Biographiearbeit in der Partnerschaft

Inwiefern kann die Auseinandersetzung mit der eigenen Biographie bei Problemen mit dem Partner helfen?

Jede Biographie ist einmalig und ein Entwicklungsweg (vgl. Biographiearbeit: Der Mensch als sich entwickelnde Wahrheit). Je mehr wir uns für die Einmaligkeit des Partners als auch für die individuellen und gemeinsamen Entwicklungsmöglichkeiten interessieren, desto persönlicher und menschlich erfüllender kann die Lebensgemeinsamkeit werden. Arbeit an der eigenen Biographie bildet die wichtigste Voraussetzung, um die Biographie des anderen mit dem nötigen Interesse und Verständnis anschauen und befragen zu können.

Zwei Menschen, die sich entschließen zusammen zu bleiben, erzählen sich früher oder später wichtige Lebensereignisse und, wen sie vor dieser Freundschaft bzw. Liebe schon geliebt haben. Oft lässt diese Offenheit und Bereitschaft, Persönlichstes von sich zu erzählen, bald nach – sei es, dass das Leben anderes von einem fordert und kein besonderer Anlass mehr dafür gegeben ist, oder weil bereits erste Enttäuschungen stattgefunden haben und man beginnt, sich zu verschließen in der Meinung, dass man vom anderen doch nicht so in der Tiefe verstanden wird, wie anfangs angenommen. In einer solchen Situation kann es hilfreich sein, sich mit der eigenen Biographie zu beschäftigen. Zu diesem Thema steht umfangreiche Literatur zur Verfügung, ganz abgesehen davon, dass es an vielen Orten spezielle Biographieberatung und Biographiearbeit gibt.1

Aufgrund dieser Arbeit erwachen neue Fragen – an sich selbst und an den anderen. Einsichten und auch Verständnismöglichkeiten zeichnen sich ab, die helfen können, das eigene Verletzt-Sein zu überwinden und dem anderen mit neuer Unbefangenheit und voll Interesse zu begegnen. Entscheidend ist jedoch, ob man das will oder nicht: Denn es gibt immer auch Gründe, nicht zu wollen. Diese gilt es zu durchschauen und ihren lähmenden und destruktiven Charakter aufzudecken.

Biographie als Ausschnitt einer umfassenderen Entwicklung

Wenn man sich mit der eigenen Biographie zu beschäftigt, lernt man sie in ihrer Einmaligkeit als Ausschnitt einer umfassenderen Entwicklung anzuschauen. Denn jeder wird mit ganz bestimmten Fähigkeiten in eine so oder so und nicht anders geartete Familienkonstellation hinein geboren. Man erlebt außerdem, wie viele Wünsche, Erwartungen und Hoffnungen in einem Leben sich mit Sicherheit nicht erfüllen lassen, man sie also mit in den Tod nehmen wird.

Die Frage, woher wir kommen und wohin wir gehen, öffnet den Blick für die Tatsache der Wiederverkörperung als Entwicklungsgesetzmäßigkeit für den Menschengeist. Das menschliche Ich, der Kern der Persönlichkeit (vgl. Schicksal und Karma: Ich-Erleben und Schicksalsgestaltung), geht durch wiederholte Erdenleben hindurch und wird in jedem Leben zu einer anderen Persönlichkeit, dank der speziellen körperlichen Konstitution, die jemandem eigen ist, der Erdgegend, in der er geboren wird, der Geschlechtszugehörigkeit und der weiteren Schicksalsgestaltung. Das Ich nimmt die Erfahrungen aus den verschiedenen Lebensläufen in sich auf und gewinnt so ein immer umfassenderes Bewusstsein davon, was Menschsein und Menschlichkeit in Wahrheit bedeuten (vgl. Ideale: Die Ur-Ideale – Wahrheit, Liebe und Freiheit). Die Tatsache der wiederholten Erdenleben anzuerkennen, hat etwas ungemein Befreiendes, aber auch Heilsames für jede konkrete Schicksalssituation. Man kann nun in der scheinbaren Enge und Unausweichlichkeit bestimmter Lebenstatsachen Lernbedingungen erkennen für ganz bestimmte Fähigkeiten, die man nur in dieser scheinbaren Zwangssituation erreichen konnte. Denn jede Fähigkeit braucht für ihre Ausbildung die Erfüllung bestimmter Lernbedingungen: Egal ob es um den Erwerb des Führerscheins geht oder um ein Studium oder eine Berufsausbildung – immer müssen wir uns an bestimmte Lernvorgaben und Bedingungen halten, wenn wir die gewünschte Fähigkeit erlangen wollen. Haben wir sie einmal erworben, können wir in freier Weise damit umgehen. So kann ein ganzes Leben im Zeichen bestimmter, vielleicht auch belastender und schwieriger, Lebens- und Arbeitsbedingungen stehen.

Notwendigkeit und Freiheit

Was unter solchen Lebensbedingungen gelernt wird, steht in einem nächsten Erdenleben als angeborene, mitgebrachte Fähigkeit, u.U. sogar als Genialität zur freien Verfügung. Es hat – wie jedes Lernergebnis – unabhängig von den Bedingungen, unter denen man es erreicht hat, seine Bedeutung. In dieser Weise hängen Notwendigkeit und Freiheit im Schicksal jedes Menschen zusammen: Lernbedingungen stellen eine Notwendigkeit dar, wohingegen erlernte Fähigkeiten in freier Weise dort eingesetzt werden können, wo wir es für richtig halten und auch wollen.

Mit Hilfe des Schicksals- und Wiederverkörperungsgedankens wird das Leben allein und in Gemeinschaft mit einem oder auch mehreren Menschen zu einem Entwicklungsweg, der umso mehr Freude macht, je mehr man ihn als solchen erkennt. Denn man erlebt zunehmend, dass dieser Weg der richtige ist, der wirklich zu einem gehört, und man erfährt, in welch hohem Maß es von einem selbst abhängt, wie man sich zu ihm stellt und was man aus seinen Lernangeboten macht. Diese und ähnliche Überlegungen führen zu einem neuen Freiheitserleben und einer befriedigende Lebenseinstellung und sind die Quelle von Humor. Beim Lernen kommt es oft auch zu Fehlern, Irrtümern und Versagenszuständen, über die man später selbst oft lachen kann, über die aber auch andere ruhig schmunzeln dürfen. Beim nächsten Anlauf kann es nur besser werden ... Diese Einstellung der eigenen Biographie gegenüber eröffnet auch die Möglichkeit, sich der Biographie des Lebenspartners mit neuem Interesse zuzuwenden und die eigene Rolle darin zu überdenken. Man sollte manches ehrlich hinterfragen:

Wie kann ich wissen, was er sich für dieses Leben vorgenommen hat?

Wie vieles hat er vielleicht nur getan, um mich zufriedenzustellen?

Wie kann die Beziehung der Entwicklung beider dienen?

Fragen dieser Art eröffnen neue Dimensionen von Freundschaft und „Sich-verstehen“.

Vgl. „Macht in der zwischenmenschlichen Beziehung“, 6. Kapitel, Verlag Johannes M. Mayer, Stuttgart – Berlin 1997**

  1. Vgl. z.B. G. Burkhard, Das Leben in die Hand nehmen. Stuttgart 1992; dies.: Schlüsselfragen zur Biographie. Stuttgart 2004;
    B. Lievegoed, Lebenskrisen – Lebenschancen. Stuttgart 1979; ders.: Der Mensch an der Schwelle. Stuttgart 2012;
    M. Wais, Biographiearbeit - Lebensberatung. Urachhaus, 1992.