Schicksalswürde bewahren helfen

Wie kann man die Schicksalswürde hilfebedürftiger Menschen wahren?

„Schicksalswürde bewahren“ – um dieses schöne Wort jetzt noch einmal auf den Punkt zu bringen – appelliert an die Fähigkeit, die Würde eines Menschen auch dann sehen und wahren zu können, wenn er äußerlich Symptome und Verhaltensweisen zeigt, die dem ganz normalen durchschnittsbildungsbürgerlichen Niveau nicht mehr entsprechen (vgl. Demenz: Würdige Pflege demenzkranker Menschen).

Was wir unter „normal“ verstehen – dass jemand sein Leben meistert, dass er alles zusammenhalten kann, über alles die Kontrolle hat – ist ein Ideal, das Freiheitsideal. Wenn man die Menschenwürde einzig und allein an diesem Autonomie-Ideal festmacht, wird diese Würde nur einer winzig kleinen Minderheit zugesprochen. Dann sind alle Abhängigen – und das ist heute schon ein Drittel der Menschheit – von diesem Ideal ausgeschlossen. Das kann es aber nicht sein.

Ideale sind Grundorientierungen, sind Richtungen, in die der Mensch strebt. Wenn sie einseitig werden, sind sie immer falsch. Es ist wahr: ohne Freiheit, ohne Autonomie, ohne Respekt vor der Autonomie des anderen und auch ohne Ehrlichkeit, ohne Wahrhaftigkeit im Zwischenmenschlichen wird das Leben würdelos, schwindet die Menschenwürde dahin. Aber auch ohne liebevolles Interesse, ohne liebevolles Verständnis für schwierige Situationen anderer Menschen schwindet sie dahin.

Ausgewogenheit zwischen Wahrheit, Liebe und Freiheit

Es braucht immer eine Art Gleichgewicht zwischen drei Idealen unterschiedlicher Art:

  1. Freiheit für das Wollen: dass man tun und umsetzen kann, was man will
  2. Liebe für das Fühlen: dass man liebevolles Verstehen aufbringt
  3. Wahrheit für das Erkennen: dass man das Wahre ausspricht

Das sind die Grundtugenden unserer menschlichen Natur (vgl. Ideale: Die Ur-Ideale – Wahrheit, Liebe und Freiheit). Wenn wir sie einigermaßen im Blick haben sowohl in dem, wonach wir individuell streben, als auch im sozialen Umgang miteinander, wird die Schicksalswürde immer gewahrt werden, in jeder Konstellation – auch bei Menschen, die hilflos sind, sei es nun im Kindesalter oder im späten Erwachsenenalter, im altersdementen Zustand.

Es geht darum, das Bewusstsein so auszurichten und spirituelle, nicht an die Sinne gebundene Erkenntnismöglichkeiten zu entwickeln, damit Geist, Denken, Imagination, Vision, Vorstellung – wie ich diese geistige Kompetenzen auch nennen mag – ersetzen und ergänzen, was die Augen nicht mehr sehen können. Dann kann man zu einem spirituellen Begreifen von Demenz sowie von jeglicher Behinderung kommen, dann kann man den Menschen wieder in seiner Ganzheit begreifen (vgl. Demenz: Demenz und Menschenwürde). Wer seine eigenen geistigen und sinnlichen Möglichkeiten gleichermaßen nützt, kann auch bei einem anderen das Geistige und Sinnliche wieder zusammen sehen und hat so die Möglichkeit spirituelles Begreifen zu üben.

Vgl. Vortrag „Schicksalswürde und spirituelles Begreifen der Demenz“, 19.2.2010.