Luzifer, Ahriman und Entwicklung

Das sich befreiende Ich hat zwei Instrumente bzw. Aspekte:

  • den Leib als Träger des Ich-Bewusstseins
  • und das Schicksal als Träger der Entwicklungsmöglichkeiten.

Den beiden Widersachermächten, Luzifer und Ahriman (vgl. Das Böse - Widersachermächte: Wirksamkeit von Luzifer und Ahriman), sind diese beiden Ich-Komponenten ein Gräuel.

Luzifer und die Lust am Kleinen

Luzifer ist das freie, instrumentelle, der Welt zugewandte Ich-Bewusstsein zutiefst zuwider. Ihm entspricht ein Ich-Bewusstsein, bei dem man sich selbst genießt, ein breites Ego hat, sich toll findet, sich spiegelt – das sind alles Abirrungen eines gesunden Selbstbewusstseins in Richtung Egomanie. Das Verhalten der Lilith zeigt, wozu wir Frauen imstande sind, wenn uns Luzifer verführt. Männer haben ihre eigene Spielart. Hier setzt die luziferische Versuchung an. Luzifer, sagt Rudolf Steiner, ist eine mikrokosmische Wesenheit. Sie interessiert sich für das Kleine, das Individuelle. Sie spielt mit Lust und Eitelkeit: Es muss Spaß machen, Lust bereiten, Selbstbespiegelung ermöglichen – dann ist Luzifer zufrieden.

Rudolf Steiner kam einmal in Stuttgart auf den Schulhof und sagte zu einem Lehrer, den er traf: „Da unten sitzen zwei Damen, die dürfen nicht in die Schule herein.“ Daraufhin schaute der Lehrer draußen nach, fand niemanden. Woraufhin Rudolf Steiner erläuterte: Die beiden Damen, die da sitzen, warten und auf keinen Fall in die Schule hereindürfen, heißen „Eitelkeit“ und „Geltungssucht“.

Ahriman und der Hang zur Macht

Ahriman empfindet tiefen Hass und totales Unverständnis für das menschliche Schicksal, weil es Entwicklung ermöglicht. Für ihn sind Menschen nur Zahlen, wie Schiller es in seinem „Don Carlos“ den Großinquisitor sagen lässt: „Was sind Menschen? Menschen sind für mich nur Zahlen, weiter nichts.“ Das ist durch und durch ahrimanisch. Die ahrimanische Macht ist grandios: Wir verdanken ihr die Erde, das Feste, die Substanz, die klare Orientierung, das Mathematische, das Rationale, die Macht. Ahriman gibt uns vieles, ohne das wir gar nicht leben könnten – auch der physische Leib, die Knochendichte, ist sein Werk. Damit sollten wir, laut Ahriman, auch zufrieden sein und Macht ausüben – sprich: das Leben dazu benützen, anderen Menschen Angst zu machen und sie zu beherrschen. Luzifer und Ahriman ist gemeinsam, dass sie beide das Wesen und den Sinn von Entwicklung nicht verstehen können.

  • Ahriman arbeitet mit Hass und Neid,
  • Luzifer mit Lust und Eitelkeit.

Alle anderen schlechten Eigenschaften sind Kinder davon. Man muss sich nur diese vier merken, dann hat man das Wesentliche begriffen.

Entwicklung, ein christliches Motiv

Entwicklung ist ein spezifisch christliches, allgemein-menschliches, heiliges Motiv (vgl. Entwicklung: Das Autonomieprinzip in der menschlichen Evolution). Deswegen befindet sich der dritte Aspekt des Selbst, die Persona, ständig in einer Auseinandersetzung mit den beiden Widersachermächten.

