Individualisierungsprozesse in der Menschheitsentwicklung

Welche Entwicklungen führten zur Individualisierung des Menschen?

In der urindischen Epoche lernten die Menschen die Welt der Sinne als „Maya“-Welt von der ihnen vertrauten Welt des Geistes zu unterscheiden. Erstmals konnten sie bewusst und individuell ihre Sinne gebrauchen.

In der urpersischen Epoche individualisierte sich das Denken. Die Zahl als reinster Gedanke wurde entdeckt und ihre ordnende Kraft gehandhabt.

In der ägyptischen Zeit der Pyramiden entstand die Kunde von der kurativen Medizin, von der Alchemie als dem Geheimnis der Verwandlung der Substanzen und ihrer Heilkraft. Auf der seelischen Ebene individualisierte sich erstmals das Gefühlsleben – insbesondere durch das Erleben von persönlicher Schuld und Krankheit.

In der griechisch-lateinischen Epoche individualisierte sich angesichts des Todesrätsels der Wille: „Es kann die Spur von meinen Erdentagen nicht in Äonen untergeh’n“ – so lässt es Goethe seinen Faust am Lebensende sagen. Faust hat – zu Beginn der Neuzeit – schon Gewissheit darüber, was Entwicklungsaufgabe der vierten Kulturepoche war: herauszufinden, was nach dem Tode bleibt. Erst wenn man mit seinen individuellen Taten verbunden bleiben will, für sie Verantwortung übernehmen will, ist die individuelle Kontinuität des Willens Bewusstseinstatsache geworden. Erst dann wird die Frage konkret, was mit demjenigen geschieht, der tätig war, wenn das Leben zu Ende ist. Der Tod des Christus auf Golgatha ist die menschheitliche Antwort auf diese Frage.

In der fünften Entwicklungsepoche der Menschheit – unserer gegenwärtig „neuzeitlichen“ – geht es um die Individualisierung des Ich – eben um die oben genannte Herauslösung aus allen Gruppenzusammenhängen von Familie, Volk, Tradition und Kultur. Die kollektive Identität stiftende Tragekraft solcher Gruppenzugehörigkeiten ist stark. Daher ist es für den Einzelnen schwer, sich daraus wirklich zu befreien und selbst zu bestimmen, wo und wie man sich für bestimmte Aufgaben mit anderen verbinden will. Am schwierigsten ist aber die Umwandlung des durch gesellschaftliche Normen, Gesetze und Regeln erzogenen und kontrollierten Menschen. Denn wenn die Außensteuerung immer weniger greift, der Wille zur autonomen Selbstbestimmung jedoch noch nicht so weit ist, die Führung zu übernehmen, treten alle möglichen Varianten des Machtmissbrauchs und Irrtums auf. Diese sind die notwendigen Schatten der Entwicklung zum autonomen „Einzel-Ich“, die in der fünften Kulturepoche mit der Individualisierung des Individuums ihren entscheidenden Durchbruch erlebt. Das Auftreten der Neigungen zum Bösen ist damit Kulturgeheimnis der fünften, d.h. unserer jetzigen, Entwicklungsepoche. Daher geht es heute um die Frage:

Wie lernt man angesichts des Bösen für das Gute zu erwachen?

Wie erkennt und überwindet man die bösen Neigungen in der eigenen Natur?

Wie kann dieser Entwicklungsprozess verständnisvoll und hilfreich begleitet werden?

Dazu ist eine „raphaelische Kultur“ nötig, ein Zusammenschluss vieler Menschen, die den Willen haben Orientierung zu geben, zu begleiten, zu helfen und Heilung zu vermitteln. Zu versuchen, die Mysterien des Heilens zu verstehen und sie im individuellen und sozialen Leben handhaben zu lernen, gehört daher zu den Kernaufgaben der fünften Kulturepoche.

Die sechste Kulturepoche wird der Gemeinschaftsbildung aus der Kraft des Ich gewidmet sein. Das Instrument dafür ist ein neuer Umgang mit dem Wort. So Sprache und Wort gegenwärtig zur Information und zum Klären von Missverständnissen dient – oder solche verursacht –, wird es in Zukunft nicht sein. Die Art des Sprechens wird vielmehr die Intentionen des einen für den anderen erlebbar machen. Der Gebrauch des Wortes wird Ausdruck des individuellen Ich sein und Vertrauen von Mensch zu Mensch begründen.

