Die positive Botschaft der Demenz

Was ist die Botschaft der Demenz aus anthroposophischer Sicht?

Wenn man das Krankheitsbild der Demenz als langsamen Exkarnations- und Sterbeprozess begreift, als ein bewusstes Sich-auf-die-Schwelle-Zubewegen, ist es nicht schwer, die dafür nötige Geduld aufzubringen und immer wieder innere Zwiesprache mit dem Erkrankten zu halten. Dann begreifen wir auch, wie viel es für ihn bedeutet, dass ihm von Seiten der Pflegenden die Betreuung des leiblichen Anteils abgenommen wird, während Seele und Geist schon ganz andere Erfahrungen machen. Im Sterben kommt beides wieder zusammen.

Das sind Früchte eines Erdenlebens, die man nur hervorbringen kann, wenn man das „In-christo-morimur“ des Sterbeprozesses erkennt (vgl. Sterben und Tod: Tod als Geistgeburt begriffen), was zu keiner anderen Zeit in dieser Form erlebt werden konnte, wie man es heute erleben kann.

Für mich ist das anthroposophische Verständnis der Demenz ein tiefer Trost, weil es uns die Möglichkeit gibt, erstens exzellent zu behandeln, was noch behandelbar ist, zweitens vorzubeugen, wann und wo immer man es hören will, und drittens die Schwellensituation so zu verstehen, wie sie heute verstanden werden muss: Demenzkranke sind Propheten und Signalträger, die uns Zeichen und Hinweise geben, dass dieses Stehen-an-der-Schwelle, dieses Sich-Orientieren-an-der-Schwelle genau das ist, worauf es heute ankommt (vgl. Ethische Fragen: An der Todesschwelle).

Bei allem Mitgefühl für den tiefen Schmerz der Angehörigen, sollten wir die Inspirationen dieser Erkrankung im Hinblick auf einen optimalen pflegerischen Umgang aufgreifen. Wir sollten aber auch die positive Botschaft für die heutige Zeit mit aufnehmen.

Ich wünsche mir, dass Sie alle durch ein umfassendes Verständnis dieser Erkrankung positive und kulturell wertvolle Signale zu setzen helfen, damit die Angst vor der Demenz, die so viele Menschen quält, schwinden kann, und dass zugleich der Mut wächst, ihr vorzubeugen, sodass rundum Positives daraus entstehen kann.

Vgl. Vortrag über Demenz im Hombrechtikon in der Schweiz 2007