Begabungen des physischen Leibes

Was verdanken wir dem physischen Leib?

Wozu befähigt er uns?

Der physische Leib ist in Form, Funktion und Plastizität seiner Organe die Grundlage für jedwede Begabungsäußerung des Menschen (vgl. Mut: Der physische Leib als Quelle von Mut). Seine Größe, seine Kraft, die Qualität der Sinneswahrnehmungen durch die Sinnesorgane – all das setzt Maßstäbe für bestimmte Entwicklungen und auch Grenzen für bestimmte Leistungsmöglichkeiten. Wer mit einem absoluten Gehör geboren wird, ist prädisponiert für eine musikalische Begabung, und wer einen kräftigen Muskelbau hat, ist zu physischer Kraftentfaltung oder zu sportlichen Höchstleistungen veranlagt.

Es gibt aber auch eine Reihe verborgener Qualitäten, die wir unserem physischen Leib verdanken, allen voran das Erlebnis unserer Egoität, unserer individuellen Persönlichkeit. Nur dadurch, dass wir in einem von der Umwelt abgegrenzten Leib tätig sind, können wir zu dem Erlebnis unserer Eigenheit kommen. Denn schon im Bereich des Ätherischen (vgl. Anthroposophische Menschenkunde: Begabungen des Ätherleibes), das keine Raumstruktur mehr hat, sondern eine zyklisch arbeitende Zeitstruktur besitzt, ist die Abgrenzung und damit auch das Erleben der Eigenheit und Eigenständigkeit nicht mehr in der Weise gegeben wie im Physischen. Daher ist die Pflege der Integrität des physischen Leibes von so großer Bedeutung, insbesondere während der Vorschulzeit. Übergriffe im Physischen, ob nun in Form von übertriebener Zärtlichkeit, Gewalt oder aber als sexueller Missbrauch, stellen über seine vielfältig miteinander vernetzten Sinnesorgane immer zentrale Angriffe auf das Persönlichkeits- und Selbsterleben des Kindes dar und veranlagen im physischen Leib bleibende Kränkungen bzw. Störungen im Selbsterleben und der daraus erwachsenden Selbstachtung. Das Gefühl, Herr im eigenen Hause zu sein, ist die Basis eines gesunden Selbsterlebens im Physischen.

Doch auch ein klares Vorstellungsvermögen ist an die Intaktheit des physischen Gehirns und der Sinnesorgane gebunden. So wahr es ist, dass die Gedanken ihren Sitz im ätherischen Organismus haben, so wahr und selbstverständlich ist es auch, dass sie nur mithilfe des Gehirns und der daran angeschlossenen Sinnesorgane als Vorstellungen reflektiert werden können. Daher hat die Pflege der Sinnesfunktionen 1, des Bewegungsspiels und der körperlichen Geschicklichkeit eine wichtige Bedeutung im Hinblick auf die Gehirnbildung und die Ausbildung eines gesunden Vorstellungslebens (vgl. Sinne(spflege): Zwölf Sinnestätigkeiten - Sinnespflege). Der physische Leib verdankt seine Ausformung nicht nur Vererbung und Umwelt (vgl. Begabung und Behinderung: Wer spielt das Klavier der Gene?), sondern auch dem Interesse und der Aufmerksamkeit, mit denen das Kind seiner Umwelt begegnet und Beziehungen zu bestimmten Menschen aufnimmt: Indem es sie nachahmt, wird sein Körper auf sinnvolle Weise tätig. Denn jede Form von körperlicher Tätigkeit stimuliert zugleich die physiologischen Abläufe und damit auch die Bildung der Organe. Was nicht geübt wird, bleibt unentwickelt, was fehlstimuliert wird, bildet eine ungeordnete Veranlagung.

Die allgemeine Bewegungsarmut, technisches Spielzeug, durch das Kinder nur zu wenig Eigenbewegung anregt werden, das sie stattdessen zu Kontrolleuren sich raffiniert bewegender Spielzeuge macht, und nicht zuletzt der Fernseh- und Medienkonsum gehören zu den Faktoren, die den physischen Leib am schlimmsten schädigen. Kaum etwas wirkt verheerender als die umfassende Fehlstimulation der Sinne durch den Bildschirm:

  • Keine Farbe stimmt mit der der Wirklichkeit überein.
  • Keine Proportion, kein Größenverhältnis entspricht einer normalen Sinnesbeobachtung, bei der sich alle Sinne – Auge, Ohr, Geschmack, Geruch usw. – aufeinander abstimmen und in ihrem Zusammenwirken zur Totalität eines bestimmten Sinneseindrucks beitragen.
  • Nicht einmal das Auge hat die Möglichkeit, das räumliche Sehen zu üben, da alle Bilder zweidimensional auf der Fläche erscheinen. Die Augenmuskeln können sich dem Sinneseindruck nicht aktiv anpassen, indem sie sich, wie sonst beim Sehen, um den Gegenstand herum oder mit dem Gegenstand bewegen. Beim Fernsehen wird dem Auge diese Aktivität abgenommen: Das Bild auf dem Schirm bewegt sich, das Auge ist reglos und starr auf den Bildschirm gerichtet.