In der siebten Epoche wird sich der einzelne bewusst an das Ganze der Menschheit anschließen lernen und den Sinn der Schöpfung und der Menschheitsentwicklung begreifen. Dieses Verstehen und Bejahen durch den einzelnen Menschen, der dankbar ist dafür, sich entwickeln zu dürfen – das ist Seligkeit für Gott und seine Hierarchien: Gottseligkeit. Sie sehen ihr Werk „getan“ und lernen auch etwas Neues hinzu: die Erfahrungen der individuellen Menschen auf dem nicht einfachen Weg der „Ich“-Findung.

Sich verlieren, um sich neu zu finden

Gemeinsam ist also diesen Entwicklungsgeheimnissen die Aufgabenstellung der Individualisierung: Sinneswahrnehmung, Denken, Fühlen und Wollen sind als Fähigkeiten von Natur aus veranlagt, sind Geschenke der Entwicklung. Um sie jedoch im Sinne Goethes zu „erwerben“, „um sie zu besitzen“, bedarf es ihrer individuellen Aneignung. Diese fällt am schwersten in Bezug auf das Ich, das eigentliche Selbst des Menschen.

Wie kann der Mensch sein Ich „verlieren“, um es ganz aus sich selbst neu „zu finden“?

In einer Meditation im Rahmen seiner Esoterischen Schule fasst Rudolf Steiner dieses Geheimnis in folgende Worte:

Im Denken erwache: du bist im Geisteslichte der Welt. Erlebe dich als leuchtend, das Leuchtende tastend.

Im Fühlen erwache: du bist in den Geistes-Taten der Welt. Erlebe dich, die Geistes-Taten fühlend.

Im Wollen erwache: du bist in den Geistes-Wesen der Welt. Erlebe dich, die Geisteswesen denkend.

Im Ich erwache: du bist in deinem eignen Geistes-Wesen. Erlebe dich Sein von Göttern empfangend und dir selbst gebend.1

Die Dramatik der gegenwärtigen Situation der Menschheitsentwicklung lässt die mit dieser Aufgabe verbundene Schwierigkeit als eine Art globaler Identitätskrise überdeutlich werden. Dabei ist besonders erschütternd, dass das Böse in der menschlichen Natur nicht berechenbar, vorhersehbar, aus der Entwicklung und Erziehung unmittelbar ableitbar auftritt – sondern „banal“, wie Hannah Arendt sagt,2 in jedem Menschen potentiell anzu-treffen ist. Es muss sich der Abgrund des Bösen in jedem Menschen als Möglichkeit auftun, mit allen Schrecknissen und Verlockungen des „Nicht-Ich“, damit wir uns Schritt für Schritt aus eigener Einsicht und Erfahrung, aus eigener Kraft, „llein zur Wahrheit unseres Wesens hindurcharbeiten.

Christian Morgenstern hat diese Aufgabenstellung der fünften Kulturepoche in einem seiner Gedichte zutreffend zum Ausdruck gebracht:

Die zur Wahrheit wandern,
wandern allein,
keiner kann des andern
Wegbruder sein.
Eine Spanne gehn wir,
scheint es, im Chor...
bis zuletzt sich, sehn wir,
jeder verlor.
Selbst der Liebste ringet
irgendwo fern;
doch wer's ganz vollbringet,
siegt sich zum Stern,
schafft, sein selbst Durchchrister,
Neugottesgrund -
und ihn grüßt Geschwister
Ewiger Bund.3

Vgl. „Raphael und die Mysterien von Krankheit und Heilung“, Medizinische Sektion am Goetheanum 2015

  1. Rudolf Steiner, Zur Geschichte und aus den Inhalten der erkenntniskultischen Abteilung der Esoterischen Schule, 1904-1914, GA 265, Dornach 1987, S. 463-465, 477.
  2. Hannah Arendt, Eichmann in Jerusalem: Ein Bericht von der Banalität des Bösen, München 1986.
  3. Christian Morgenstern, Wir fanden einen Pfad, Basel 2004.