Der ätherische Leib als Quelle von Mut

Welche Mutkräfte verdanken wir dem ätherischen Organismus?

Rudolf Steiner nennt den ätherischen Leib auch „Organismus der Lebensgesetze, der Wachstums- und Regenerationskräfte und der Gedankentätigkeit“1. Dieser Begriff basiert auf dem Forschungsergebnis Steiners, dass die Gesetze und Kräfte, mit denen der Körper die Stoffe des physischen Leibes ordnet und in seinen Lebenszusammenhang integriert, dieselben sind, mit denen wir auch denken – beim Denken sind diese Kräfte jedoch leibfrei wirksam und nicht mehr leibgebunden wie bei Wachstum und Regeneration (vgl. Doppelnatur des Ätherischen: Wachstums- und Gedankenkraft).

Es gibt heute eine umfangreiche Literatur darüber, wie das Denken in Todesnähe völlig anders erlebt wird: In lebendigen Bildern konnten die Betroffenen längst Vergessenes in großer Lebhaftigkeit, wie in einem gewaltigen Lebenspanorama, vor sich sehen. Auch waren sie selbst leicht wie ein Gedanke und konnten durch Mauern und andere physische Gegenstände hindurchgehen. Sie lebten nicht mehr im physischen Leib, sondern in ihrem ätherischen Organismus. Wurden sie dann durch Reanimation wieder zurückgeholt, wurde ihr Denken sogleich wieder blass und schattenhaft: Nachdem der ätherische Organismus erneut in den physischen Leib eingetaucht war, stand wieder nur ein Teil der Lebenskräfte für das gewöhnliche Denken zur Verfügung.

Die Gesetze des Raumes, die dem physischen Leib eigen sind, gelten nicht für den Ätherleib. Er folgt den Gesetzen der Zeit, den Rhythmen, der ganzheitlichen Ordnung und Integration. Zerfall und Isolierung, wie sie für das Physische typisch sind, gibt es im Ätherischen nicht. Das bedeutet aber auch, dass alles, was mit dem Leben und Denken zu tun hat, auf Integration, Verstehen, Zusammenhänge-Schaffen, Ordnen und Verwandeln angelegt ist. Wenn wir etwas nicht verstehen, ruhen wir nicht eher, als bis wir es soweit in unsere Gedankenwelt integriert haben, dass es Sinn macht. Wenn es sich jedoch als Irrtum herausstellt, wird es „verworfen“ und damit aus unserer Gedankenwelt ausgeschieden.

Lebenssicherheit und Sicherheit durch Verständnis nähren den Mut auf der ätherischen Ebene. Erst wenn ich etwas verstanden habe, fühle ich mich sicher. Wenn ich vor etwas Angst habe, lässt diese sogleich nach, sobald ich die angstauslösenden Faktoren durchschaut habe. Auch wenn man Todesangst hat, arbeiten die Gedanken fieberhaft daran, wie man dieser Gefahr entgehen könnte: Und manchmal bekommt man tatsächlich den erlösenden Einfall, was jetzt zu tun ist. Helen Prejean2 wurde in der Situation, als die Hinrichtung ihres Schutzbefohlenen nahte, klar, dass hysterisches Reagieren und Vor-Angst-Vergehen nichts bewirken, und dass die einzige Chance, jetzt noch zu helfen, darin bestand, dem Todgeweihten normale menschliche Fragen zu stellen. Ruhe und Sicherheit können in solchen Extremsituationen nur vom Denken ausgehen.

Eine tiefe Ruhe kann auch auf dem Wissen basieren, dass das eigene Wesen so unzerstörbar wie ein Gedanke ist – kann ich mich doch selbst denken. Stoffe können auseinanderfallen, Gedanken nicht: Sie hängen zusammen, haben Beziehung zueinander; sie sind rein geistige Kräfte – denkbar, aber nicht sinnlich anschaubar. Wenn ich an einen Menschen denke, ist es völlig gleichgültig, wo er sich in der Welt aufhält – meine Gedanken können ihn augenblicklich erreichen. Im Denken sind wir nicht abgegrenzt wie im physischen Leib. Wir berühren gedanklich alles, worüber wir nachsinnen.

Wer dafür sensibel ist, kann auch empfinden, wie andere Menschen über ihn denken. Er erlebt, wie die Kraft guter Gedanken die Atmosphäre erhellen kann (vgl. Gedankenkraft: Ätheraura der Erde kräftigen). Er erlebt aber auch, wie hässliche und schlechte Gedanken bedrücken und belasten können oder wie ein Spuk verschwinden, wenn Ehrlichkeit und Verständnis füreinander die Oberhand gewinnen. Sobald man den Bereich des Denkens betritt, gelangt man vom sinnlichen in den übersinnlichen Bereich (vgl. Gedankenkraft: Gedanken als Brücke zur Geisterfahrung). Und so vermittelt uns das Denken auch die Sicherheit, dass unser Dasein den physischen Leib überdauert, da es nicht ausschließlich an diesen gebunden ist.

Über den Ätherleib erleben wir Sicherheit, Sinnbezug, Vertrauen in die Wahrheit der Welt. Diese Qualitäten sind zugleich die Quelle für Mut.

Vgl. „Macht in der zwischenmenschlichen Beziehung“, 5. Kapitel, Verlag Johannes M. Mayer, Stuttgart – Berlin 1997**

  1. Rudolf Steiner, Die Geheimwissenschaft im Umriss.
  2. Helen Prejean, Dead Man Walking. New York 1993; dt. Übers. München 1996; neueste Ausgabe 2002.