Besondere Verbindung zu Verstorbenen

Wie wirklichkeitsnah kann unsere Verbindung zu Verstorbenen sein?

Meine Großmutter lebte hier in Berlin und verlor ihren Ehemann im Ersten Weltkrieg. Sie hatte zwei kleine Kinder im Alter von einem und knapp drei Jahren, als er starb. Meine Großmutter und ihr Mann waren als junge Familie so miteinander verbunden, dass sie den Moment, in dem er auf dem Schlachtfeld fiel, in Berlin miterlebte: Sie wurde ohnmächtig und als sie wieder zu sich kam, wusste sie, dass ihr Mann gefallen war. Und sie hatte ein deutliches Bild von dem Ort des Geschehens vor sich. Das hatte sie aus der Ohnmacht mitgebracht. Dieses Erlebnis gab ihr die Kraft, mit ihren beiden Kindern sehr motiviert weiterzuleben. Doch weil sie nichts wusste über solche Erlebnisse, lebte sie auch mit der Frage:

Was war das, was ich da erlebte?

Eines Tages kam eine Dame zu Besuch und sagte: „Frau Wassermann, ich habe eine Botschaft von Ihrem Mann. Wollen Sie sie hören?“ Meine Großmutter war sehr interessiert. Daraufhin forderte die Dame sie auf, eine Hand auf ihre Schulter zu legen, da sie ein Medium wäre und direkt aufschreiben würde, was ihr Mann ihr zu sagen hätte. Obwohl ihr das Ganze ein wenig unheimlich war, ließ meine Großmutter sich aufgrund ihres Erlebnisses darauf ein – in dem Wissen, dass sie etwas zu lernen hatte. Mit dem Sterben waren Fragen verbunden, von denen sie bisher keine Ahnung gehabt hatte.

Das Ergebnis waren ganz wunderbare Briefe, die ihr gefallener Mann ihr aus dem nachtodlichen Leben schrieb. Sie zogen viele neue Fragen nach sich bezüglich ihres Inhalts. Ob sie das Gesagte wörtlich nehmen konnte oder ob sie das eine oder andere in Frage stellen musste.

Sie hatte das große Glück, durch eine Freundin auf die Vorträge Rudolf Steiners hingewiesen zu werden, der gerade in der Zeit des Ersten Weltkriegs viel über das nachtodliche und vorgeburtliche Leben sprach. Er wurde damals von vielen Menschen gebeten, den Weg von im Feld Gefallenen nachtodlich zu verfolgen und den Angehörigen etwas von diesen Erfahrungen zu berichten. Durch das Hören dieser Vorträge haben sich für meine Großmutter viele Fragen rund um diese Erlebnisse ganz von selbst beantwortet. Sie bekam dadurch die wunderbare Möglichkeit, ihr Erlebnis richtig einzuschätzen.

Man kann Erlebnisse haben, die man vorerst nicht versteht, und empfindet es dann als Gnade, wenn man Gedanken dazu mitgeteilt bekommt oder wenn einem ein anderer sagt, das habe er auch schon erlebt. Dann fühlt man sich in gewisser Weise wie neu geboren, wie bestätigt in sich selbst.

Begegnung im Traum

Zurück zu meiner Großmutter und meiner Mutter: Diese hatte als Kind von klein auf das große Glück, immer einen Vater zu haben, der zu ihr kam, wenn sie Fragen hatte oder in Not war, wenn sie verzweifelt war und nicht aus und ein wusste. Sie schlief zu solchen Zeiten abends ein und dann war ihr Vater da und hat sie beraten und getröstet. Meistens geschah es im Traum, ganz selten auch mal am Tag. Sie lernte ihn durch diese Begegnungen sehr gut kennen. Er verließ sie erst, als sie die Zwanzig bereits überschritten hatte. Er begleitete sie praktisch ihre ganze Kindheit und Jugendzeit lang. Oft wurde sie von Menschen bemitleidet, weil ihr Vater im Krieg gefallen war. Bei diesen Gelegenheiten lernte sie, dass es Menschen gab, denen sie sagen konnte, dass ihr Vater überhaupt nicht so tot war, wie die meisten dachten (vgl. Ethische Fragen: An der Todesschwelle). Es gab aber auch andere, denen sie das nicht erzählen konnte. Sie musste erst lernen, zwischen diesen beiden Arten von Menschen zu unterscheiden.

Vgl. Vortrag „Die Spirituelle Dimension der Todesnähe“, 14.09.2007