folgen, wenn das eigene Innere damit übereinstimmt: „Wer unter euch ohne Sünde ist, der werfe den ersten Stein auf sie." Darauf ziehen sich die Umstehenden einer nach dem anderen betroffen zurück. Als Jesus mit der Frau allein ist, entlässt er sie freundlich mit einer Aufforderung, ihre Willenserziehung selbst in die Hand zu nehmen.

  • In der Vorschulzeit lässt sich der Wille des Kindes durch Vorbild, das nachgeahmt werden kann, von außen anregen und weitgehend leiten (vgl. Erziehung: Erziehung und Vorbild).

  • In der Schulzeit sind bereits in hohem Maß Sympathie oder Antipathie dem Erwachsenen gegenüber entscheidend dafür, ob das Kind tut, was es lernen oder machen soll, oder nicht. Durch Liebe – bzw. Angst – lässt sich das Kind am leichtesten zu Handlungen bewegen. Gefühle, nicht mehr nur Vorbilder sind es, die jetzt zur entscheidenden Motivation werden (vgl. Entwicklung: Entwicklungsphasen und Pädagogik).

  • Erst nach der Pubertät sind die Heranwachsenden unabhängig genug von ihrer Umgebung, um sich selbst durch eigene Einsicht leiten lassen zu können, d.h. selbst zu bestimmen und zu begründen, was sie tun und lassen möchten – auch wenn die Umgebung etwas anderes nahe legt. Man lernt, nicht nur zu „re-agieren” oder sich von Gefühlen leiten zu lassen. Es ist jetzt die eigene Urteilskraft, die die Führung übernehmen kann (vgl. Entwicklung: Entwicklung und Lernen).

Solange Kinder in ihrem Handlungsvermögen noch abhängig sind vom Vorbild oder von Lust und Unlust, sind sie noch nicht mündig, noch nicht „willensreif".

Fühlen und Denken müssen erst eine bestimmte Reife erlangt haben, um den eigenen Willen motivieren und lenken zu können. Damit ist dem Erzieher die Richtung gewiesen: „auf Zeit" eine Art Stellvertreter der Persönlichkeit des Kindes zu sein. Absoluten Gehorsam zu verlangen oder zu drohen ist genauso unangebracht wie die Bereitschaft, sich vom Kind tyrannisieren zu lassen und den eigenen Willen dem Willen des Kindes unterzuordnen (vgl. Wille(nsschulung): Willensfragen). Willenserziehung sieht also in den einzelnen Epochen der Kindheit unterschiedlich aus – je nach Reifegrad der kindlichen Persönlichkeit.

Vgl. „Willensschulung – eine Notwendigkeit in Pädagogik und Selbsterziehung“, Kapitel: „Motivation und Willenserziehung im Kindes- und Jugendalter“, gesundheit aktiv

  1. Neues Testament, Joh. 8,1-11
  2. Neues Testament, Joh. 13,34