Wechselwirkungen der Wesensglieder 1 aufeinander

Welchen Einfluss haben die Wesensglieder aufeinander?

Die Betrachtung der Naturreiche zeigt, dass die höhere Naturordnung die nächstniedere durchdringt und beherrscht. So fügen sich beispielsweise die mineralischen Substanzen im Organismus einer Pflanze der Gesetzlichkeit des Lebens ein und folgen erst wieder ihrem eigenen anorganisch-physischen Gesetzeszusammenhang, wenn die Pflanze welkt und abstirbt. Entsprechend wirken auch die Wesensglieder im Menschen so aufeinander, dass die Funktionen des höheren Wesensgliedes diejenigen des nächstniederen weitgehend beherrschen.

Mit Hilfe der Ich-Organisation (vgl. Anthroposophische Menschenkunde: Begabungen der Ich-Organisation) kann der Mensch seine Intentionalität bzw. Willensbereitschaft auf alles richten, was ihm in Form von Gedanken oder Sinneseindrücken auf der Erde begegnet. Das ermöglicht reine Geistesgegenwart, völlige Unbefangenheit den Dingen der Welt gegenüber und Anwesenheit des Menschen-Ich in seiner körperlichen und seelisch-geistigen Existenz. In diesem Wesensglied sind wir immer „Herr der Lage“, indem es von uns abhängt, worauf wir unsere Aufmerksamkeit richten, wie wir unseren Willen einsetzen und demgemäß im Denken und Handeln tätig werden.

Schon weniger als Herr der Lage erleben wir uns im astralischen Organismus (vgl. Anthroposophische Menschenkunde: Begabungen des Astralleibes) mit seiner wogenden Gefühlswelt, mit dem Begehren und Wünschen, mit all den Empfindungen, die wir begrüßen und bejahen, aber auch mit all den Missstimmungen und Blockaden, über die wir uns ärgern und über die wir oft trotz großer Mühe wenig oder gar nicht hinwegkommen. Dennoch können wir auch erleben, welchen Einfluss das Ich auf den Astralleib haben kann, wenn wir das wollen: So kann eine jahrelange Missstimmung infolge einer Beleidigung durch einen anderen Menschen mit einem Schlage aufgelöst und beendet werden, wenn einer der Beteiligten sich zu dem Entschluss durchringt, den anderen um Verzeihung zu bitten. Seelische Kränkungen, die sich unter Umständen jahrzehntelang ausgewirkt haben, können so in überraschender Weise behoben werden. Die Folge ist eine Erfrischung und Entspannung des Seelenlebens. Alles geht plötzlich leichter, die Gefühle sind heller, strahlender, das ganze Lebensgefühl kann ein anderes werden.

Auch der ätherische Organismus (vgl. Anthroposophische Menschenkunde: Begabungen des Ätherleibes) ist in hohem Maße davon abhängig, wie das ihm übergeordnete Wesensglied, der Astralleib, im Leben beansprucht wird. Jeder, der sich nur ein wenig selbst beobachtet, weiß genau, wie sehr Emotionen und bestimmte Grundempfindungen die Lebensfunktionen beeinträchtigen oder aber fördern können. Wer kennt nicht die verzehrenden Gemütsstimmungen, die einen nachts nicht schlafen lassen: nagende Zweifel und damit verbundene Gefühlsspannungen, Sorgen und damit verbundene Ohnmachtsgefühle. Vor allem Emotionen wie Neid und Eifersucht zehren an den Lebenskräften. Freude und Herzlichkeit und ein gewisses Maß an Zufriedenheit und Ruhe hingegen sind Gefühle, die den Appetit anregen, die Atmung erfrischen, den Kreislauf und die Herztätigkeit unterstützen. Die Aufbauvorgänge des Organismus, das geordnete Zusammenwirken der aufeinander angewiesenen Organe mit ihren Funktionen und deren Wechselwirkungen brauchen für ihre zyklischen Abläufe im 24-Stunden-Rhythmus ein Gefühlsleben, in dem starke Spannungen immer wieder ausgeglichen werden können und das Auf und Ab der Gefühle und vielfältigen Emotionen immer wieder auch vollständig zur Ruhe gebracht werden kann.

Die Gesundheit des physischen Leibes (vgl. Anthroposophische Menschenkunde: Begabungen des physischen Leibes) wiederum ist abhängig davon, dass der Stoffwechsel mithilfe des Ätherleibes im Fließgleichgewicht gehalten wird und dass gute Gewohnheiten und ein hygienischer Lebenswandel nicht zu vorzeitigen Abnutzungserscheinungen führen oder er sonst zu Schaden kommt.

Wer in dieser Hinsicht Selbsterkenntnis und Selbsterziehung übt, bemerkt zwar, dass er in jedem Augenblick auf sein Wesensgliedergefüge in förderlicher Hinsicht Einfluss nehmen kann, dass das meist aber gar nicht leicht ist, weil die Wesensglieder einen erstaunlichen Widerstand bieten. So kann es bisweilen fünfzehn oder gar zwanzig Jahre dauern, bis man dem Astralleib eine Veranlagung zu Ungeduld und Sich-Gehetzt-Fühlen abgewöhnt hat (vgl. Lebensrhythmen: Innere Pflege von Wochen-, Monats- und Jahresrhythmus). Auch kann es große Mühe kosten, nur eine kleine Gewohnheit zu verändern, dem zyklisch arbeitenden Ätherleib mit seinen treuen gewohnheitsmäßigen Wiederholungen eine kleine Änderung beizubringen. Bisweilen gelingt es aber auch während eines ganzen Erdenlebens nicht, obwohl man vielleicht täglich oder immer wieder über eine längere Zeit damit gerungen hat.

Ist nun ein solches Bemühen umsonst?

Woher kommen die oft so starken Hemmnisse und Widerstände in den Wesensgliedern?

Es ist grundsätzlich möglich, durch Selbsterziehungsprozesse vom Ich aus in dieses Wesensgliedergefüge einzugreifen. Dennoch wird man dabei erleben, dass die Wesensglieder eine gewisse Konfiguration und Abgeschlossenheit haben, an der sich in diesem Leben grundsätzlich nicht so leicht etwas verändern lässt.

Am physischen Leib kann man das besonders deutlich sehen: Der Fingerabdruck bleibt zeitlebens derselbe, auch die Statur und Konstitution – und dennoch gibt es viele Einzelheiten, die sich im Laufe des Lebens ändern können. Der Gesichtsausdruck, die Mimik und die ganze Haltung spiegeln deutlich wider, welche Arbeit das Ich auf dem Umweg über Astralleib und Ätherleib am physischen Leib leisten kann, sodass man immer wieder auch von anderen Menschen, die einen länger nicht gesehen haben, hören kann: „Du hast dich aber verändert!“.

Vgl. „Begabungen und Behinderungen“, 7. Kapitel, Verlag Freies Geistesleben, Stuttgart 2004.

  1. Rudolf Steiner verwendet mit Bezug auf die Wesensglieder den Ausdruck „Leib“ als Synonym von „Organismus“ oder „Organisation“. Es ist mit diesen Worten stets auf den wirkenden, geformten Gesetzeszusammenhang hingewiesen, der eben ein in sich zusammenhängender, „organisierter“ ist.