Wirken der Wesensglieder in aufeinanderfolgenden Erdenleben

Der Gedanke, dass man nicht nur einmal lebt, ist naheliegend, wenn man sich mit Entwicklungsfragen beschäftigt. Denn:

Wie sollte eine Entwicklung zur vollen Menschlichkeit möglich sein, wenn man nur einmal lebt?

Die Logik wiederholter Erdenleben

Selbst so hervorragend entwickelte Menschen wie Goethe, Lessing, Friedrich der Große, Wilhelm Busch oder Franz Werfel1 wussten sehr genau, dass sie ihre Fähigkeiten einer längeren Vergangenheit zu verdanken hatten als der Kindheit und Jugend. Und sie konnten auch deutlich beschreiben, was ihnen noch zum vollen Menschsein fehlte und was zu erarbeiten weitere Erdenleben gar wohl lohnte.

Noch viel dringlicher stellt sich die Frage nach dem Sinn eines Erdenlebens, wenn es in der Kindheit infolge schwerer Krankheit oder Unfall bereits wieder endet oder von lebenslanger schwerster Behinderung gekennzeichnet ist. Oder aber, wenn ein Lebenslauf in Jugend, Lebensmitte oder Alter in Verzweiflung endet und die eigene Identität ganz und gar infrage gestellt wird. So wie im Laufe eines Erdenlebens Scheitern und Neubeginn möglich sind, so auch im Verlaufe von mehreren Erdenleben. Ein Leben, das im Zeichen des Scheiterns stand, kann, wenn es im nachtodlichen Leben aufgearbeitet ist2, einen völlig neuen Ansatzpunkt für die Weiterentwicklung im folgenden Erdenleben bieten (vgl. Schicksal und Karma: Konsequenzen von Handlungen und Lebensgewohnheiten für den weiteren Verlauf des Schicksals). Je kleiner der Ausschnitt ist, den wir aus einem Entwicklungsverlauf ins Auge fassen, umso sinnloser mag er dem Betrachter erscheinen. Je größer die Zusammenhänge sind, in die das Detail eingeordnet erscheint, umso deutlicher treten die Sinnbezüge zutage.

Im Gang der wiederholten Erdenleben erscheint der Mensch nicht nur jedes Mal in neuer physischer Gestalt, als Mann oder Frau, mit anderer Hautfarbe und in einer anderen Erdgegend. Auch sein ätherischer Organismus ist in jedem Erdenleben entsprechend anders konfiguriert, ebenso sein astralischer Leib und die Ich-Organisation. Die Umwandlungen und Änderungen sind jedoch dergestalt, dass sie vom Menschen selbst aufgrund seiner Taten und Erlebnisse in früheren Leben mit vorbereitet wurden. Allerdings geschieht diese Umwandlung vom einen Erdenleben in das nächstfolgende nach dem Tode in der geistigen Welt in Zusammenarbeit mit den Menschen, mit denen man auf der Erde gelebt und gearbeitet hat, insbesondere aber auch unter der orientierenden Mitarbeit der Hierarchien3. Was im Neuen Testament als „Gericht“ bezeichnet wird, ist nicht ein einmaliger Vorgang am Ende der Erdentage, sondern ein Ereignis, das im Kleinen zwischen jedem Tod und neuer Geburt stattfindet. Es hilft uns, unsere auf der Erde begangenen Taten im richtigen Licht zu sehen und an ihnen abzulesen, was wir in einem der folgenden Leben zu ihrem Ausgleich tun können bzw. müssen. Entsprechend gestalten sich dann die Verhältnisse des folgenden Lebens. Was unbewusst jede Nacht geschieht4, vollzieht sich im nachtodlich erwachten Geistbewusstsein bewusst.

Abdruck über Nacht, bzw. von Leben zu Leben

Nach jeder Nacht erwachen wir morgens mit unserem Ich erfrischt, bereit zu neuem Anfang. Oft haben wir uns auch über Nacht „eines Besseren besonnen“, fühlen uns auf-„gerichtet“ und sehen manches „mit neuen Augen“. Die Belastungen des vorigen Tages sind eine Schicht tiefer hinabgesunken und bedrängen uns nicht mehr so stark.

Sowohl in der Nacht als auch im nachtodlichen Leben arbeitet das jeweils übergeordnete Wesensglied die Erlebnisse des Tages bzw. des ganzen Erdenlebens in das nächstniedere Wesensglied wie einen Abdruck ein, es gibt sie ab. Damit ist am nächsten Morgen, bzw. beim Antritt eines neuen Erdenlebens, dieses Wesensglied wieder neu beeindruckbar durch die Ereignisse des neuen Tages und der Gegenwart. Die Ereignisse der Vergangenheit versinken in den unbewussten Lebensprozessen des Organismus und verwandeln sich entweder noch in diesem oder aber im nächsten Erdenleben zu Behinderungen oder Begabungen im Umgang mit uns selbst und anderen Menschen und Dingen.

