Viertes Siegel – Siegel des Schweigens

Mit dem 4. Siegel sind wir bereits beim 10. Kapitel angelangt, kurz vor der Mitte der Apokalypse, die ja zweiundzwanzig Kapitel hat, zweimal elf. Sie ist so aufgebaut, dass sie mit der individuellen Offenbarung, die dem Johannes zuteilwird, beginnt. Die ersten elf Kapitel behandeln den Weg des Individuums bis hin zur Vollendung, bis zur Zeugenschaft Jesu Christi. Die zweite Hälfte, vom 12. bis zum 21. Kapitel, behandelt den Entwicklungsweg der Menschheit bis in die Jupiterzeit hinein, bis in die nächste Entwicklungsetappe der Erde (vgl. Menschheitsentwicklung: Die sieben Kulturepochen). Wir befinden uns jetzt kurz vor diesem Umschwung.

Viertes Siegel - Schweigen als Ermächtigung zum Tun

Mit dem vierten Siegel endet der Weg des Johannes, mit ihm beginnt der menschheitliche Weg:

„Da sah ich einen anderen Engel von großer Stärke... Um sein Haupt erglänzte der Regenbogen sein Antlitz war wie die Sonne, seine Füße glichen Feuersäulen... Seinen rechten Fuß setzte er auf das Meer, den linken auf das feste Land. Und er rief mit einer gewaltigen Stimme... Seinem Rufen antworteten die sieben Donner... Ich wollte ihre Worte aufschreiben. Da hörte ich eine Stimme aus dem Himmel, die sprach: Versiegle, was die sieben Donner sprechen, schreibe es nicht auf!“1

Dies ist die einzige Stelle, an der Johannes den Auftrag bekommt zu schweigen. Hier offenbart sich seine unmittelbare Michaelsdienerschaft. Es gibt ein aufschlussreiches Zitat2:

„Lerne schweigen und dir wird Macht. Begib dich der Macht und dir wird das Wollen.“3

Das Schweigen ermächtigt uns zum Tun (des guten Willens). Oft fragen wir uns:

Warum kann ich die Wahrheit nicht einfach sagen?

Das vierte Siegel ist das Siegel des Schweigens. Es fordert uns auf, schweigend auszuharren, bis das Gegenüber reif dafür ist die Botschaft aufzunehmen. Denn es geht darum, im richtigen Moment das richtige Wort zu sagen (vgl. Mysterien und Initiation: Erneuerung der Mysterien).

Dieses Siegel führt uns noch in ein ganz anderes Szenario. Plötzlich wird ein großes Bild entwickelt: Ein Engel steigt vom Himmel hernieder und setzt einen Fuß auf das Land und einen auf das Meer. Auf der Bildtafel dieses Siegels3 wird das durch zwei Säulen symbolisiert, die in der Esoterik bekannt sind als Jachim und Boas. Weiters ist ein Regenbogen zu sehen, darunter eine Sonne – eine sehr symbolträchtige Darstellung. Erde und Himmel, Wasser und Luftkreis, Sonne, Regenbogen und Sternenhintergrund – hier wird der ganze Kosmos einschließlich der Erde ins Bild gebracht und schaut uns an.

Dreifache Bedeutung des Regenbogens

In der Esoterik ist der Regenbogen immer in dreifacher Bedeutung zu verstehen:

  • als Brücke zu den Verstorbenen, als Brücke zwischen der sinnlichen und der geistigen Welt (vgl. Umgang mit Verstorbenen: Der Gesichtspunkt der Verstorbenen). Denn er erscheint zwischen Himmel und Erde in seinen wunderbaren Farben.
  • als harmonisches Bild der Schöpfung: Die Farben kann man als Ausdruck von „den Taten und Leiden des Lichtes“, um mit Goethe zu sprechen, auffassen, als Spuren der Auseinandersetzung zwischen Licht und Finsternis. Wenn sich diese Polaritäten harmonisieren, wenn Licht und Finsternis sich harmonisch verbinden, erscheint dies im Bild als Regenbogen.
  • als Schnittstelle zwischen Göttern und Menschen, als Bereich, in dem sie miteinander verkehren, in dem die Menschen Zwiesprache mit der geistigen Welt halten.

Um das kosmische Bild dieses Siegels herum ranken sich in der Apokalypse eine ganze Reihe von Bildern über die Auseinandersetzung zwischen der guten, die Menschheit führenden geistigen Hierarchie, und den Mächten, die in die Erdentiefen verbannt wurden und aus dem Meer und dem Land aufsteigen. Sie werden als Tiere dargestellt. Es handelt sich dabei um die Mächte, die die Menschheit verführen, Luzifer und Ahriman (vgl. Das Böse - Widersachermächte: Wirksamkeit von Luzifer und Ahriman). Sie sind es aber auch, die ein evolutives Spannungsfeld hervorriefen und damit die Voraussetzung für die Entwicklung von Freiheit erst erschufen. Das kosmische Bild, ergänzt von den Worten der Apokalypse, zeigt die kosmische Begründung der Freiheit, wie der Menschheit die Möglichkeit eröffnet wurde, sich zur Freiheit zu entwickeln

Vgl. Zusammenstellung von Vorträgen „Die sieben Siegel der Apokalypse“, gehalten 2007

  1. Neues Testament, Offenbarung, 10. Kapitel.
  2. Die Apokalyptischen Siegel wurden nach Angaben Rudolf Steiners als runde Bildtafeln von Frl. Clara Rettig gestaltet.
  3. Rudolf Steiner, Aus den Inhalten der esoterischen Stunden, GA 266a. Das ganze Zitat lautet:
    1. Lerne schweigen und dir wird die Macht.
    2. Begib dich der Macht und dir wird das Wollen.
    3. Begib dich des Willens und dir wird das Fühlen.
    4. Begib dich des Fühlens und dir wird Erkenntnis.