Menschenerkenntnis und die Mysterien von Hybernia

Was war Thema der Einweihung der hybernischen Mysterien?

Was haben die dort untersuchten Prinzipien mit den Bildprozessen von Blut und Nerven zu tun?

Inwiefern können sie uns heute noch zu vertiefter Menschenkenntnis verhelfen?

Einweihungsweg der Mysterien von Hybernia

Walter Holtzapfel hat in seinen schon erwähnten Buch „Medizin und Mysterien“ eine Recherche zum VI. und weiteren Kapiteln aus „Grundlegendes …“1 durchgeführt bezüglich möglicher Kongruenzen mit Erkenntnisprozessen in alten vorchristlichen Mysterien.2 Er bezieht sich darin auch auf Schilderungen Steiners über den Einweihungsweg der hybernischen (irischen) Mysterien.3 In den großen Mysterien von Hybernia ging es gemäß Steiners Ausführungen um die Frage nach dem Wesen und der Art des Zusammenwirkens von Form und Substanz/Stoff, was den Schülern auf dem Weg zur Einweihung zum Erlebnis gebracht wurde.4

  • Erster Schritt: Tasterlebnis polarer Prinzipien

Ein wesentliches Vorbereitungsinstrument zur Einweihung sei eine bestimmte Erfahrung im Umgang mit zwei kolossalen Statuen gewesen, die es immer wieder neu zu betasten und zu erleben galt:

  • 1. Die eine Statue war männlich. Ihr Haupt war gut durchgestaltet und bestand aus einem elastischen Material. D.h., auch wenn noch so starker Druck von außen darauf ausgeübt wurde, habe sich die ursprüngliche Form sogleich wiederhergestellt, da es innen hohl war.

  • 2. Die andere Statue wird als weiblich geschildert. Hier dominierte der Rumpf, und die übrige Gestalt blieb undeutlich. Sie war aus einer plastisch weichen Substanz hergestellt und beliebig umformbar, wenn Druck auf sie ausgeübt wurde. Diese Umformung blieb dann bestehen.

Durch jede der beiden Tasterfahrungen für sich hätte der Schüler nicht zur Erkenntnis der Wirklichkeit kommen können, Form und Substanz wären für ihn getrennte Welten geblieben.

  • Zweiter Schritt: Einsicht, dass beides Lebenswirklichkeit bildet

Das erlösende Erlebnis habe in der Einsicht bestanden, dass die beiden Prinzipien – Form ohne wandelbare Substanz versus wandelbare Substanz ohne Form – harmonisch zusammenwirken müssen, wenn Lebenswirklichkeit entstehen und begriffen werden soll.

Entsprechend sei zu den Statuen zu lesen gewesen:

Ich bin die Erkenntnis.
Aber was ich bin, ist kein Sein.
‚Wissenschaft‘

Ich bin die Phantasie.
Aber was ich bin, hat keine Wahrheit.
‚Kunst‘5

Die Art und Weise, wie in „Grundlegendes…“6, Kapitel VI die polaren Bildeprozesse

  • von Blut: „Substanz ohne feste Form“ – Sein
  • und Nerv: „Form ohne Inhalt“ – Form.

geschildert werden, zeigt, wie heute an solche Einweihungserlebnisse angeknüpft werden kann: indem wir die Prozesse individuell durchdenken und durchempfinden, um zu einer vertieften Menschenerkenntnis zu kommen.

Vgl. „Einleitung zu Band 15, Schriften zur Anthroposophischen Medizin, Kritische Edition der Schriften Rudolf Steiners“, frommann-holzboog Verlag, Stuttgart 20257

  1. Rudolf Steiner, Ita Wegman, Grundlegendes für eine Erweiterung der Heilkunst, GA 27.
  2. Siehe Holtzapfel (1984).
  3. Ebd., 49–74. Vergleichbares beschreibt er dann auch für Kapitel XII und die Mysterien von Eleusis, für Kapitel XIII mit Bezug auf die Mysterien des Mittelalters – die Berg- und Höhle- Erfahrung, für Kapitel XIV und die Mysterien von Ephesus sowie Kapitel XV und die Mysterien von Samothrake.
  4. Vgl. Rudolf Steiner, Die Weltgeschichte in anthroposophischer Beleuchtung und als Grundlage der Erkenntnis des Menschengeistes, GA 233, S. 62–67.
  5. Rudolf Steiner, Mysteriengestaltungen, GA 232, S. 113f.
  6. Siehe FN 1.
  7. In Band 15 der SKA findet sich auch das umfangreiche Literatur- und Referenzverzeichnis. Wer den Inhalt weiter vertiefen möchte, kann sich dort darüber informieren.