1. Einfluss des Ich-Organismus auf den Astralleib

Die Art und Weise, wie der Mensch sein derzeitiges Erdenleben im Ich erlebt und bearbeitet, hat unmittelbare Auswirkungen auf die Erlebnisfähigkeit seines Astralleibes. Die Art und Weise, wie der Mensch seine Ich-Erlebnisse im letzten Leben seelisch verarbeitet hat bzw. nicht verarbeiten konnte, hat Auswirkungen auf die Lenkbarkeit und Beweglichkeit des Astralleibes im kommenden Erdenleben.

Wer also heute die Beschaffenheit seiner Wesensglieder ein wenig analysiert und sich fragt, mit welchen Gefühlen, Stimmungen, Wünschen und Neigungen sein Astralleib behaftet ist, kann ein wenig ahnen, was er im vergangenen Erdenleben im Ich erlebt und durchlitten hat. Ein Mensch, dem es gelungen ist, sich durch ein Erdenleben hindurch treu zu bleiben und die Ereignisse des Lebens positiv zu verarbeiten und als zu sich gehörig zu empfinden, wird mit einem empfindsamen und beweglichen Astralleib wiedergeboren, der sich leicht unter die Herrschaft des Ich stellt. Er wird nicht von Stimmungen heimgesucht werden oder an seinem Gefühlsleben kranken.

2. Einfluss des Astralleibes auf den Ätherleib

Entsprechend verhält es sich mit dem Ätherleib. Seine Konfiguration und Funktionsdynamik sind davon abhängig, mit welchen Gedanken, Gefühlen und Motiven der Astralleib als Träger des Seelenlebens und Bewusstseins Nacht für Nacht in die geistige Welt, bzw. in das nachtodliche Leben, eingetreten ist. Davon hängt ab, in welchem Maß er am kommenden Morgen – oder zu Beginn eines nächsten Erdenlebens – den Ätherleib anregen und erfrischen kann. Es wirkt sich aus, ob man sich der Umwelt gegenüber liebevoll aufschließen konnte oder ob man ihr sein Mitgefühl verweigert hat. All das bestimmt die Konfiguration des Ätherleibes im nächsten Leben.

3. Einfluss des Ätherleibes auf den physischen Leib

Die Konfiguration des Ätherleibes bestimmt, wie der physische Leib im darauffolgenden Erdenleben mit Krankheit und Gesundheit umgehen kann. Hier wirkt sich aus, ob der Ätherleib mithilfe von guten Gewohnheiten gepflegt oder von schlechten Gewohnheiten in seinen Kräften angegriffen wurde.

Entsprechend ist der heutige physische Leib von dem geprägt, was der Ätherleib im vorigen Erdenleben erlebt hat und dieser wiederum von dem, was den Astralleib im vorigen Leben bewegte.

Angesichts dieser Gesetzmäßigkeit, dass das jeweils übergeordnete Wesensglied auf das jeweils untergeordnete wirkt, bzw. die Arbeitsergebnisse aufgenommen und ins unbewusste Körperleben integriert werden, wird auch verständlich, warum es nur begrenzt sinnvoll ist, die Ursachen für Krankheiten und Behinderungen in diesem einen Erdenleben bzw. allein in Konstitution, Vererbung und Umwelt zu suchen. Ihren primären Ausgangspunkt haben sie in längst vergangenen Erdenleben (vgl. Schicksal und Karma: Ich-Erleben und Schicksalsgestaltung).

So erschreckend eine solche Betrachtung auf den ersten Blick auch sein mag, so zeigt sie doch auch, wie viele Möglichkeiten es gibt, durch Pflege, Erziehung und Selbsterziehung positiv auf die eigene Gesundheit und die seiner Mitmenschen Einfluss zu nehmen. Es liegt in hohem Maße an uns selbst, wie viel Unverarbeitetes und Ungelöstes oder gut Verarbeitetes und Erlöstes wir mit in die Nacht und durch den Tod tragen.

Vgl. „Begabungen und Behinderungen“, 8. Kapitel, Verlag Freies Geistesleben, Stuttgart 2004**

  1. Vgl. dazu Emil Bock, Wiederholte Erdenleben. Stuttgart, Neuaufl. 1997.
  2. Vgl. die Zusammenstellung wesentlicher Forschungsergebnisse Rudolf Steiners bei Martin Burckhardt, Die Erlebnisse nach dem Tod. Dornach 1996.
  3. Mit „Hierarchien“ wird die Rangordnung übersinnlicher Wesen bezeichnet. Sie reicht von den Engeln über die Erzengel, Archai, Exusiai, Dynamis, Kyriotetes bis hin zu den Thronen, Cherubinen und Seraphinen, die Gott unmittelbar schauen können. Diese Wesenheiten sind unter verschiedenen Namen in allen großen Religionen bekannt und finden auch im Neuen Testament z.B. als „Menge der himmlischen Heerscharen“ (Lukas 2,13) Erwähnung.
  4. Auf die Bedeutung der Nacht kann hier leider nicht näher eingegangen werden. Es sei hierzu auf das Buch von Stefan Leber verwiesen: Der Schlaf und seine Bedeutung. Stuttgart 1996.
    Ferner Sigismund von Heynitz, Wachen und Schlafen. Paderborn 1996.