p>Das Menschliche, das christliche Prinzip, arbeitet mit Wahrheit, mit Würde und Freiheit. Wir Menschen brauchen die beiden Widersacher, um den Umgang mit der Freiheit üben zu können. Ohne die Möglichkeit zu haben, etwas falsch zu machen, können wir nicht herausfinden, was richtig ist. Wenn wir aus Fehlern lernen, erringen wir immer auch einen Sieg über Luzifer und Ahriman. Es gibt nichts Christlicheres als Fehler zu machen, weil man dann schmerzlich empfindet, wie „dumm“ man war und sich fragt: Warum habe ich das gemacht? Luzifer hat hier keinen Zugriff auf uns, weil wir in unserer Eitelkeit ein wenig gekränkt sind – was nicht weiter schlimm ist. Denn unser Selbstbewusstsein gesundet, sobald wir uns eingestehen, dass es ein Fehler war, und uns vornehmen, es das nächste Mal besser zu machen – und solange üben, bis es klappt. Indem wir das tun, überwinden und erlösen wir Ahriman ein Stück weit, weil wir unser Machtpotenzial zum Lernen und Üben verwenden und gar keine Zeit und Lust mehr haben, über andere zu herrschen. Im Gegenteil: Wir versuchen andere zu motivieren, selbst auch zu üben und sich zu entwickeln. Dadurch entsteht eine Atmosphäre, die Kinder erleben lässt: Die Welt ist gut.

Entwicklung durch das Böse

Viele Menschen wollen diese Tatsache nicht wahrhaben. Ohne das Böse wäre die Welt nicht denkbar als Raum für menschliche Entwicklung: nichts könnte zugrunde gehen; nichts könnte zerstört werden; alles würde ewig existieren; im Frühling könnten keine neuen Pflanzen wachsen – keine Entwicklung wäre so möglich: Die Erde wäre längst überfüllt und am Ende.

Wie will man etwas bauen, wenn man nicht irgendwo Material findet, das man aus seinem Zusammenhang reißt und so etwas Vorhandenes zerstört?

Bauen wir aus Stein, so wird ein Berg abgetragen oder ein Steinbruch geplündert. Bauen wir aus Holz, so werden lebendige Organismen vernichtet. Die Lebenswirklichkeit zeigt, dass wir ohne Zerstörungsvorgänge nicht leben können.

Auch unser eigener Organismus ist in diesen Prozess eingebunden:

  • Wir sprechen von guter Verdauung, wenn wir in der Lage sind, zu verdauen, was als Mahlzeit auf dem Tisch steht. Das heißt jedoch, dass wir in der Lage sind, den Lebenszusammenhang eines Radieschens genauso zu zerstören wie den stofflichen Zusammenhang von Fleisch, Ei oder Krabben. Und gerade dieses Beispiel zeigt, wie relativ die Begriffe von Gut und Böse sind. Man mag auf der einen Seite bedauern, dass die herrlichsten Früchte, zu einem Obstsalat zubereitet, vom menschlichen Organismus zerstört werden.
  • Auf der anderen Seite dient dieser Vorgang dem Aufbau und der Erhaltung des Menschenwesens, indem aus den Zerstörungsprodukten etwas Neues gebildet wird: die körpereigene Substanz.

Natürlich sind wir nicht gewöhnt, die Verdauungsvorgänge mit moralisch belegten Begriffen wie Gut und Böse in Beziehung zu bringen (vgl. Religion: Das Geheimnis von Verdauung und Transsubstantiation). Wir finden es selbstverständlich, dass Wesen anderer Naturreiche sterben und sich an uns Menschen hingeben, um uns zu ernähren. Alles, was wir sind, verdanken wir dieser Hingabe in Form von Nahrungsstoffen. Wir setzen damit aber voraus, dass in der ganzen Schöpfung letztlich Liebe waltet, gegenseitige Hingabe, Opfer, Geschenk. Wir können sogar so weit gehen zu sagen, dass dasjenige „gut“ genannt wird und gut ist, was sich sinnvoll in den Gesamtzusammenhang hineinstellt, auch wenn bei seiner Entstehung Kräfte der Zerstörung mitgewirkt haben.

Vgl. Vortrag auf der Welterziehertagung, Dornach 2012