Man macht sich diesen Effekt in Augenkliniken zunutze, um die Augen bei Augenmuskeloperationen möglichst ruhigzustellen: Nichts wirkt effizienter, als einige Stunden fernzusehen. Denn selbst im Schlaf bewegen sich die Augäpfel in regelmäßigen Abständen hinter den geschlossenen Lidern.

Folgen von Medienkonsum im Vorschulalter

Wer die Inkarnation des Menschen-Ich im physischen Leib in umfassender Weise fördern möchte, sieht sich gezwungen – auch wenn dies gegenwärtig aus dem Rahmen üblicher Kulturgewohnheiten fällt –, den Bildschirm und technisches Spielzeug insbesondere aus dem Vorschulalter komplett zu verbannen und dem Kind die Auseinandersetzung mit der Umwelt so, wie sie wirklich ist, zu gönnen.

In der Schule zeigen sich die Folgen einer Fehlerziehung auf diesem Gebiet in Form von

  • Nachahmungsschwäche
  • einer nicht genügend ausgebildeten Bewegungsorganisation,
  • Störungen in der Abstimmung der Sinnesfunktionen aufeinander,
  • Defiziten in der Sprachentwicklung,
  • Unfähigkeit, intentional, mit gerichteter Aufmerksamkeit, zuzuhören.

Denn am Bildschirm nimmt man ständig mehr Informationen auf, als man verarbeiten kann, und man lernt auch nicht, wiederzugeben, was man gehört und gesehen hat. Überdies werden Medien oft als Geräuschkulisse genommen, während man sich mit etwas ganz anderem beschäftigt. Entsprechend wird auch der Lehrer oft als Geräuschkulisse erlebt und behandelt – und nicht wie ein Mensch, dem man mit Interesse und Aufmerksamkeit begegnen sollte (vgl. Kindsein heute: Medienmündigkeit und Technik).

Der schlimmste Schaden für das spätere Leben erwächst jedoch aus der Inaktivität des eigenen Denkens: Das Gehirn bildet sich zu einem Instrument passiver Informationsaufnahme und -Verarbeitung. Aktiv zu hinterfragen, sich auseinanderzusetzen, sich selbst Bilder von einer Sache zu machen, selbständig zu denken – dafür eignet es sich nicht. Das führt dazu, dass die Bereitschaft, selbst aktiv und kreativ zu werden, aber insbesondere der Wille, selbstständig zu denken, nachlassen. Das Ergebnis ist eine „Zuschauergesellschaft“, die zwar intelligent registriert, jedoch damit rechnet, dass es für jedes Problem einen Zuständigen gibt und Selbständigkeit und Mitverantwortung immer weniger gefragt sind. Demgemäß hört man immer wieder von erfolgreichen, kreativen Menschen, die im späteren Leben dankbar auf ihre fernsehfreie bzw. fernseharme Kindheit zurückblicken bzw. jetzt froh sind, dass sie in Kindheit und Jugend viel zupacken mussten.

Zudem zeigt die tägliche Erfahrung bei jedem sportlichen Training, dass der physische Leib nur durch Aktivität seine Funktionen ausbilden kann. Das Gleiche gilt auch für die feineren inneren Vorgänge im Leibe. Je jünger der physische Leib ist, umso bildsamer und prägbarer und umso verwundbarer ist er. Erst mit zunehmendem Alter kann er kränkenden Einflüssen mehr Widerstandskraft entgegensetzen.

Wird die Sinneserziehung vernachlässigt und der Welt, den Menschen und den täglichen Begebenheiten keine liebevolle Aufmerksamkeit geschenkt, werden schwerwiegende Behinderungen der Selbst- und Welterfahrung veranlagt, die schon in der Schulzeit zu Desinteresse und Lernstörungen führen können. Diese Entwicklung gehört zu den wichtigsten Ursachen, warum der Drogenkonsum in unserer Zeit so zunimmt: Der Erlebnismangel und der damit verbundene Mangel an Selbsterfahrung durch nicht oder fehlausgebildete Sinnesfunktionen wird früher oder später als unerträglich empfunden – man sucht dann eine Ersatzbefriedigung in der durch die Drogen vermittelten Erlebnisintensität (vgl. Kindsein heute: Drogensucht verstehen - und ihr entgegenwirken).

Der physische Leib dient so

  • der Selbstwahrnehmung im Physischen, der Egoität im besten Sinne des Wortes,
  • dem Ätherleib als Grundlage für Reflexion und Vorstellungsvermögen,
  • dem Astralleib als Grundlage für sein Empfindungsleben,
  • dem „Ich“-Wesen des Menschen vermittelt er die Fülle an Wahrnehmungen.

Vgl. „Begabungen und Behinderungen“, 8. Kapitel, Verlag Freies Geistesleben, Stuttgart 2004**

  1. Beiträge zur Rudolf Steiner Gesamtausgabe, Nr. 34, Aufzeichnungen Rudolf Steiners zur Sinneslehre. Dornach, Sommer 1971.